Ich
hatte meinen Anwalt im Internet ausfindig gemacht und was mir sofort
ins Auge gestoßen war: Er ist der Leiter der Gesellschaft für
Ausländer in Brasilien, hat ein Foto von sich und dem Ex-Präsidenten
Brasiliens an einem auffälligen Ort auf seinem Blog positioniert und auf seiner Seite ist alles zu finden: von Deportation bis hin zu besonderen medizinischen Umständen. Schlicht alles, was juristisch mit Ausländern in Brasilien zu tun haben könnte. Ich hatte also meine letzte Rettung
ausfindig gemacht! Es musste sein, hatte ich doch die Advokaten
meines Bekanntenkreises bereits konsultiert mit der darauf folgenden
Erkenntnis, dass Migrationsrecht keinen Bestandteil einer normalen
juristischen Ausbildung in Brasilien ausmacht.
Dann
war es so, dass ich mit ihm einen Termin vereinbarte, für welchen
ich extra nach São Paulo fuhr. Also, dass sind gute vier Stunden mit
dem Bus und danach nochmal mindestens eine Stunde mit der Metro und
zu Fuß durch die Stadt. Er hat sein Büro am Sé; das ist einer der
dreckigsten zentralen Plätze von SP, wo viele Obdachlose rumhängen
oder so Leute, die mit Schildern durch die Gegend laufen mit
Aufschriften wie "Kaufe Schmuck, Gold etc.". Das Lustigste
war, dass ich Dr. Calderón, dessen Name selbst auf einen
Migrationshintergrund schließen lässt, dann auf der Straße vor
seinem Büro traf. Nun gut. Oben dann, im was weiß ich wievielten
Stock angekommen, war das Erste dann folgendes: Ich völlig nervös
meine Situation erklärend, er mir scheinbar nicht zuhörend meinen
Ausländerausweis betrachtend. Wenn ich nervös bin, neige ich eh
dazu, viel zu erzählen, um darüber hinwegzutäuschen, wie aufgeregt
ich im Moment bin. Dann geht er an seinen Computer und tippt
irgendeine kleingedruckte Nummer, die auf meinem Ausländerausweis
steht, auf der offiziellen Seite des Ministeriums für Justiz in die
Suchzeile, landet bei einem PDF und druckt es prompt aus. Ich
weiterlabernd, er sich das Dokument durchlesend. Dann sagt er: "Weißt
du was, du kannst dein Visum auf fünf Jahre verlängern. Schau
hier!" Und ich so: "Waaaas!?"
Nun
ist es nicht so, dass ich mich vor dem Treffen nicht ausführlich mit
Visamöglichkeiten beschäftigt hätte. Ich bin übrigens auch der
einzige Nichtbrasilianer aus meiner Seminartruppe damals gewesen, der
sein Visum verlängerte. Selbst die Leute von unserer Organisation
meinten zunächst, dass es nicht ginge, doch Naivität zahlt sich
manchmal aus. Ich habe den Eindruck, bei dem Thema wird viel Unsinn
verbreitet. Da ich wusste, dass die Polícia Federal für mein
aktuelles Visum zuständig war, schaute ich mich auf ihrer
Internetpräsenz einfach mal um und fand prompt eine Anleitung zur
Verlängerung. Nun stand es also schwarz auf weiß vor mir, in
Übereinstimmung mit Verordnung MJ nº 4/2015 sowie Artikel 22 aus
Dekret n° 86.715/81 und wir können aus allen uns zur Verfügung
stehenden Informationen schlussfolgern, dass ich mein Visum
erfolgreich verlängern konnte, nachdem ich übrigens geschlagene vier Mal bei
der Polícia Federal meiner Region aufgekreuzt war. An einer anderenStelle habe ich für diejenigen, die interessiert sein sollten, eine kleine Visa-Verlängerungsanleitung geschrieben. Doch
zurück zur Geschichte.
Leider
war es dann so, dass ich für den Fall bezüglich der fünfjährigen
Verlängerung in der Einrichtung hätte bleiben müssen, was jedoch
keine Option für mich gewesen wäre, weil ich den Dienst nicht nur
schon längst beendet, sondern auch über hatte. Aber das ist eine
andere Geschichte. Ich sagte ihm also, dass dies höchstwahrscheinlich
nichts wird. Dann zählte er mir die anderen Optionen auf, ich
drückte ihm die erste Anzahlung in die Hand (bis heute hat er
übrigens noch kein einziges Mal eine zweite Zahlung gefordert,
obwohl ich ihn schon mehrmals darauf hingewiesen habe) und dann bin
ich ziemlich aufgeregt und mit ratternder Birne wieder aus dem Laden
gegangen.
Was
interessant ist: Es gibt kein Visum, dass irgendwie einfach zu
bekommen wäre oder ohne Risiko halt. Folgende Möglichkeiten gäbe
es neben Heiraten oder Kinder bekommen: ein Investorenvisum (für das
ich aber 150.000 € gebraucht hätte, von daher:
*kleinetraurigeTrompete*), ein Arbeitsvisum, ein
Eingetragene-Partnerschaftsvisum und das Visum für außerordentliche
Fälle (dazu später mehr). Ansonsten Flüchtling oder dringende
medizinische Behandlung, Diplomat, Missionar (tatsächlich gibt es
dafür ein Extravisum!) oder dergleichen wären natürlich auch keine
Optionen gewesen.
Zunächst
dachte ich das Arbeitsvisum oder das Partnervisum wären Versuche
wert gewesen. Bei dem Partnerschaftsvisum handelt es sich um
folgendes: das ist besonders interessant für Leute, die in
lgbt*-Partnerschaften leben. Die dürfen hier zwar nicht heiraten;
unter der letztens eher liberal-sozialdemokratischen Regierung wurde
aber ein Gesetz verabschiedet, dass die unter den quasi gleichen
Rechten wie Eheleute zusammenleben dürfen und das gilt natürlich
auch für Ausländer. Und dadurch, dass es sich um ein
Gleichberechtigungsgesetz handelt, gilt das lustigerweise auch für
heterosexuelle Paare. Dazu hätte folgendes passieren müssen: mein
Anwalt wäre in die Stadt meiner Freundin gereist und hätte mit uns
zusammen beim offiziellen Stadtnotar (weiß nicht, wie ich das
Übersetzen soll: cartório – das ist eine sehr wichtige
Einrichtung in jeder Stadt, die jedwede Dokumente beglaubigt und für
den amtlichen Verkehr legalisiert. Sei es ein Vertrag, dass du ein
Auto gekauft hast und damit offiziell bestätigst, dass es dir gehört
oder eine Heirat vergleichbar mit einer standesamtlichen etc.) - also er
hätte beim Stadtnotar eine öffentliche Bekanntmachung aufgesetzt,
dass meine Freundin und ich zusammen wären. Dann hätten wir ein
gemeinsames Bankkonto aufmachen und ein Jahr warten müssen, weil man
dieses Partnerschaftsvisum nämlich nur bekommt, wenn man beweisen
kann, dass man ein Jahr lang zusammen ist (mit der beschissenen
Urkunde dann nämlich). Ich fand das Ganze irgendwie recht lustig und
mein Anwalt hatte mir auch Bespiele aus aus seinen Klientenakten
darüber gezeigt.
Das
Ding war, als ich meiner Freundin davon erzählte, ich denke, das war
der Moment, in welchem bei ihr die ersten Zweifel aufkamen und ich
kann es letztendlich auch verstehen. Es wäre in vielerlei Hinsicht
bedenklich gewesen, diese ganze Visageschichte von ihr abhängig zu
machen. Wer mag schon ein komplettes Jahr in die Zukunft schauen,
wenn man doch selbst nur ein halbes bisher zusammen ist? Wir sind
nicht mehr zusammen und ich denke, dass das Thema
Aufenthaltserlaubnis bei der ganzen Geschichte und Krise, die wir
durchlebt haben, eine gewisse Rolle gespielt hat. Aber hey, es wäre eine
Möglichkeit gewesen!
Variante
zwei und mein eigentlicher Plan: ein Arbeitsvisum. Das wäre ziemlich
abenteuerlich gewesen und zwar aus folgendem Grund: für ein
Arbeitsvisum muss man ins Ausland fahren, weil so ein Visum nur bei
einer brasilianischen Botschaft zu beantragen ist. Brasilianische
Botschaften gibt es aus der Logik heraus nicht in Brasilien. Die
nächste Botschaft befindet sich in Paraguay. Ich war sogar schon
einmal in Paraguay auf dem größten beschissenen Schmuggelmarkt von
ganz Südamerika ohne vorher wirklich etwas von seiner Existenz
gewusst zu haben (interessanterweise ist das bras. Generalkonsulat da
gleich um die Ecke), aber das ist eine andere Geschichte. Wenn alles
außer Plan gelaufen wäre und ich kein Arbeitsvisum vor dem Ablauf
meines aktuellen Visums bekommen hätte, hätte ich das Risiko in
Kauf nehmen müssen, die brasilianische Grenze illegal zu überqueren
und ich hätte das sogar bestimmt gemacht (ich sah mich auch schon
alternativ im Bus nach Uruguay oder Bolivien sitzen, aber egal!). Der
große Haken am Arbeitsvisum: Brasilien mag es nicht, wenn noch mehr
arme Leute in das Land kommen. Wer ein hohes Einkommen hat, der muss
auch schön hohe Steuern bezahlen (Das Verhältnis ist übrigens eins
zu eins. Wenn du z. Bsp. R$ 1500 im Monat netto verdienst, hast du
zusätzlich R$ 1500 Steuern am Hals.) Und um zu garantieren, dass du
kein beschissener armer Ausländer bist, geben die nur Leuten ein
Arbeitsvisum, die einen Vertrag mit einem monatlichen Einkommen von
R$ 2000 mitbringen (ja richtig: plus fucking R$ 2000 Steuern). Das
ist nicht gerade wenig Geld hier und ich lebe in einer sehr armen,
abgehängten Stadt (nicht ohne Grund bin ich hier ursprünglich als
Entwicklungshelfer angekommen). Ich habe mich nun als Deutsch- und
Englischlehrer auf alle potentiell mir zur Verfügung stehenden
Stellen beworben und nirgendwo würde ich auf so ein hohes Einkommen
stoßen. In größeren Städten vielleicht, aber nicht hier. Zudem
wollte ich eh nicht hier weg wegen meiner Ex-Freundin und der
Brotfabrik (das wäre auch nochmal eine andere Geschichte; ich habe
gewisse Geschäftsideen...). Dass das also nichts wird, ist mir
bewusst geworden, nachdem ich ein paar recht demotivierende
Bewerbungsgespräche hatte („Hey, du kannst ja vielleicht
aushilfsmäßig bei uns arbeiten. Wir melden uns dann im in ein bis
zwei Monaten.“). Von daher habe ich letztendlich meinen Anwalt
gebeten, die Idee zu ändern und eine Bitte für ein Visum für
außerordentliche Fälle einzureichen (was wäre ich auch anderes als
ein solcher!). Es handelt sich dabei um folgendes: Wenn du einen
beschissenen Beweis dafür hast, dass ausgerechnet du gut für
Brasilien bist, dann geben sie dir eine permanência, ein
beschissenes permanentes Visum für den beschissenen Rest deines
Lebens (das kriegst du sonst nur bei Heirat oder Kindern, zum
Vergleich Arbeitsvisum: ein Jahr mit Möglichkeit auf Verlängerung
auf ein weiteres Jahr; das gleiche gilt für mein aktuelles Visum
[Visum für soziale Arbeit und Forschung übrigens nebenbei
bemerkt]). Und dafür gibt es in der Hauptstadt Brasília einen
offiziellen Rat, der dann darüber entscheidet, ob du krass genug
bist. Mein Anwalt meint, mit der Brotfabrik, die wir gerade bauen, und allem stehen die
Chancen ziemlich gut wie gesagt. Das freut mich sehr. Was auch cool
ist, dass ich das Land nicht verlassen muss (jedoch auch nicht darf,
ist aber bequemer als illegal über die Grenze...). Das wird schon
klappen. Ein bisschen verrückt ist das jedoch schon alles.
Mein
Anwalt ist übrigens Peruaner. Ich hatte ihn gefragt, ob er aus
Paraguay kommt, weil neben seinem Schreibtisch im Büro ein kleines
Tischchen mit haufenweise Krams drauf steht unter anderem mit einer
paraguayischen Flagge. Und er: „Nein, das sind alles Geschenke von
meinen Klienten. Das war von einem aus Paraguay. Hier, das ist ein
Bier aus Kuba...“ etc. etc. Über allem hängt natürlich nochmal
in einem fetten verschnörkelten Holzrahmen das Bild von ihm mit dem
Expräsidenten Lula (da hatte er es geschafft, dass irgendein
Migrationsgesetz geändert wurde, I don‘t remember, was genau).
„Meine Klienten vertrauen mir.“ Was lustig ist, dass ich keine
fünf Minuten vorher Einblicke in die privaten Akten von einigen
seiner Fälle hatte, als er mir die Visaprozesse verdeutlichte (mit
einigen intimen Details: Partnerschaftsvisum → Kuschelfotos als
Beweise, dass die Herrschaften zusammenleben etc.). Dann hatte ich
ihn einmal zwischendurch angerufen, als ich irgendeine Frage hatte
und er so: „Ich kann gerade nicht, amigo! Es sind gerade fünf
Argentinier ins Gefängnis gekommen und jetzt habe ich alle Hände
voll zu tun! Um abraço! Bis später!...tut...tut...tut...“ Oder
halt so Sachen wie Emails und WhatsApp-Nachrichten mit Smileys. Ich
weiß nicht, das alles sind Sachen, die ich von einem Anwalt
eigentlich nicht erwarten würde und der Typ war auch hart gepimpt in
seinem Anzug als ich in São Paulo war, aber hey, das ist halt
Südamerika hier. Ich muss mich an vieles noch immer gewöhnen. Aber
das Wichtigste ist eigentolich, dass ich ein gutes Gefühl bei der
Sache habe im Moment.



