Mittwoch, 21. Januar 2015

Weihnachten mit den Marimbondos


Oh Mann! Ich sollte den guten alten Blog nicht vergammeln lassen!

Nun gut, es ist einiges an Schlammwasser den Amazonas hinunter geflossen, seit dem ich mich das letzte Mal gemeldet hatte. Meine hiesige Abwesenheit hatte Gründe. Ich war unterwegs. Und unter anderen im Krankenhaus...

Keine Panik! Alle Körperteile sind noch dran. Ich bin jedoch seitdem ein wenig vorsichtiger, was die brasilianische Kleintierwelt anbelangt. Und zwar begab es sich noch im vergangenen Jahr eines schönen Tages, dass ich die Treppe zum Musikraum hinauf stieg, wo ich üblicherweise ein paar von unseren Kiddies Gitarren- und Flötenunterricht gebe und auch gerne die Räumlichkeit selbst zum Üben in der Mittagspause benutze (das ein oder andere Mittagsschläfchen war mir auch gegönnt gewesen). Jedenfalls bemerkte ich, so wie ich die Stufen hinauf stieg, ein paar mir unbekannte schwarze Insekten, die gerade tüchtig damit beschäftigt waren, ein Nest an der Treppe zu bauen. Vorsichtig ging ich an ihnen vorbei, ohne das sie mir auch nur die geringste Beachtung schenkten. Später fragte ich eine der Erzieherinnen, ob die Viecher gefährlich seinen, was jene verneinte.

Nun saß ich bereits am dritten Tage nach meiner Entdeckung im sala de música und gab gerade eine Gitarrenstunde als ich bemerkte, dass uns ein paar Noten fehlten, um „Stille Nacht“ (noite feliz) zu spielen. Also schickte ich ein Mädchen los, uns diese aus dem Büro von unten zu holen. Sie kam jedoch nach einigen Sekunden wieder zurück und sagte, sie würde sich nicht hinunter trauen, weil die „Bienen“ sie gestochen hätten. Bienen?! Moment mal, die sehen doch eigentlich ganz anders aus (da jedenfalls, wo ich her komme)! Nun ratterte alles in meinem Kopf und ich dachte: okay, das Mädchen wurde gestochen und ich weiß nicht, ob sie vielleicht allergisch ist und eventuell Hilfe benötigt. Auf der anderen Seite wunderte ich mich, weil die Viecher mich bisher unbehelligt ließen. Ich machte deswegen den Selbstversuch, verließ den Raum und siehe da! Es fühlte sich so an, als würde mich das ganze Nest attackieren. Stiche an den Armen, Beinen, unter den Augen, an Ohren und Nase, im Nacken und durch die Kleidung im Rücken. Das Ergebnis war, dass ich schreiend über den Innenhof unserer Einrichtung rannte und allerlei Leute, die sich gerade in ihren Kursen befanden, aus ihren Räumen stürmten, um in Erfahrung zu bringen, was gerade los sei. Ich wurde unverzüglich ins Krankenhaus gebracht, weil keiner den Grad der Gefahr abschätzen konnte, da ich ja noch nie von speziell von diesen Viechern gestochen wurde und die Möglichkeit einer Allergie nicht auszuschließen war (gegen deutsche Bienen habe ich jedenfalls zum Glück keine Allergie). Auf dem Weg zum Krankenhaus wurde mir erzählt, dass eine Bekannte schon einmal an Stichen gestorben sei, weil sie allergisch war. Das will man natürlich in so einer Situation am liebsten hören!

Nun gut, im Krankenhaus stellten sie fest, dass mein Blutdruck lediglich ein wenig erhöht war (wer hätte das vermutet???) und mir wurde ein Antiallergikum verabreicht, was mich zumindest physisch für die nächsten paar Tage gut ausknockte. Im Großen und Ganzen alles nochmal gut gegangen! Lustigerweise steht direkt neben der 24h Notfallstelle vom Krankenhaus ein 24h Beerdigungsunternehmen und genau daneben wiederum eine 24h Imbißbude (lanchonete). Hier wird noch pragmatisch gedacht!

Mittlerweile weiß ich auch, dass es sich bei den schwarzen Viechern um eine aus Afrika eingeschleppte Wespenart namens Marimbondo handelte. Das Nest wurde entfernt und liegt nun bei meiner Babygruppe auf dem Jahreszeitentisch (natürlich ohne Bewohner!)

Jo, dass man sich hier Mückenstiche holt, ist etwas ganz Alltägliches. Ich habe bereits Moskitos in den unterschiedlichsten Größen gesehen. Während ich diesen Text hier schreibe schwirrt mir sogar einer um die Ohren. Jedoch ob klein oder groß: alle wollen dein Blut! Irgendwann kratzt es dich nicht mehr, weil du eh nicht viel dagegen machen kannst und die Stiche allgemein kaum der Rede wert sind (es sei denn du bekommst Dengue oder irgend eine andere abartige Tropenkrankheit; die Chancen, sich so etwas hier einzufangen, sind jedoch verschwindend gering).

Kurze Zeit nach meiner Begegnung mit den Marimbondos hatte ich einen kleinen Stich am Fuß, der mich erst einmal nicht weiter juckte (Wortspielalarm!). Zwei Tage später jedoch war die Stelle so stark angeschwollen, dass ich kaum noch laufen konnte. Außerdem bekam ich Fieber. Das bedeutete mal wieder nur eines: Jup, ab ins Krankenhaus! De novo (noch einmal)! Verdacht auf Spinnenbiss. Man gab mir Antibiotika und allerlei andere Medikamente, die ich bereitwillig schluckte und nach ein paar Tagen ging es mir zum Glück wieder erheblich besser.

Die blöden Viecher! Da muss man hier echt aufpassen. Einmal regnete es ein paar Tage lang und die Kiddies konnten deswegen nicht draußen spielen und als es dann wieder trockener wurde und wir mit ihnen auf das Außengelände gingen, bildete sich plötzlich eine Traube aus Kindern um etwas herum. Oft sind das immer recht nervige Angelegenheiten, weil es sich in der Regel um einen Käfer oder ähnliches handelt, welchen die Kinder gerade kaputtspielen. Du rettest dann das halbzerpflückte Insekt vor dem Foltertod und nimmst auf der anderen Seite den Kindern ihr Spielzeug weg (Warum habe ich es mir auch ausgesucht Buddhist sein zu wollen, verflucht!?). Naja, jedenfalls gehe ich zu den den Kleinen hin um abzuchecken, um was es sich diesmal handeln könnte und auf einmal liegt da eine fette, zum Glück tote Giftspinne auf dem Rasen! Jau, so ein Viech wie man es aus dem Fernsehen kennt, so mit dicken Beinen und uargh!- Okay, Kehricht genommen und ab damit in die Wildnis! Kein Kind vergiftet, schon wieder Spielzeug geklaut, alles ist gut!

Nebenbei bemerkt ist das brasilianische Krankensystem, welches ich nun ungewollter Weise persönlich kennenlernen durfte, recht interessant in der Hinsicht zumindest, dass absolut jeder versorgt wird. In den öffentlichen Krankenhäusern brauchst du keine Krankenversicherung und die Medikamente sind auch kostenlos. Man braucht lediglich den Namen seiner Eltern und sein Geburtsdatum angeben und schon darf man auf den nächsten freien Arzt warten. Interessanterweise recht unbürokratisch an dieser Stelle das gute alte Brasilien. Nun, dafür darf man jedoch auch nicht mit einem super-stylie Spital mit abstrakter Kunst an allen Wänden und aufgetakeltem Emergency-Room-look-alike Personal rechnen, sondern eher mit vergilbten Wänden und damit, dass sie dich im Wartesaal vergessen und solcherlei Dingen! Achso, wenn man die abstrakte Kunst und englisch sprechende Ärzte bevorzugt, geht man jedoch in ein privates Krankenhaus, wofür man dann jedoch pro Sitzung blechen muss und das nicht zu knapp. Also Zweiklassengesellschaft im Gesundheitswesen auch hier angesagt.

Zum Glück gab es an den letzten Tagen des vergangen Jahres nicht nur Insektenstiche für mich. Mich auf dem Wege der Besserung befindend, durfte ich am großen Weihnachtsspektakel des CREARs teilhaben. Das bedeutete, dass ich zunächst mit den Erziehern und Lehrern in der Kindergartenabteilung eine Aufführung mit Liedern und Tänzen für die Eltern aufführen musste. So mit Ringelrein und „Stille Nacht“ war natürlich auch auf der Gitarre wieder mit dabei. Dann kam der Präsident unserer Einrichtung als Weihnachtsmann verkleidet daher und verteilte an jedes Kind ein Geschenk. In meiner Gruppe gab es Puppen für die Mädchen und für die Jungs so Holzenten, die man hinter sich herziehen konnte. Bald darauf war es auch an der Zeit für die größeren Kids. Im vorderen Bereich des CREARs war es stockend voll, da an diesem besonderen Tage die Kinder der Vor- und der Nachmittagsgruppe das Weihnachtsfest gemeinsam feierten. Es gab eine Art Kinderdisco (mit brüllend lauter Popmusik), während die Kids im Freien tobten. Danach wurde ein festliches Bankett aufgetragen mit jeder Menge Brause und Leckereien, sodass alle letztendlich satt und vergnügt die Bescherung über sich ergehen lassen durften. Dieses Mal musste mein Kollege Bello als Weihnachtsmann herhalten und ich bin mir ziemlich sicher, dass die Mehrheit der Kinder rafften, wer sich hinter dem Kostüm verbarg (außer vielleicht die zwei, drei Hanseln, die Angst vor dem Weihnachtsmann hatten). Diesmal bekam wieder jedes Kind ein Geschenk, jedoch gab es hierbei nun eine individuelle Komponente. Und zwar durften die Kiddies ein paar Wochen vorher einen Geschenkewunschzettel für den Weihnachtsmann malen, auf dem sie quasi das Geschenk ihrer Träume zeichneten. Im Laufe der Zeit wurde dann versucht, die Geschenke als Spenden aufzutreiben. So gab es für den einen einen Ball, während ein anderer wiederum eine Action-Figur bekam. Zusätzlich gab es Hygieneartikel wie Kämme und Shampoo und außerdem Süßigkeiten. Auf jeden Fall war es ein klasse Tag für die Kids und selbst ich konnte einen Chocotone abstauben, YES! (ursprünglich hefekuchenartiges Gebäck namens Panettone, welches italienische Einwanderer mitgebracht hatten und hier schokorisiert wurde. Oh Mann, was würde jetzt um so ein Ding geben!)

Am Tage darauf gab es noch eine große Aufräumaktion für Lehrer und Erzieher und eine kleine Party (oder war es eine kleine Aufräumaktion und eine große Party? Ich weiß es nicht mehr; es war Bier im Spiel), auf welcher ich mir ein paar brasilianische dance moves meiner Kollegen abschauen konnte (für die, die es kennen: der sog. Twerk scheint sich hier zu Lande größerer Beliebtheit zu erfreuen) und ich mir schwor, im Februar mit Capoeira anzufangen.

So das war der erste Teil von meinem neuen Update. Aufdringliche Moderatorenstimme: „In Teil Zwei erfahrt ihr dann, wohin die Reise über Weihnachten und Silvester ging und welche spannenden und obskuren Orte ich in Brasilien noch so kennen lernen durfte! (inklusive Geldbörsendiebstahl)!“

Mit Musik verabschiede ich mich. Ahoi!


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