Montag, 2. März 2015

Institutionen!

Zeit mal wieder den guten alten Blog zu beleben!

Mittlerweile habe ich schon einen guten Pott an Erfahrung sammeln können bezüglich der brasilianischen Institutionen und dem allgemeinen Behördendschungel. Krankenhaus, Botschaft, Post und jetzt auch noch Polizei – juhuu! Oder sollte ich besser sagen: Manchmal können diese interkulturellen Erfahrungen auch ein wenig nerven. Nach meinem Sommerurlaub, in welchem ich ein wenig durch Brasilien getingelt war und die unterschiedlichsten Orten kennenlernen durfte, stellte ich beim Blick auf meine Kontoauszügen fest, dass ich scheinbar in irgendeiner Stadt in den USA einen ordentlichen Betrag Geld abgehoben hatte. Das Problem: ich war noch nie in den USA und wusste ziemlich schnell, dass wohl jemand meine Karte kopiert und die Daten verkauft hatte oder ähnliches. Um den Betrag von meiner Bank wieder zurück zu bekommen, musste ich eine Anzeige erstatten. Also auf zur Polizeidelegation meines Stadtviertels! 

Nun, man war dort eher reserviert. Ich sollte den kompletten Tatbestand aufschreiben und am nächsten Tag wieder kommen. Kein Problem! Ich beherrsche ja mittlerweile Portugiesisch in Wort und Schrift perfeitamente, als hätte ich es mit der Muttermilch aufgenommen (/Ironie off) und so schrieb ich mir einen zurecht und erschien pünktlich am nächsten Tag. Nun war da auf einmal ein anderer Beamter, der sich einen feuchten Kehricht für mein Geschreibsel interessierte und meinte, ich solle mich lieber an die Delegation im Zentrum der Stadt wenden, weil mein Fall aufgrund meines besonderen Status als Ausländer natürlich recht heikel sei und im Zentrum die speziellen Spezialisten für solche Angelegenheiten zur Verfügung ständen. Easy-peasy! Schwinge ich mich also nach meiner „total relaxten“ Intensivarbeit mit schreienden Kleinkindern auf meinen wackeligen, ständig Luft verlierenden Drahtesel und düse die beiden Hügel, die jeder für sich höher sind als jede Erhebung, die aus meiner Heimatstadt kenne, Richtung Zentrum. Beim Revier angekommen empfängt man mich mit erwarteter Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft (Wenn du einen Brasilianer zum Lachen bringen möchtest, kannst du ihm erzählen, dass in Deutschland die Cops auch als „dein Freund und Helfer“ bezeichnet werden):
„Wie, Sie sind Ausländer? Deutscher? Dann wenden Sie sich doch einfach an eine deutsche Behörde!“
„Mh, aber ich bin ja zur Zeit nicht in Deutschland gemeldet und außerdem gibt es hier vor Ort keine deutschen Behörden."
"Verstehe, aber wieso sind Sie eigentlich nicht zu der Polizeibehörde gegangen, die für Sie zuständig ist?"
„War ich ja, aber dort meinten sie, ich solle hierher wegen den speziellen Experten...“
„Mh, naja, heute wird das jedenfalls nichts mehr mit ihrem Anliegen, weil es ist ja schon spät und so und jetzt bearbeiten wir nur noch Notfälle *räusper* Kommen Sie einfach morgen früh wieder, dann ist auch der benötigte Experte vor Ort.“
Kein Problem! Ist ja nicht so, dass ich irgendwie Vollzeit arbeiten müsste oder so!
Zum Glück bekam ich frei und radelte am nächsten Tag wieder die Steigungen hoch. Nach einer Stunde Wartezeit empfing mich genau der gleiche Beamte wie am Vorabend, um mein Anliegen zu bearbeiten. Da musste wohl ganz schön was los gewesen seit meiner Abwesenheit, wenn er über Nacht plötzlich zum Experten für Ausländerangelegenheiten ernannt worden war! Jedenfalls hatte er nun keine Idee mehr, wie er meinen Fall weiter prokrastinieren könnte und nahm meine Daten zu Protokoll. Und siehe da: drei Tage später konnte ich mir das Zeugnis der Anzeige abholen, um es bei meiner Bank vorzulegen (deren Mitarbeiter sich bestimmt mächtig über die kostenlose Portugiesisch-Lektion freuten). Aber hey, ich hab das Geld wieder und bin darüber hinaus reicher an Erfahrung geworden.

Brasilien wäre ein Traum für Franz Kafka gewesen. Letztens war ich bei der Post, um Briefmarken für Postkarten zu kaufen. Nachdem ich eine gefühlte Ewigkeit, in welcher man locker Auf der Suche nach der verlorenen Zeit und Anna Karenina hätte durchlesen können, in der Warteschlange stand, obwohl gerade einmal drei Personen vor mir dran waren, durfte ich endlich den heiligen Schritt an den Schalter wagen.
Para Alemanha?!“, fragte mich die Postdame sich vergewissernd.
Oh oh! Schon wieder so ein Sonderfall! Es folgte emsiges Tippen in einen alten Computer. Brasilianer benutzen Wartezeit oft zum Schnacken. Da ich aufgrund meiner deutschen Art nicht gerade ein besonders begeisterter Small-Talker bin und darüber hinaus meine Sprachbarriere mich eher als Small-Stammler ausweist, benutze ich solche Momente meist zur Beobachtung und Kontemplation. Mir fiel die vergilbte Bluse der Angestellten auf. Zunächst fragte ich mich, ob dies das Schicksal aller weißen Klamotten sei, wenn man kein warmes Wasser zum Waschen zur Verfügung hätte. Doch plötzlich kam ihr beleibter Kollege hinter einer grauen Trennwand hervor, gekleidet in ein Hemd der selben Farbe und ein anderer Verdacht bestätigte sich: Vergilbt ist die offizielle Uniformfarbe der brasilianischen Post! Es hätte mir eigentlich vorher auffallen können, schließlich hatten die Wände die gleiche Farbe! Da fällt mir ein, dass ich aufgrund der Klimaverträglichkeit zwei weiße Hemden aus Deutschland mitgebracht hatte, die ich aber de facto nie trage. Ich falle mit meinen blonden Haaren und meiner hellen Haut schon so genug auf, da muss ich nicht noch zusätzlich wie ein Kolonial-Tropenforscher durch die Favela laufen. Fehlt nur noch der Safarihut und lautstarkes Werner-Herzog-Englisch! Einmal sagte eine Verkäuferin zu mir, dass ich so schöne blaue Augen hätte, dass ich doch bitte bei ihrer Beerdigung mit am Grab stehen solle. Immerhin ein recht unkonventionelles Kompliment, auch wenn ich nicht wusste, was ich darauf hätte antworten sollen.
„Hier ihre Briefmarken.“
„Mh?“
„Hier sind ihre Briefmarken. Sechs Reais bitte!“
Oh, ich musste wohl gerade in Gedanken gewesen sein. Mh, vier fette Briefmarken pro Postkarte, unter anderem mit so lustigen Beträgen wie zehn centavos (umgerechnet gute drei Cent). Ob da noch Platz zum Schreiben bleibt? Aber immerhin: ungefähr ein Euro für eine Postkarte nach Deutschland ist auf jeden Fall ein schmaler Preis. Ist halt noch verstaatlicht hier, wissen's schon...

Bei nächsten Mal gibt’s auch mal wieder was über die Arbeit - versprochen! Und übers Reisen! Oh, und ich darf nicht vergessen, vom carneval zu berichten! Der ist hier auf jeden Fall ein wenig anders als das hier zum Beispiel!

Ahoi und bis bald!

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