Oh Mann! Ich sollte
den guten alten Blog nicht vergammeln lassen!
Nun gut, es ist
einiges an Schlammwasser den Amazonas hinunter geflossen, seit dem
ich mich das letzte Mal gemeldet hatte. Meine hiesige Abwesenheit
hatte Gründe. Ich war unterwegs. Und unter anderen im Krankenhaus...
Keine Panik! Alle
Körperteile sind noch dran. Ich bin jedoch seitdem ein wenig
vorsichtiger, was die brasilianische Kleintierwelt anbelangt. Und
zwar begab es sich noch im vergangenen Jahr eines schönen Tages,
dass ich die Treppe zum Musikraum hinauf stieg, wo ich üblicherweise
ein paar von unseren Kiddies Gitarren- und Flötenunterricht gebe und
auch gerne die Räumlichkeit selbst zum Üben in der Mittagspause
benutze (das ein oder andere Mittagsschläfchen war mir auch gegönnt
gewesen). Jedenfalls bemerkte ich, so wie ich die Stufen hinauf
stieg, ein paar mir unbekannte schwarze Insekten, die gerade tüchtig
damit beschäftigt waren, ein Nest an der Treppe zu bauen. Vorsichtig
ging ich an ihnen vorbei, ohne das sie mir auch nur die geringste
Beachtung schenkten. Später fragte ich eine der Erzieherinnen, ob
die Viecher gefährlich seinen, was jene verneinte.
Nun saß ich bereits
am dritten Tage nach meiner Entdeckung im sala de música und gab
gerade eine Gitarrenstunde als ich bemerkte, dass uns ein paar Noten
fehlten, um „Stille Nacht“ (noite feliz) zu spielen. Also
schickte ich ein Mädchen los, uns diese aus dem Büro von unten zu
holen. Sie kam jedoch nach einigen Sekunden wieder zurück und sagte,
sie würde sich nicht hinunter trauen, weil die „Bienen“ sie
gestochen hätten. Bienen?! Moment mal, die sehen doch eigentlich
ganz anders aus (da jedenfalls, wo ich her komme)! Nun ratterte alles
in meinem Kopf und ich dachte: okay, das Mädchen wurde gestochen und
ich weiß nicht, ob sie vielleicht allergisch ist und eventuell Hilfe
benötigt. Auf der anderen Seite wunderte ich mich, weil die Viecher
mich bisher unbehelligt ließen. Ich machte deswegen den
Selbstversuch, verließ den Raum und siehe da! Es fühlte sich so an,
als würde mich das ganze Nest attackieren. Stiche an den Armen,
Beinen, unter den Augen, an Ohren und Nase, im Nacken und durch die
Kleidung im Rücken. Das Ergebnis war, dass ich schreiend über den
Innenhof unserer Einrichtung rannte und allerlei Leute, die sich
gerade in ihren Kursen befanden, aus ihren Räumen stürmten, um in
Erfahrung zu bringen, was gerade los sei. Ich wurde unverzüglich ins
Krankenhaus gebracht, weil keiner den Grad der Gefahr abschätzen
konnte, da ich ja noch nie von speziell von diesen Viechern gestochen
wurde und die Möglichkeit einer Allergie nicht auszuschließen war
(gegen deutsche Bienen habe ich jedenfalls zum Glück keine
Allergie). Auf dem Weg zum Krankenhaus wurde mir erzählt, dass eine
Bekannte schon einmal an Stichen gestorben sei, weil sie allergisch
war. Das will man natürlich in so einer Situation am liebsten hören!
Nun gut, im
Krankenhaus stellten sie fest, dass mein Blutdruck lediglich ein
wenig erhöht war (wer hätte das vermutet???) und mir wurde ein
Antiallergikum verabreicht, was mich zumindest physisch für die
nächsten paar Tage gut ausknockte. Im Großen und Ganzen alles
nochmal gut gegangen! Lustigerweise steht direkt neben der 24h
Notfallstelle vom Krankenhaus ein 24h Beerdigungsunternehmen und
genau daneben wiederum eine 24h Imbißbude (lanchonete). Hier wird
noch pragmatisch gedacht!
Mittlerweile weiß
ich auch, dass es sich bei den schwarzen Viechern um eine aus Afrika
eingeschleppte Wespenart namens Marimbondo handelte. Das Nest wurde
entfernt und liegt nun bei meiner Babygruppe auf dem
Jahreszeitentisch (natürlich ohne Bewohner!)
Jo, dass man sich
hier Mückenstiche holt, ist etwas ganz Alltägliches. Ich habe
bereits Moskitos in den unterschiedlichsten Größen gesehen. Während
ich diesen Text hier schreibe schwirrt mir sogar einer um die Ohren.
Jedoch ob klein oder groß: alle wollen dein Blut! Irgendwann kratzt
es dich nicht mehr, weil du eh nicht viel dagegen machen kannst und
die Stiche allgemein kaum der Rede wert sind (es sei denn du bekommst
Dengue oder irgend eine andere abartige Tropenkrankheit; die Chancen,
sich so etwas hier einzufangen, sind jedoch verschwindend gering).
Kurze Zeit nach
meiner Begegnung mit den Marimbondos hatte ich einen kleinen Stich am
Fuß, der mich erst einmal nicht weiter juckte (Wortspielalarm!).
Zwei Tage später jedoch war die Stelle so stark angeschwollen, dass
ich kaum noch laufen konnte. Außerdem bekam ich Fieber. Das
bedeutete mal wieder nur eines: Jup, ab ins Krankenhaus! De novo
(noch einmal)! Verdacht auf Spinnenbiss. Man gab mir Antibiotika und
allerlei andere Medikamente, die ich bereitwillig schluckte und nach
ein paar Tagen ging es mir zum Glück wieder erheblich besser.
Die blöden Viecher!
Da muss man hier echt aufpassen. Einmal regnete es ein paar Tage lang
und die Kiddies konnten deswegen nicht draußen spielen und als es
dann wieder trockener wurde und wir mit ihnen auf das Außengelände
gingen, bildete sich plötzlich eine Traube aus Kindern um etwas
herum. Oft sind das immer recht nervige Angelegenheiten, weil es sich
in der Regel um einen Käfer oder ähnliches handelt, welchen die
Kinder gerade kaputtspielen. Du rettest dann das halbzerpflückte
Insekt vor dem Foltertod und nimmst auf der anderen Seite den Kindern
ihr Spielzeug weg (Warum habe ich es mir auch ausgesucht Buddhist
sein zu wollen, verflucht!?). Naja, jedenfalls gehe ich zu den den
Kleinen hin um abzuchecken, um was es sich diesmal handeln könnte und auf einmal
liegt da eine fette, zum Glück tote Giftspinne auf dem Rasen! Jau,
so ein Viech wie man es aus dem Fernsehen kennt, so mit dicken
Beinen und uargh!- Okay, Kehricht genommen und ab damit in die
Wildnis! Kein Kind vergiftet, schon wieder Spielzeug geklaut, alles
ist gut!
Nebenbei bemerkt ist
das brasilianische Krankensystem, welches ich nun ungewollter Weise
persönlich kennenlernen durfte, recht interessant in der Hinsicht
zumindest, dass absolut jeder versorgt wird. In den öffentlichen
Krankenhäusern brauchst du keine Krankenversicherung und die
Medikamente sind auch kostenlos. Man braucht lediglich den Namen
seiner Eltern und sein Geburtsdatum angeben und schon darf man auf
den nächsten freien Arzt warten. Interessanterweise recht
unbürokratisch an dieser Stelle das gute alte Brasilien. Nun, dafür
darf man jedoch auch nicht mit einem super-stylie Spital mit
abstrakter Kunst an allen Wänden und aufgetakeltem Emergency-Room-look-alike Personal rechnen, sondern eher mit vergilbten
Wänden und damit, dass sie dich im Wartesaal vergessen und
solcherlei Dingen! Achso, wenn man die abstrakte Kunst und englisch
sprechende Ärzte bevorzugt, geht man jedoch in ein privates
Krankenhaus, wofür man dann jedoch pro Sitzung blechen muss und das
nicht zu knapp. Also Zweiklassengesellschaft im Gesundheitswesen auch
hier angesagt.
Zum Glück gab es an
den letzten Tagen des vergangen Jahres nicht nur Insektenstiche für
mich. Mich auf dem Wege der Besserung befindend, durfte ich am großen
Weihnachtsspektakel des CREARs teilhaben. Das bedeutete, dass ich
zunächst mit den Erziehern und Lehrern in der Kindergartenabteilung
eine Aufführung mit Liedern und Tänzen für die Eltern aufführen
musste. So mit Ringelrein und „Stille Nacht“ war natürlich auch
auf der Gitarre wieder mit dabei. Dann kam der Präsident unserer
Einrichtung als Weihnachtsmann verkleidet daher und verteilte an
jedes Kind ein Geschenk. In meiner Gruppe gab es Puppen für die
Mädchen und für die Jungs so Holzenten, die man hinter sich
herziehen konnte. Bald darauf war es auch an der Zeit für die
größeren Kids. Im vorderen Bereich des CREARs war es stockend voll,
da an diesem besonderen Tage die Kinder der Vor- und der
Nachmittagsgruppe das Weihnachtsfest gemeinsam feierten. Es gab eine
Art Kinderdisco (mit brüllend lauter Popmusik), während die Kids im
Freien tobten. Danach wurde ein festliches Bankett aufgetragen mit
jeder Menge Brause und Leckereien, sodass alle letztendlich satt und
vergnügt die Bescherung über sich ergehen lassen durften. Dieses
Mal musste mein Kollege Bello als Weihnachtsmann herhalten und ich
bin mir ziemlich sicher, dass die Mehrheit der Kinder rafften, wer
sich hinter dem Kostüm verbarg (außer vielleicht die zwei, drei
Hanseln, die Angst vor dem Weihnachtsmann hatten). Diesmal bekam
wieder jedes Kind ein Geschenk, jedoch gab es hierbei nun eine
individuelle Komponente. Und zwar durften die Kiddies ein paar Wochen
vorher einen Geschenkewunschzettel für den Weihnachtsmann malen, auf
dem sie quasi das Geschenk ihrer Träume zeichneten. Im Laufe der
Zeit wurde dann versucht, die Geschenke als Spenden aufzutreiben. So
gab es für den einen einen Ball, während ein anderer wiederum eine
Action-Figur bekam. Zusätzlich gab es Hygieneartikel wie Kämme und
Shampoo und außerdem Süßigkeiten. Auf jeden Fall war es ein klasse Tag für
die Kids und selbst ich konnte einen Chocotone abstauben, YES!
(ursprünglich hefekuchenartiges Gebäck namens Panettone, welches
italienische Einwanderer mitgebracht hatten und hier schokorisiert
wurde. Oh Mann, was würde jetzt um so ein Ding geben!)
Am Tage darauf gab
es noch eine große Aufräumaktion für Lehrer und Erzieher und eine
kleine Party (oder war es eine kleine Aufräumaktion und eine große
Party? Ich weiß es nicht mehr; es war Bier im Spiel), auf welcher
ich mir ein paar brasilianische dance moves meiner Kollegen abschauen
konnte (für
die, die es kennen: der sog. Twerk scheint sich hier zu Lande
größerer Beliebtheit zu erfreuen) und ich mir schwor, im Februar mit Capoeira anzufangen.
So das war der erste
Teil von meinem neuen Update. Aufdringliche Moderatorenstimme: „In
Teil Zwei erfahrt ihr dann, wohin die Reise über Weihnachten und
Silvester ging und welche spannenden und obskuren Orte ich in
Brasilien noch so kennen lernen durfte! (inklusive
Geldbörsendiebstahl)!“
Mit Musik
verabschiede ich mich. Ahoi!