Ich habe
mittlerweile mehr oder weniger die Hälfte meines
Brasilienaufenthaltes hinter mir. So genau nehm' ich es eigentlich
nicht mit der Zeit, aber es hört doch ganz schick an dieses Wort
„Halbzeit“. Hat irgendwie was von Fußball. Können sich viele
Brasilianer und Deutsche für begeistern. Ich eher weniger.
Hier in den
Supermärkten gibt es Leute, die an der Kasse stehen und deine
gekauften Sachen eintüten. Am Anfang fühlte sich das ein bisschen
unangenehm für mich an. So ein leichter Hauch von Erziehung zur
Unselbstständigkeit und in Verbindung mit meiner Hellhäutigkeit
noch ein Löffelchen verstaubten Kolonialismus oben drauf! Schnell
alles in den extra von mir mitgebrachten Beutel einpacken, bevor der
Typ mit den Plastiksäcken kommt! Á propos Plastik: Sie wollen dir
sogar eine Tüte in die Hand drücken, wenn du dir quasi nur eine
Packung Kaugummis holst. Ich beruhige mein okö-deutsches
Bio-Gewissen, indem ich (wie jeder andere hier auch) die Beutelchen
als Mülltüten benutze. Scheiße! Jetzt war ich wieder nicht schnell
genug mit meinem Hipster-Jutebeutel (made in Germany) und der Typ
fängt an meine Sachen in die nach Rohölverarbeitung stinkenden
Säckchen zu verstauen. Ich packe mir also mein ungenügendes
Portugiesisch zurecht:
„Nein Danke, ich
brauche kein...“
„Welches ist
dein Team?“, werde ich angegrinst, während die Ware weiter
eingetütet wird. Bei der großen Flasche besser zwei Beutel. Hält
besser.
Ähm, was für ein
Team denn? Captain Planet and the Planateers? Die Wailers? Ach, er
meint Fußball! Wo habe ich meinen Kopf bloß schon wieder?! Okay,
was kenne ich? Lediglich Nationalmannschaften aufzuzählen wäre ein
bisschen dürftig. Ich muss mich als Kenner des brasilianischen
Leistungssportes auszeichnen, ansonsten denkt er, wir Deutschen kämen
unvorbereitet in sein wunderschönes Land. Was hatte mein Kollege
nochmal letztens auf seinem Trikot stehen?
„Palmeiras
Corintini-äh-thians!“, platzt es aus mir hervor.
Scheiße, das
waren zwei gegnerische Teams! Außerdem habe ich mich versprochen.
Nun, vielleicht hat er es ja nicht mitbekommen. Okay, einfach Daumen
hoch und grinsen. Das hilft eigentlich immer!
Es wird zurück
gegrinst. „Bayang Munscheng.“
Ähm... hat er
mich jetzt irgendwas gefragt, was ich mal wieder nicht verstanden
habe? Achso!
„Klar, Bayern
München kenne ich natürlich! Die sind gut!“
Weder kenne ich
auch nur einen einzigen Spieler, der da mitmischt, noch auf welchem
Listenplatz die gerade stehen. Bilder aus meiner trostlosen
Jugend rauschen an mir vorbei, in denen sich Stefan Raab über Oliver
Kahn lustig macht.
Folgendes
Statement reißt mich aus meinen Erinnerungen:
„Sieben zu
Eins.“
Es ist nicht das
erste Mal, dass ich mich dazu äußern muss. Ich habe mir bereits
einen Standard-Satz zurecht gelegt. Zum Glück hatte ich das Kapitel
über Fußball in meinem Brasilien-Buch nicht übersprungen, sondern
mich durchgequält.
„Nun, dafür
habt ihr einen Stern mehr auf dem Trikot.“ Grinsend, Daumen hoch,
mit etlichen Plastiktüten versehrt, begebe ich mich Richtung
Ausgang.
Ich habe es
geschafft! Auf dem Niveau eines 3-Jährigen sprechend, habe ich es
vollbracht trotz eines mir verhassten Themas, von dem ich nicht die
geringste Ahnung habe, etwas für die Völkerverständigung zu tun.
Ich habe meinen Beitrag geleistet. Germany-Brasil – Freundschaft,
Zukunft, Zusammenarbeit! Und ich mittendrin!
Tja, eigentlich
bin ich stets überaus darum bemüht, mich ernsthaften Dingen zu
widmen und meinen verehrten Lesern den ein oder anderen
aufschlussreichen Blick auf mein Leben hier in den Tropen zu
gewähren. Oft denke ich mir die Themen und Inhalte wochenlang vor
der Niederschrift aus und lasse Konzepte in meinem Kopf hin und her
purzeln. Wenn ich mich dann an den Schreibtisch setze, entsteht
jedoch urplötzlich so eine Geschichte wie die obige – fast, könne
man sagen, gegen meinen Willen. Damit eure Lektüre jedoch nicht
vollkommen für'n Lappen ist, folgt *trommelwirbel* umgehend der
geplante Inhalt!
Wie bereits
erwähnt, verbringe ich bereits einige Monate in diesem wunderschönen
grünen, warmen Lande. Was gefällt mir und was nicht? Es folgt eine
kleine Zwischenbilanz am Mittag meiner Tage in Brasilien. Natürlich
kann ich euch nichts weiter bieten als meinen selektiven und
individuell-verzerrten, engen Blick, aber naja, mh, immer noch besser
als nüscht, wa?!
PRO
Die Atmosphäre: Ich kraksel auf meinem klapprigen Drahtesel einen der steilen Hügel hoch (ganz Brasilien scheint nur aus extremen Steigungen und Gefällen zu bestehen). Von der einen Straßenseite faucht mich eine Gans an, von der anderen kommt ein räudiger Straßenköter daher, der in der drückenden feuchten Hitze einen Rappel bekommen hat und anfängt, meinem Fahrrad hinterher zu jagen. Ich rette mich in die nächste Straße, wo ich fast mit einem Ford-Lastwagen aus den 70ern zusammenstoße, der mir seine ungefilterten Abgase in die Fresse bläst. Oder: ich sitze gerade in einem Fernbus, in welchem das Belüftungssystem ausgefallen ist und jemand hinten auf der Toilette eine Party mit seinem Dickdarm gefeiert hat, sodass das ganze Fahrzeug danach stinkt. Egal, dauert nur noch 2 Stunden die Fahrt. Oder: ich bin mit Freunden in einer Kneipe, gehe auf Klo und entdecke in der verstopften Kloschüssel eine Spritze schwimmen. Oder: ich begebe mich des Nachts auf Bettwanzenjagd, weil ich von den ganzen Stichen nicht mehr schlafen kann, zumal der Schimmel an den Wänden sein übriges dazu beiträgt, meine Atmung herauszufordern. Oder, oder oder... Brasilien kann manchmal ganz schön laut und eklig sein.