Samstag, 30. Juli 2016

Auswandern

Ich hatte meinen Anwalt im Internet ausfindig gemacht und was mir sofort ins Auge gestoßen war: Er ist der Leiter der Gesellschaft für Ausländer in Brasilien, hat ein Foto von sich und dem Ex-Präsidenten Brasiliens an einem auffälligen Ort auf seinem Blog positioniert und auf seiner Seite ist alles zu finden: von Deportation bis hin zu besonderen medizinischen Umständen. Schlicht alles, was juristisch mit Ausländern in Brasilien zu tun haben könnte. Ich hatte also meine letzte Rettung ausfindig gemacht! Es musste sein, hatte ich doch die Advokaten meines Bekanntenkreises bereits konsultiert mit der darauf folgenden Erkenntnis, dass Migrationsrecht keinen Bestandteil einer normalen juristischen Ausbildung in Brasilien ausmacht.

Dann war es so, dass ich mit ihm einen Termin vereinbarte, für welchen ich extra nach São Paulo fuhr. Also, dass sind gute vier Stunden mit dem Bus und danach nochmal mindestens eine Stunde mit der Metro und zu Fuß durch die Stadt. Er hat sein Büro am Sé; das ist einer der dreckigsten zentralen Plätze von SP, wo viele Obdachlose rumhängen oder so Leute, die mit Schildern durch die Gegend laufen mit Aufschriften wie "Kaufe Schmuck, Gold etc.". Das Lustigste war, dass ich Dr. Calderón, dessen Name selbst auf einen Migrationshintergrund schließen lässt, dann auf der Straße vor seinem Büro traf. Nun gut. Oben dann, im was weiß ich wievielten Stock angekommen, war das Erste dann folgendes: Ich völlig nervös meine Situation erklärend, er mir scheinbar nicht zuhörend meinen Ausländerausweis betrachtend. Wenn ich nervös bin, neige ich eh dazu, viel zu erzählen, um darüber hinwegzutäuschen, wie aufgeregt ich im Moment bin. Dann geht er an seinen Computer und tippt irgendeine kleingedruckte Nummer, die auf meinem Ausländerausweis steht, auf der offiziellen Seite des Ministeriums für Justiz in die Suchzeile, landet bei einem PDF und druckt es prompt aus. Ich weiterlabernd, er sich das Dokument durchlesend. Dann sagt er: "Weißt du was, du kannst dein Visum auf fünf Jahre verlängern. Schau hier!" Und ich so: "Waaaas!?"

Nun ist es nicht so, dass ich mich vor dem Treffen nicht ausführlich mit Visamöglichkeiten beschäftigt hätte. Ich bin übrigens auch der einzige Nichtbrasilianer aus meiner Seminartruppe damals gewesen, der sein Visum verlängerte. Selbst die Leute von unserer Organisation meinten zunächst, dass es nicht ginge, doch Naivität zahlt sich manchmal aus. Ich habe den Eindruck, bei dem Thema wird viel Unsinn verbreitet. Da ich wusste, dass die Polícia Federal für mein aktuelles Visum zuständig war, schaute ich mich auf ihrer Internetpräsenz einfach mal um und fand prompt eine Anleitung zur Verlängerung. Nun stand es also schwarz auf weiß vor mir, in Übereinstimmung mit Verordnung MJ nº 4/2015 sowie Artikel 22 aus Dekret n° 86.715/81 und wir können aus allen uns zur Verfügung stehenden Informationen schlussfolgern, dass ich mein Visum erfolgreich verlängern konnte, nachdem ich übrigens geschlagene vier Mal bei der Polícia Federal meiner Region aufgekreuzt war. An einer anderenStelle habe ich für diejenigen, die interessiert sein sollten, eine kleine Visa-Verlängerungsanleitung geschrieben. Doch zurück zur Geschichte.

Leider war es dann so, dass ich für den Fall bezüglich der fünfjährigen Verlängerung in der Einrichtung hätte bleiben müssen, was jedoch keine Option für mich gewesen wäre, weil ich den Dienst nicht nur schon längst beendet, sondern auch über hatte. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich sagte ihm also, dass dies höchstwahrscheinlich nichts wird. Dann zählte er mir die anderen Optionen auf, ich drückte ihm die erste Anzahlung in die Hand (bis heute hat er übrigens noch kein einziges Mal eine zweite Zahlung gefordert, obwohl ich ihn schon mehrmals darauf hingewiesen habe) und dann bin ich ziemlich aufgeregt und mit ratternder Birne wieder aus dem Laden gegangen.

Was interessant ist: Es gibt kein Visum, dass irgendwie einfach zu bekommen wäre oder ohne Risiko halt. Folgende Möglichkeiten gäbe es neben Heiraten oder Kinder bekommen: ein Investorenvisum (für das ich aber 150.000 € gebraucht hätte, von daher: *kleinetraurigeTrompete*), ein Arbeitsvisum, ein Eingetragene-Partnerschaftsvisum und das Visum für außerordentliche Fälle (dazu später mehr). Ansonsten Flüchtling oder dringende medizinische Behandlung, Diplomat, Missionar (tatsächlich gibt es dafür ein Extravisum!) oder dergleichen wären natürlich auch keine Optionen gewesen.

Zunächst dachte ich das Arbeitsvisum oder das Partnervisum wären Versuche wert gewesen. Bei dem Partnerschaftsvisum handelt es sich um folgendes: das ist besonders interessant für Leute, die in lgbt*-Partnerschaften leben. Die dürfen hier zwar nicht heiraten; unter der letztens eher liberal-sozialdemokratischen Regierung wurde aber ein Gesetz verabschiedet, dass die unter den quasi gleichen Rechten wie Eheleute zusammenleben dürfen und das gilt natürlich auch für Ausländer. Und dadurch, dass es sich um ein Gleichberechtigungsgesetz handelt, gilt das lustigerweise auch für heterosexuelle Paare. Dazu hätte folgendes passieren müssen: mein Anwalt wäre in die Stadt meiner Freundin gereist und hätte mit uns zusammen beim offiziellen Stadtnotar (weiß nicht, wie ich das Übersetzen soll: cartório – das ist eine sehr wichtige Einrichtung in jeder Stadt, die jedwede Dokumente beglaubigt und für den amtlichen Verkehr legalisiert. Sei es ein Vertrag, dass du ein Auto gekauft hast und damit offiziell bestätigst, dass es dir gehört oder eine Heirat vergleichbar mit einer standesamtlichen etc.) - also er hätte beim Stadtnotar eine öffentliche Bekanntmachung aufgesetzt, dass meine Freundin und ich zusammen wären. Dann hätten wir ein gemeinsames Bankkonto aufmachen und ein Jahr warten müssen, weil man dieses Partnerschaftsvisum nämlich nur bekommt, wenn man beweisen kann, dass man ein Jahr lang zusammen ist (mit der beschissenen Urkunde dann nämlich). Ich fand das Ganze irgendwie recht lustig und mein Anwalt hatte mir auch Bespiele aus aus seinen Klientenakten darüber gezeigt.

Das Ding war, als ich meiner Freundin davon erzählte, ich denke, das war der Moment, in welchem bei ihr die ersten Zweifel aufkamen und ich kann es letztendlich auch verstehen. Es wäre in vielerlei Hinsicht bedenklich gewesen, diese ganze Visageschichte von ihr abhängig zu machen. Wer mag schon ein komplettes Jahr in die Zukunft schauen, wenn man doch selbst nur ein halbes bisher zusammen ist? Wir sind nicht mehr zusammen und ich denke, dass das Thema Aufenthaltserlaubnis bei der ganzen Geschichte und Krise, die wir durchlebt haben, eine gewisse Rolle gespielt hat. Aber hey, es wäre eine Möglichkeit gewesen!

Variante zwei und mein eigentlicher Plan: ein Arbeitsvisum. Das wäre ziemlich abenteuerlich gewesen und zwar aus folgendem Grund: für ein Arbeitsvisum muss man ins Ausland fahren, weil so ein Visum nur bei einer brasilianischen Botschaft zu beantragen ist. Brasilianische Botschaften gibt es aus der Logik heraus nicht in Brasilien. Die nächste Botschaft befindet sich in Paraguay. Ich war sogar schon einmal in Paraguay auf dem größten beschissenen Schmuggelmarkt von ganz Südamerika ohne vorher wirklich etwas von seiner Existenz gewusst zu haben (interessanterweise ist das bras. Generalkonsulat da gleich um die Ecke), aber das ist eine andere Geschichte. Wenn alles außer Plan gelaufen wäre und ich kein Arbeitsvisum vor dem Ablauf meines aktuellen Visums bekommen hätte, hätte ich das Risiko in Kauf nehmen müssen, die brasilianische Grenze illegal zu überqueren und ich hätte das sogar bestimmt gemacht (ich sah mich auch schon alternativ im Bus nach Uruguay oder Bolivien sitzen, aber egal!). Der große Haken am Arbeitsvisum: Brasilien mag es nicht, wenn noch mehr arme Leute in das Land kommen. Wer ein hohes Einkommen hat, der muss auch schön hohe Steuern bezahlen (Das Verhältnis ist übrigens eins zu eins. Wenn du z. Bsp. R$ 1500 im Monat netto verdienst, hast du zusätzlich R$ 1500 Steuern am Hals.) Und um zu garantieren, dass du kein beschissener armer Ausländer bist, geben die nur Leuten ein Arbeitsvisum, die einen Vertrag mit einem monatlichen Einkommen von R$ 2000 mitbringen (ja richtig: plus fucking R$ 2000 Steuern). Das ist nicht gerade wenig Geld hier und ich lebe in einer sehr armen, abgehängten Stadt (nicht ohne Grund bin ich hier ursprünglich als Entwicklungshelfer angekommen). Ich habe mich nun als Deutsch- und Englischlehrer auf alle potentiell mir zur Verfügung stehenden Stellen beworben und nirgendwo würde ich auf so ein hohes Einkommen stoßen. In größeren Städten vielleicht, aber nicht hier. Zudem wollte ich eh nicht hier weg wegen meiner Ex-Freundin und der Brotfabrik (das wäre auch nochmal eine andere Geschichte; ich habe gewisse Geschäftsideen...). Dass das also nichts wird, ist mir bewusst geworden, nachdem ich ein paar recht demotivierende Bewerbungsgespräche hatte („Hey, du kannst ja vielleicht aushilfsmäßig bei uns arbeiten. Wir melden uns dann im in ein bis zwei Monaten.“). Von daher habe ich letztendlich meinen Anwalt gebeten, die Idee zu ändern und eine Bitte für ein Visum für außerordentliche Fälle einzureichen (was wäre ich auch anderes als ein solcher!). Es handelt sich dabei um folgendes: Wenn du einen beschissenen Beweis dafür hast, dass ausgerechnet du gut für Brasilien bist, dann geben sie dir eine permanência, ein beschissenes permanentes Visum für den beschissenen Rest deines Lebens (das kriegst du sonst nur bei Heirat oder Kindern, zum Vergleich Arbeitsvisum: ein Jahr mit Möglichkeit auf Verlängerung auf ein weiteres Jahr; das gleiche gilt für mein aktuelles Visum [Visum für soziale Arbeit und Forschung übrigens nebenbei bemerkt]). Und dafür gibt es in der Hauptstadt Brasília einen offiziellen Rat, der dann darüber entscheidet, ob du krass genug bist. Mein Anwalt meint, mit der Brotfabrik, die wir gerade bauen, und allem stehen die Chancen ziemlich gut wie gesagt. Das freut mich sehr. Was auch cool ist, dass ich das Land nicht verlassen muss (jedoch auch nicht darf, ist aber bequemer als illegal über die Grenze...). Das wird schon klappen. Ein bisschen verrückt ist das jedoch schon alles.


Mein Anwalt ist übrigens Peruaner. Ich hatte ihn gefragt, ob er aus Paraguay kommt, weil neben seinem Schreibtisch im Büro ein kleines Tischchen mit haufenweise Krams drauf steht unter anderem mit einer paraguayischen Flagge. Und er: „Nein, das sind alles Geschenke von meinen Klienten. Das war von einem aus Paraguay. Hier, das ist ein Bier aus Kuba...“ etc. etc. Über allem hängt natürlich nochmal in einem fetten verschnörkelten Holzrahmen das Bild von ihm mit dem Expräsidenten Lula (da hatte er es geschafft, dass irgendein Migrationsgesetz geändert wurde, I don‘t remember, was genau). „Meine Klienten vertrauen mir.“ Was lustig ist, dass ich keine fünf Minuten vorher Einblicke in die privaten Akten von einigen seiner Fälle hatte, als er mir die Visaprozesse verdeutlichte (mit einigen intimen Details: Partnerschaftsvisum → Kuschelfotos als Beweise, dass die Herrschaften zusammenleben etc.). Dann hatte ich ihn einmal zwischendurch angerufen, als ich irgendeine Frage hatte und er so: „Ich kann gerade nicht, amigo! Es sind gerade fünf Argentinier ins Gefängnis gekommen und jetzt habe ich alle Hände voll zu tun! Um abraço! Bis später!...tut...tut...tut...“ Oder halt so Sachen wie Emails und WhatsApp-Nachrichten mit Smileys. Ich weiß nicht, das alles sind Sachen, die ich von einem Anwalt eigentlich nicht erwarten würde und der Typ war auch hart gepimpt in seinem Anzug als ich in São Paulo war, aber hey, das ist halt Südamerika hier. Ich muss mich an vieles noch immer gewöhnen. Aber das Wichtigste ist eigentolich, dass ich ein gutes Gefühl bei der Sache habe im Moment.

Sonntag, 24. Juli 2016

Der ultimative Guide zur Visaverlängerung für Freiwilligendienstler in Brasilien (plus CPF-Miniguide!)

Ich hoffe, dass dieser Eintrag von Nutzen sein wird. Zunächst gehe ich ein wenig auf die Möglichkeiten ein, euer Freiwilligendienst-Visum zu verlängern. Danach gebe ich eine genaue Anleitung, was bei einer normalen Verlängerung alles zu beachten sei. Zum Schluss schreibe ich noch ein bisschen was darüber, wie man einen CPF beantragt und was die Vorteile davon sind.

Welches Visum nochmal?

Also, zunächst einmal sollten wir uns ins Bewusstsein rufen, mit welchem Visum wir überhaupt durch die Gegend rennen. Das lässt sich vom RNE nicht so leicht ohne Weiteres ablesen. Es heißt "VITEM 1". Das "VI" steht für visto und das "TEM" für temperário. Die Zahl gibt die Kategorie des temporären Visums an. Dabei handelt es sich um ein Visum für viele unterschiedliche Belange unter anderem für wissenschaftliche Untersuchungen, spezielle Arten von Praktika, nicht professionelle Sportler etc. etc. und eben auch Freiwilligendienste in sozialen Einrichtungen, also für uns.

Zwei verschiedene Arten, das Visum zu verlängern

Nun gibt es zwei verschiedene Arten das VITEM 1 zu verlängern. Einerseits kann das Visum auf fünf Jahre verlängert werden. Das gilt jedoch nur, wenn sich unsere Einrichtung dazu entscheidet, uns in eine wichtige Position wie in den Posten des Geschäftsführers, Verwalters oder des Leiters der Einrichtung zu erheben. Ich kenne mich mit jener besonderen Art der Verlängerung nicht aus, da sie für mich keine Option gewesen wäre. Sollte sich jemand mit Einwilligung der Einrichtung dazu entscheiden, sein Visum in dieser Manier zu verlängern, sollte er sich klar darüber sein, dass er eine sehr große Verantwortung übernehmen und sich für einen großen Zeitraum zu einer ernsten Tätigkeit verpflichten würde. Damit alles tatsächlich so klappt wie gewünscht, empfehle ich das Konsultieren eines Anwalts mit Spezialisierung auf Migrationsrechte, damit alles reibungslos über die Bühne läuft (zum Thema Anwalt später mehr). Ich denke, die meisten Freiwilligendienstler würden so eine Art von Visum ausschließen. Ich möchte es jedoch der Vollständigkeit halber dennoch genannt haben.

Die andere Art, das VITEM 1 zu verlängern, wäre eine normale Verlängerung um ein Jahr. Wichtig dabei ist, dass man dieses Visum nur genau um ein Jahr verlängern darf. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn wir beispielsweise den Vertrag mit unserer Trägerorganisation nur um ein halbes Jahr verlängern würden, so müssten wir dennoch beim Antrag angeben, dass wir um genau ein Jahr verlängern. Ansonsten geht es nicht (brasilianische Bürokratie, ihr wisst schon...). Andererseits kann das Visum über diesem Wege auch nur um maximal ein Jahr verlängert werden. Eine weitere einjährige Verlängerung danach ist nicht möglich.

Einige Vorbemerkungen

Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass es von großem Vorteil ist, wenn ihr bei der Beschaffung der Dokumente so genau wie möglich vorgeht und euch gegen jedes auch noch so kleine Risiko absichert. Ich musste viermal zur Polícia Federal fahren, bevor mein Antrag endlich angenommen wurde und ich schreibe diesen Text ja vor allem auch, damit die Leute nicht die selben Fehler begehen wie ich. Wenn ihr alles so genau wie nur möglich macht, spart ihr euch eine Menge Nerven, Zeitaufwand und Kosten.

Zusätzlich möchte ich anmerken, dass ich natürlich keine Garantie für einen erfolgreichen Visaprozess geben kann. Bei mir hatte alles letztendlich geklappt und ich kenne auch zwei Leute, die 2016 verlängern wollten (bei einer hat es bereits geklappt). Aber ich bin nicht der brasilianische Staat oder die Polícia Federal. Mein Eindruck ist, dass Willkür und Nichtwissen bei den Beamten auch immer eine Rolle spielen können. Zum Beispiel wollte der Beamte, der meinen Prozess bearbeitet hatte, ein Dokument von unserer Einrichtung mit der Bestätigung, dass jene nicht auf dem Boden eines Ìndio-Reservates errichtet wurde. Das wird zum Beispiel bei den Visa-Voraussetzungen auf der Seite der Polícia Federal nicht erwähnt. Außerdem hatte er mir dann zunächst das falsche Visum in meinen Reisepass gestempelt (VITEM 6 für Missionare, hihi!) und danach nochmal alles neu machen müssen. Ich war bei der Polícia Federal in Sorocaba und kann auch nur von meinen Erfahrungen dort berichten. Wie es in anderen municípios oder estados aussieht, weiß ich nicht. Mein Rat: Immer schön naiv tun, freundlich sein und alle Dokumente certo demais am Start haben.

Die Voraussetzungen

Auf der Seite der Polícia Federal findet ihr alles, was ihr braucht auf Portugiesisch. Hier der Link über die Voraussetzungen für die Verlängerung desVITEM 1.

Nun die Voraussetzungen nochmal auf Deutsch mit meinen Kommentaren:

  • Ihr wollt ein VITEM 1 verlängern. Bitte sagt das auch bei der Polícia Federal, wenn ihr nicht als Missionar enden wollt ;-)
  • Das Antragsformular "Registro Nacional de Estrangeiro" gibt es auf der Seite der polícia federal. Ihr kennt es vielleicht noch von eurer Ankunft, als ihr euch anmelden musstet, um eure RNE zu beantragen. Es ist genau das selbe Formular. Einfach nochmal ausfüllen und ausdrucken.
  • Ihr braucht eine beglaubigte Kopie von eurem aktuellen RNE (könnt ihr entweder im cartório machen und dafür bezahlen oder ich habe mir sagen lassen, dass dies neuerdings auch bei der Polícia Federal kostenlos geht. Kann ich nicht bestätigen. Bei meiner Verlängerung 2015 musste ich ins cartório gehen. Ich empfehle immer auf Nummer sicher zu gehen!)
  • eine beglaubigte Kopie von eurem Reisepass (dabei gilt das selbe wie bei dem RNE bezüglich des Kopierens. Mein Sachbearbeiter wollte übrigens, dass ich alle Seite vom Reisepass kopieren lasse, inklusive die rotbraune Vor- und Rückseite. Ich weiß, dass das nicht viel Sinn ergibt, aber wie gesagt naiv, freundlich, Nummer sicher etc.)
  • dann braucht ihr alle Dokumente aus der Einrichtung, die ihr bei eurem ersten Visa-Antrag bereits benutzt hattet noch einmal. Das wären die Einladung der Einrichtung, einen Beweis, dass eurer Lebensunterhalt sicher gestellt ist, die Satzung der Einrichtung, ein aktuelles Dokument über die Verwaltung der Einrichtung und ein Beweis über das ordentliche Funktionieren der Einrichtung. Zeigt euren Verantwortlichen am besten die Voraussetzungen auf Portugiesisch und sie werden schon wissen, welche Dokumente gemeint sind. Und natürlich alles schön beglaubigen lassen!
  • einen simplen, tabellarischen Lebenslauf auf Portugiesisch (Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Verlängerung eures Visums davon abhängig sein wird, was ihr bereits in eurem Leben gerissen habt. Macht euch da keine Sorgen. Wirklich, ich hatte den hässlichsten, unwürdigsten Lebenslauf meines Lebens eingereicht und die haben da nicht einmal reingeguckt, bevor die mir die Stempel in den Pass gekloppt hatten. Es ist halt eine Voraussetzung.)
  • Ihr müsst zwei Gebühren bezahlen (genannt GRU - Emissão da Guia de Recolhimento da União). Einmal für den Antrag (R$ 110,44)und dann nochmal für den neuen RNE (R$ 204,77). Die Formulare dafür müsst ihr über diese Seite der polícia federal ausdrucken. Bei "Código da Receita STN" gebt ihr jeweils den Code für die zu entrichtenden Gebühren an. Beim ersten Mal "140090" und für die zweite Gebühr "140120". Mit den ausgedruckten Formularen geht ihr dann vor eurem Besuch bei der Polícia Federal zur Banco do Brasil und bezahlt das Ganze. Dort bekommt ihr dann entsprechend zwei Belge, die ihr zusammen mit den anderen Dokumenten bei der Polícia Federal einreicht.
  • zwei aktuelle Fotos 3x4. Aktuell bedeutet, dass ihr nicht die selben Fotos, wie beim ersten Mal benutzen dürft. Also einfach nochmal vorher zum Fotografen gehen, schlage ich vor.
Wenn ihr das alles zusammen einreicht, nichts fehlt und alles so weit in Ordnung ist, bekommt ihr einen Stempel in euren Reisepass und ein vorläufiges Papier-RNE (sollte euch vom ersten Mal noch bekannt sein). Dann wird der Sachbearbeiter sagen, wann ihr voraussichtlich die Plastik-RNE abholen dürft und ihr könnt den Laden mit einem Lächeln auf den Lippen verlassen. Herzlichen Glückwunsch! Ihr dürft für ein weiteres Jahr in Brasilien bleiben! 

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal darauf hinweisen, dass es sich bei den Dokumenten und allem Drumherum vielleicht um ein nerviges, aber notwendiges Erfordernis handelt, was jedoch noch viel wichtiger ist, ist eure Entscheidung zu verlängern. Schließlich handelt es sich hierbei um ein Jahr eures Lebens. Bedenkt auch, was das für eure Einrichtung und für eure Trägerorganisation bedeuten könnte. Übrigens ist die Verlängerung über eure Trägerorganisation nochmal ein anderer Prozess, den ihr mit den Leuten von dort besprechen müsst. Manchmal geht eine Verlängerung des Vertrages nicht, weil eure Stellen zum Beispiel schon mit neuen Freiwilligen besetzt sind. Klärt das! Wenn ihr keine Möglichkeit habt, über eure Trägerorganisation zu verlängern, könnt ihr schauen, ob es eine Möglichkeit gäbe, euren Aufenthalt als Praktikum in der Einrichtung zu verlängern (Jeitinho!), aber vergesst dann nicht, dass ihr dann für so Sachen wie Krankenversicherung, Kosten für die Rückreise und dergleichen selbst aufkommen müsstet.

Gibt es sonst noch andere Möglichkeiten in Brasilien zu bleiben?

Ja, die gibt es. Alles ist mit gewissen Risiken verbunden und das Wichtigste (wie leider so vieles im Leben) sind die richtigen Kontakte und Geld. Über andere Visa-Möglichkeiten werde ich nochmal in einem separaten Blogeintrag eingehen. Ich für meinen Teil kann von meinen Erfahrungen berichten und von dem, was ich so mitbekomme. Aber ich bin kein Experte. Doch es gibt andere Leute, die um einiges mehr wissen als ich. Gesetzt den Fall, alles bisher Aufgezählte würde für euch nicht funktionieren, aber ihr wollt trotzdem irgendwie und unbedingt in Brasilien bleiben, so gäbe es immer noch die Möglichkeit, sich einen Anwalt mit Spezialisierung auf Migrationsrechte zu suchen. Ich bin mit mehreren Anwälten befreundet, doch hatte schnell herausgefunden, dass Migrantenrechte normalerweise nicht mit zu einer normalen Juristenausbildung gehören. Deswegen hatte ich mir einen Anwalt gesucht, der sich auf dem Gebiet auskennt. Mein Visaprozess ist noch nicht durch, von daher kann ich über einen etwaigen Erfolg noch keine großen Worte verlieren. Die Erfahrungen, die ich mit meinem Anwalt gemacht hatte, waren aber bis jetzt sehr in Ordnung, weswegen ich Dr. Grover Calderón an dieser Stelle auch empfehlen möchte. Kostet übrigens alles in allem R$ 6.000 so ein Prozess. Ist also nur für die, die es ernst meinen ;-) Kann man übrigens in Raten abzahlen, für diejenigen, die gerade einen kleinen Schock bekommen haben :-D

Der magische CPF

Wo ich gerade von "in Raten zahlen" gesprochen habe. Ihr könnt euch ja sicherlich noch daran erinnern, dass ihr irgendjemanden brauchtet damals, der euch eine SIM-Karte organisiert, weil ihr keinen CPF hattet. Oder vielleicht ist euch bereits aufgefallen, dass ihr nichts in Raten bezahlen dürft, weil ihr ebenfalls keinen CPF habt oder dass ihr keine Flüge buchen könnt über einen brasilianischen Anbieter etc. etc. Ich würde sagen, wenn ihr eh schon am Verlängern seid, lohnt sich der Aufwand, ein CPF zu beantragen.

Erste und wichtigste Frage: Was war das überhaupt nochmal? Also, CPF steht für "Cadastro da Pessoa Física". Es handelt sich dabei um eine Steuernummer für natürliche Personen, die in der Datenbank des brasilianischen Haushaltsministeriums (Ministério da Fazenda, Secretaria da Receita Federal do Brasil) registriert werden. Bankkonten eröffnen, Autos kaufen etc. - also eigentlich alle alltäglichen Geschäfte des Lebens, die über den Wocheneinkauf hinausgehen, werden über den CPF abgewickelt. Obligatorisch für alle Personen, die eintragungsgpflichtige Güter und Rechte in Brasilien besitzen oder beziehen wollen (Ja, ihr habt es erraten: eine SIM-Karte ist ein eintragungspflichtiges, brasilianischens Gut). Oder auf gut Deutsch: Es handelt sich um ein System, um zu gewährleisten, dass die Bürger Brasiliens keine Steuern hinterziehen ;-) Und das gilt für Brasilianer genauso wie für Ausländer. Ich kann es auch noch einfacher formulieren: Ihr wollt euch irgendwas cooles kaufen, habt aber keine Lust, immer eure brasilianischen Freunde nach ihrer CPF zu fragen? Dann beantragt einfach eure eigene!

Nun, es ist schon einmal um einiges einfacher als die Visaverlängerung! Ihr braucht einfach nur eine einfache Kopie eures RNE oder Reisepasses (mit Vorzeigen des Originals natürlich). Damit geht ihr zu einer Banco do Brasil oder Receita Federal und beantragt den CPF. Das Ganze kostet R$ 7,00. Dann müsst ihr, sofern ihr nicht schon dort seid, euch zu einer Filiale der Receita Federal begeben (mit der Kopie eures Ausweises und dem Beleg über die Bezahlung!) und dort wird euch dann ein kleines graues Papier mit der magischen Nummer drauf ausgedruckt - eurer eigener CPF, der ein ganzes Leben lang gilt! Ich empfehle, mit dem Papier in eine papelaria zu gehen, wo man es euch dann in Plastikfolie einschweißt. Ansonsten würde es schnell kaputt gehen. Anmerkung: Als ich meinen CPF beantragt hatte, war ich bei der Post. Die Angestellten haben mir aber, als ich letztens einen Brief abschicken war, gesagt, dass es dort nun nicht mehr geht. Wie gesagt, ich rede hier immer nur von meinen eigenen Erfahrungen. Brasilien ist ein Bürokratiedschungel und das müsstet ihr mittlerweile wissen...

Was ich mit meinem CPF schon gemacht habe? Oh, ich habe zum Beispiel gerade meine erste brasilianische Waschmaschine gekauft und brauche nun nicht mehr mit Hand waschen <3 <3 <3 Ansonsten spitzt die Augen -> nachdem ich dreimal bei Vivo war, haben sich die Herrschaften dazu durchringen lassen, mir den einfachsten und billigsten Handyvertrag für R$ 40 im Monat anzubieten. Das heißt, dass ich mir jetzt nicht mehr jede Woche Sorgen darum machen muss, mir Handykarten zu kaufen. Außerdem habe ich um einiges mehr Freiminuten etc. Es ist echt empfehlenswert (vor allem, wenn man einen Anwalt in São Paulo hat, den man andauernd anrufen muss)...

Hui, was für ein pragmatischer Post nach so langer Zeit! Sollte er jemandem helfen, bin ich glücklich!