Zeit mal wieder den
guten alten Blog zu beleben!
Mittlerweile habe
ich schon einen guten Pott an Erfahrung sammeln können bezüglich
der brasilianischen Institutionen und dem allgemeinen
Behördendschungel. Krankenhaus, Botschaft, Post und jetzt auch noch
Polizei – juhuu! Oder sollte ich besser sagen: Manchmal können
diese interkulturellen Erfahrungen auch ein wenig nerven. Nach meinem
Sommerurlaub, in welchem ich ein wenig durch Brasilien getingelt war
und die unterschiedlichsten Orten kennenlernen durfte, stellte ich
beim Blick auf meine Kontoauszügen fest, dass ich scheinbar in
irgendeiner Stadt in den USA einen ordentlichen Betrag Geld abgehoben
hatte. Das Problem: ich war noch nie in den USA und wusste ziemlich
schnell, dass wohl jemand meine Karte kopiert und die Daten verkauft hatte
oder ähnliches. Um den Betrag von meiner Bank wieder zurück
zu bekommen, musste ich eine Anzeige erstatten. Also auf zur
Polizeidelegation meines Stadtviertels!
Nun, man war dort eher
reserviert. Ich sollte den kompletten Tatbestand aufschreiben und am
nächsten Tag wieder kommen. Kein Problem! Ich beherrsche ja
mittlerweile Portugiesisch in Wort und Schrift perfeitamente, als
hätte ich es mit der Muttermilch aufgenommen (/Ironie off) und so
schrieb ich mir einen zurecht und erschien pünktlich am nächsten
Tag. Nun war da auf einmal ein anderer Beamter, der sich einen
feuchten Kehricht für mein Geschreibsel interessierte und meinte,
ich solle mich lieber an die Delegation im Zentrum der Stadt wenden,
weil mein Fall aufgrund meines besonderen Status als Ausländer
natürlich recht heikel sei und im Zentrum die speziellen
Spezialisten für solche Angelegenheiten zur Verfügung ständen.
Easy-peasy! Schwinge ich mich also nach meiner „total relaxten“
Intensivarbeit mit schreienden Kleinkindern auf meinen wackeligen,
ständig Luft verlierenden Drahtesel und düse die beiden Hügel, die
jeder für sich höher sind als jede Erhebung, die aus meiner
Heimatstadt kenne, Richtung Zentrum. Beim Revier angekommen empfängt
man mich mit erwarteter Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft (Wenn du
einen Brasilianer zum Lachen bringen möchtest, kannst du ihm
erzählen, dass in Deutschland die Cops auch als „dein Freund und
Helfer“ bezeichnet werden):
„Wie, Sie sind
Ausländer? Deutscher? Dann wenden Sie sich doch einfach an eine
deutsche Behörde!“
„Mh, aber ich bin ja zur Zeit nicht in Deutschland gemeldet und außerdem gibt es hier vor Ort keine deutschen Behörden."
„Mh, aber ich bin ja zur Zeit nicht in Deutschland gemeldet und außerdem gibt es hier vor Ort keine deutschen Behörden."
"Verstehe, aber
wieso sind Sie eigentlich nicht zu der Polizeibehörde gegangen, die
für Sie zuständig ist?"
„War ich ja, aber
dort meinten sie, ich solle hierher wegen den speziellen Experten...“
„Mh, naja, heute
wird das jedenfalls nichts mehr mit ihrem Anliegen, weil es ist ja
schon spät und so und jetzt bearbeiten wir nur noch Notfälle
*räusper* Kommen Sie einfach morgen früh wieder, dann ist
auch der benötigte Experte vor Ort.“
Kein Problem! Ist ja
nicht so, dass ich irgendwie Vollzeit arbeiten müsste oder so!
Zum Glück bekam ich
frei und radelte am nächsten Tag wieder die Steigungen hoch. Nach
einer Stunde Wartezeit empfing mich genau der gleiche Beamte wie am
Vorabend, um mein Anliegen zu bearbeiten. Da musste wohl ganz schön
was los gewesen seit meiner Abwesenheit, wenn er über Nacht
plötzlich zum Experten für Ausländerangelegenheiten ernannt worden war! Jedenfalls hatte er nun keine Idee mehr, wie er meinen Fall
weiter prokrastinieren könnte und nahm meine Daten zu Protokoll. Und
siehe da: drei Tage später konnte ich mir das Zeugnis der
Anzeige abholen, um es bei meiner Bank vorzulegen (deren
Mitarbeiter sich bestimmt mächtig über die kostenlose
Portugiesisch-Lektion freuten). Aber hey, ich hab das Geld wieder und
bin darüber hinaus reicher an Erfahrung geworden.
Brasilien wäre ein
Traum für Franz Kafka gewesen. Letztens war ich bei der Post, um
Briefmarken für Postkarten zu kaufen. Nachdem ich eine gefühlte
Ewigkeit, in welcher man locker Auf der Suche nach der verlorenen
Zeit und Anna Karenina
hätte durchlesen können, in der Warteschlange stand, obwohl gerade
einmal drei Personen vor mir
dran waren, durfte ich endlich den heiligen Schritt an den Schalter
wagen.
„Para
Alemanha?!“, fragte
mich die Postdame sich vergewissernd.
Oh
oh! Schon wieder so ein Sonderfall! Es folgte
emsiges Tippen in einen alten Computer. Brasilianer benutzen
Wartezeit oft zum Schnacken. Da ich aufgrund meiner deutschen Art
nicht gerade ein besonders begeisterter Small-Talker bin
und darüber hinaus meine Sprachbarriere mich eher als Small-Stammler
ausweist, benutze ich solche Momente meist zur Beobachtung und
Kontemplation. Mir fiel die
vergilbte Bluse der Angestellten auf. Zunächst fragte ich mich, ob
dies das Schicksal aller weißen Klamotten sei, wenn man kein warmes
Wasser zum Waschen zur Verfügung hätte.
Doch plötzlich kam ihr beleibter Kollege hinter einer grauen
Trennwand hervor, gekleidet in ein Hemd der selben Farbe und ein
anderer Verdacht bestätigte sich: Vergilbt ist die offizielle
Uniformfarbe der brasilianischen Post! Es hätte mir eigentlich
vorher auffallen können,
schließlich hatten
die Wände die gleiche Farbe! Da fällt mir ein, dass ich aufgrund
der Klimaverträglichkeit
zwei weiße Hemden aus Deutschland mitgebracht hatte, die ich aber de
facto nie trage. Ich falle mit meinen blonden Haaren und meiner
hellen Haut schon so genug auf, da muss
ich nicht noch zusätzlich wie ein Kolonial-Tropenforscher durch die
Favela laufen. Fehlt nur noch der Safarihut und lautstarkes
Werner-Herzog-Englisch! Einmal sagte eine Verkäuferin zu mir, dass
ich so schöne blaue Augen
hätte, dass ich doch bitte bei ihrer Beerdigung mit am Grab stehen
solle. Immerhin ein recht unkonventionelles Kompliment, auch wenn ich
nicht wusste, was ich darauf hätte antworten sollen.
„Hier
ihre Briefmarken.“
„Mh?“
„Hier
sind ihre Briefmarken. Sechs Reais bitte!“
Oh,
ich musste wohl gerade in Gedanken gewesen sein. Mh, vier fette
Briefmarken pro Postkarte, unter anderem mit so lustigen Beträgen
wie zehn centavos (umgerechnet gute drei Cent). Ob da noch Platz zum
Schreiben bleibt? Aber immerhin: ungefähr ein Euro für
eine Postkarte nach Deutschland ist auf jeden Fall ein schmaler
Preis. Ist halt noch verstaatlicht hier, wissen's
schon...
Bei
nächsten Mal gibt’s auch mal wieder was über die Arbeit -
versprochen! Und übers Reisen! Oh, und ich darf nicht vergessen, vom
carneval zu berichten! Der ist hier auf jeden Fall ein wenig anders
als das hier zum Beispiel!
Ahoi
und bis bald!
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