Sonntag, 16. November 2014

Ein neues Dach und viel Musik

Olá, ich habe mich bereits eine Weile nicht mehr gemeldet. Die Mühle des Alltags und so. Es sei hiermit nachgeholt!

Das Wichtigste zunächst: Unsere Einrichtung sammelt gerade Spenden für ein neues Dach des Haupthauses. Das sieht nämlich gar nicht gut aus und gammelt schon an diversen Stellen. Bei Niederschlag drückt‘s auch manchmal durch. Keine besonders angenehme Situation, wenn man sich vor Augen führt, dass dort täglich Kinder ein und ausgehen.

Ja, das sind tatsächlich Milchkartons :-(

Deswegen habe ich mir überlegt, mich mit einem Spendenaufruf an euch zu wenden. Ich weiß, dass ihr mitunter bereits für meinen Dienst hier in eure Taschen gegriffen habt, wofür ich euch immens dankbar bin, es ist jedoch so, dass das CREAR zu 100% aus Spenden und Fördergeldern finanziert wird und es von daher immer mal wieder nötig ist, nach Leuten Ausschau zu halten, die bereit sind, etwas von sich für einen gemeinnützigen Zweck zu geben. Was man den Freunden der Erziehungskunst bei ihrer Arbeit auf jeden Fall zu Gute halten muss, ist, dass ihre Projekte langfristig und nachhaltig angelegt sind, das Geld hier auf jeden Fall an seinem Bestimmungsort landet und nicht etwa in irgendwelchen Korrumptionskassen, wie das bei manch anderen vermeitlichen wohltätigen privaten Hilfsorganisationen der Fall ist. Das über 20-jährige Bestehen des CREARs spricht auf jeden Fall dafür.

Also hier das deutsche Spendenkonto:

Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiner e.V.
GLS Bank Bochum
BLZ 430 609 67
Konto-Nr. 13042010

Wichtig ist der Vermerk: „Projektnummer 4065„, damit das Geld auch an seinen vorgesehen Bestimmungsort gelangt.

Vielen Dank schonmal für eure Aufmerksamkeit diesbezüglich! :-)

CREAR vom Fenster des Musikraumes aus betrachtet
Nun ein paar Anekdoten aus meinem brasilianischen Alltag:

Alltag ist das richtige Wort, es hat sich nämlich bereits eine gewisse Routine eingestellt, was die Gestaltung meiner Arbeits- und Freizeit angeht. Im CREAR verbringe ich den Vormittag mit einer Gruppe von Grundschulkindern, die ihre Zeit vor der Schule, die für sie erst nachmittags beginnt, für das Kursangebot der Einrichtung nutzen. Dabei sind sie meistens mit Stickarbeiten, freiem Spiel sowie der Einnahme von festen Mahlzeiten beschäftigt.

Diese Woche habe ich endlich damit begonnen, eigene kleine Projekte anzubieten: Jeden Mittwoch gibt ab nun ein Slackline-Kurs für ein paar Leute. Für diejenigen, die es nicht kennen: Slacklining ist das Balancieren auf einem Spanngurt, der in der Regel zwischen zwei Bäumen befestigt wird, was Körperhaltung, den Gleichgewichtssinn und Psychomotorik schult, die Muskulatur kräftigt, und außerdem aufgrund schneller Erfolgserlebnisse und sozialer Interaktion auch eine Menge Spaß macht.

Seit letztem Donnerstag gebe ich zudem einen Gitarrenkurs für die älteren Kids. Wir haben mit Blues und „Stille Nacht“ angefangen (ja, die Weihnachtszeit grassiert bereits) und wie ich merke, würde ich bereits zu diesem Zeitpunkt einem meiner Probanden ein gewisses musikalisches Talent eingestehen. Für mich persönlich gibt es kaum etwas Großartigeres auf der Welt, als in einem Menschen die Liebe für die Kunst zu wecken. Ich bin der Überzeugung, dass die Betätigung in einem künstlerischen Feld, in meinem Falle das Gebiet der Musik, ein immenses Potential besitzt, den Menschen unabhängiger und freier machen, allen schon aus dem einfachen Grund, dass er eine Beschäftigung verrichtet, die auf Ästhetik und nicht auf Zweckrationalität basiert. Drei Gitarren habe ich im CREAR gefunden und neu besaitet, was bedeutet, dass ich derzeit nur drei Leute unterweisen kann. Das wird sich hoffentlich bald ändern, wenn die Gitarrenbestellung aus Deutschland angekommen ist, die mir die Freunde freundlicherweise für meine Arbeit gestiftet haben.

Ab nächster Woche werde ich auch jeden Dienstag Blockflötenunterricht geben, was eine recht spannende Herausforderung ist, da ich besagtes Instrument seit der zweiten Klasse nicht mehr in den Händen hielt. Zum Glück ist es nicht allzu schwer handzuhaben, wenn man sich wieder ein wenig reingefuchst hat, was bedeutete, dass ich in den Mittagspausen der vergangenen Woche immer mal wieder üben musste. Ich habe zum Glück auch pädagogische Literatur in der Einrichtung gefunden, sodass ich mir nun nicht auch noch die ganze Zeit Stücke ausdenken muss.

Musikalisch gestaltet sich übrigens auch meine Freizeit. Dadurch, dass mittlerweile meine Co-Freiwillige Lia angereist ist und ihre Querflöte mitgebracht hat, kommt es des Öfteren zu Stande, dass wir uns gemeinsam hinsetzen und Stücke proben, die wir im Zuge des Adventskreises für die Kindergartengruppen aufführen werden. Dabei hatte es sich ergeben, dass ich mich zum ersten Mal in meinem Leben ans ernsthafte Komponieren wagte und so ein Arrangement des Weihnachtsliedes „Maria durch ein‘ Dornwald ging“ für Querflöte und Gitarre auf Grundlage von Lias Querflötenbuch dabei heraus kam.


Diese Arbeit hatte mich dahingehend beflügelt, weiter Noten zu setzen und mittlerwile gibt es auch ein Blockflöten-Trio für „Stille Nacht“ sowie eine simple Version von John Lennons „It‘s Christmas Time“ für Flöte und Gitarre. Als nächstes sollen Arrangements für „Es ist ein Ros entsrungen“ und einem Lied von Caetano Veloso folgen. Darüber hinaus versuche ich Lia für Bossa Nova anzufixen und werde die Erzieher und Lehrer der Einrichtung auf freiwilliger Basis ebenfalls gitarristisch fortbilden, damit sie zum Beispiel Kinderlieder begleiten können. Gleichzeitig lerne ich dadurch brasilianische Kinderlieder und Portugisisch :-)

Nachmittags bin und bleibe ich weiterhin in der Baby-Gruppe und kann dabei vorrangig zweierlei Dinge beobachten: 1. Wie sich die Minis durch gewisse evolutionäre Stufen der Menschheit arbeiten. Es mag Geister geben, die sich vorstellen mögen, wie das prähistorische Leben der Menschheit ausgesehen haben muss. Meine Empfehlung ist: Anstatt zu träumen sich einfach mal in einen Kindergarten begeben! Manche von den Kleinen befinden sich bereits auf einer kommunikativ-sozialen Ebene, aber viele von ihnen grunzen und brüllen noch, wenn es um darum geht, Bedürfnisse zu artikulieren. Einer meiner Favoriten ist ein Junge, der vor allem gern durch eine immense Lautstärke seines Organs auf sich aufmerksam macht. Vor den Mahlzeiten sagen die Erzieherinnen immer ein Gebet auf, welches unter anderem die Aufforderung enthält, ruhig beim Essen zu sein. Die Stellen, die er bereits verinnerlicht hat, brüllt er dabei aus voller Kehle heraus - als wenn jemand volle Kanne brüllen würde: „WIR SIND JETZT RUHIG!!!“ :-D

2. Trotz des unglaublichen Ausmaßes an Irrationalität und urzeitmenschlichem Verhalten, trotz all solchen Aktionen wie: „Mal schauen, was passiert, wenn ich meinen vollen Teller einfach mal herum drehe.“ oder „Mh, wieso klappt das eigentlich nicht, mit einem ganz normalen Schritt eine Ebene hochzuklettern, die ungefähr fast genauso groß ist wie ich?“ oder „Ich halte einfach mal meinen Ellbogen ins Essen.“ oder „Ich versuche einfach mal ohne Rücksicht auf Gegenverkehr die Rutsche hochzuklettern. AUTSCH!“ oder „Hey, ich krabbele einfach über dich drüber, obwohl du noch schläfst.“ oder „Das merken die Erzieher bestimmt nicht, wenn ich das ganze Essen, das ich nicht mag, einfach auf den Teller von meinem Nachbarn ablade.“ (das letztere, nebenbei bemerkt, eine Aktion, die ich mir gerne unter Erwachsenen im Restaurant vorstelle) - trotz alledem zu beobachten, wie die Kleinen jeden Tag aufs Neue grundlegende Techniken erlernen, um das Leben zu meistern, über die simpelsten Sachen staunen können und sich irgendwie auf dem Weg befinden, vernunftgeleitete Wesen zu werden, ist ein großartiges Erlebnis, das ich auch gern völlig kitschig als das Wunder des Lebens bezeichnen mag. Mein größter Respekt gilt den Erziehern, die sich jeden Tag aufs Neue darauf einlassen.

Streets of Capão

Nach der Arbeit lerne ich Portugisisch, komponiere und übe Gitarre. Neuerdings mache ich auch Leichtathletik zusammen mit Lia und dem schnellsten Mann, den ich jemals kennen gelernt habe, meinem Kollegen Bello. Das Training ist hart und oft, ich bin aber sehr froh darüber, da die kohlenhydratreiche Ernährung hier in Verbindung mit der vorhanden Gastfreundschaft sich in gewisser Weise auf das Körpervolumen und -gewicht auswirken kann. Oder um es in Bellos Worte zu fassen: „Alle Freiwilligen sind bisher fetter geworden!“

Das soll es von mir an dieser Stelle gewesen sein. Meine Co-Freiwillige Lia bloggt neuerdings auch über ihren Stay hier. Hier könnt ihr ihr einen Besuch abstatten. Achso und Musik darf natürlich nicht fehlen! Hatten Villa-Lobos schon? Der Typ, der die super genialen Preludien für die Gitarre geschrieben hatte? Nein? Dann wird es aber Zeit!




Ahoi!

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Hakuna Batata

Batata heißt Kartoffel. Man könnte dieses Zusammenspiel aus Swaheli und Portugisisch folgend übersetzen: „Es gibt keine Kartoffel.“ Das stimmt nicht ganz. Es gibt hier schon welche, doch werden sie nicht so ausgiebig konsumiert wie im Land der Alemannen (Das deutsche Volk atmet auf!). Außerdem gibt‘s hier Süßkartoffeln für einen Spottpreis, aber eigentlich habe ich keine Lust, euch weiter mit Gemüse zu langweilen. Es ist einiges passiert. Ich möchte ausfürlich berichten. Unter anderem von der Notfallpädagogik. Doch dazu später mehr. Eine jede Geschichte braucht ihren Anfang.

Es war einmal ein Kater. Er stand Busbahnhof irgendwo in den Weiten Brasiliens und wollte nach São Paulo fahren - allein in die 20-Millionen-Stadt. Ihm klopfte ein wenig das Herz, war es doch das erste Mal, dass er so richtig allein mit seinem platten A1-Portugisisch durchs Land der roten Erde reiste. Er folgte der Einladung seines pädagogischen Koordinators Reinaldo auf ein Seminar über Notfallpädagogik - irgendwo dort in dieser riesigen Metropole.

Der Kater saß also am Busbahnhof (rodoviário, sprich hodowiaariu - ein Wort, das man kennen sollte, wenn man von A nach B kommen möchte) und wartete zusammen mit anderen Reisenden auf seinen Bus, als nun vom Geschäft der gegenüberliegenden Straßenseite ein untersetzter Mann in hautengem Fußballtrikot, welches seine Bierplautze besonders ungünstig betonte, mit zwei Fresskörben unter den Armen angedackelt kam, genau vor mir stehen blieb, da ich ungünstigerweise genau auf der Mitte des Wartebereichs Platz genommen hatte und damit begann, lautstark seine Produkte feilzubieten. Ich habe nicht alles verstanden, aber durch die ständigen Wiederholungen, die er über den Platz brüllte, bekam ich mit, dass es sich bei seinen Waren um so ausgefallene Dinge wie Wasser, Cola, Pommes und Salzgebäck handelte - also alles Dinge, die man auch ohne Probleme im rodoviário bekam, wenn man sich die Mühe machte, den Hintern hochzunehmen und 10-15 Meter zur Imbissbude (lanchonete, sprich lanschonäätschi) zu gehen. Alle Anwesenden gaben sich Mühe so zu tun, als wäre der Typ nicht da und ich durfte um Himmels Willen nicht anfangen zu lachen! Nun war es so, dass sich im Wartebereich - wie auch sonst an jeder Ecke - zwei Straßenhunde aufhielten. Die Brasilianer sind natürlich keine Unmenschen (meistens gibt es sogar irgendjemanden, dem so ein Hund gehört) und stellen normalerweise den Viechern Wasser hin. So auch bei uns im Wartebereich. Der Typ also bemerkte (und kommentierte deutlich vernehmbar), dass man mal wieder das Wasser von den Hunden wechseln sollte, was er natürlich sofort in die Tat umsetzte. Er schüttete das alte Wasser auf dem Parkplatz aus und schlenderte dann gemütlich zum Klo (banheiro, ausgeprochen banjeeru), um den Napf wieder aufzufüllen. Dabei kommentierte er seine Handlungen unüberhörbar, damit absolut jeder im Busbahnhof wusste, was gerade Außergewöhnliches geschah. Nach verrichteter Arbeit versuchte er auf ein Neues uns für seine Snacks zu begeistern, doch immer noch gab es keine Resonanz "im Publikum". Hartnäckig wie der Herr jedoch war, gab er so schnell nicht auf. Er machte nicht gerade den Eindruck, dass er einfach so unverrichteter Dinge wieder abziehen würde. Doch er schaltete einen Gang runter. Nun fing er an ein Lied über Jesus (Dschässuss) anzustimmen und so war also der Moment gekommen, bei dem ich mein unterdrücktes Lachen nicht mehr halten konnte. Das Spektakel ging weiter: Mittlerweile versuchte einer der Wartenden sich die Zeit damit zu vertreiben, indem er anfing, einen Straßenhund mit Würstchen zu verköstigen. Als jedoch nun sein Bus anrückte, beschloss er seine Aufgabe an den Verkäufer im Trikot abzugeben und überreichte ihm eine Plastiktüte mit den Würtchen. Keine zwei Minuten später sehe ich ihn, wie er sich die Fleischereirerzeugnisse selbst in den Rachen schiebt. Hatte sich also doch gelohnt, herzukommen!

Mein Bus kam und ich fuhr vier Stunden durch die Landschaft. Danach verlor ich mich abermals vier Stunden lang durch São Paulo, wobei ich es erstaunlich finde, dass ich letztendlich trotzdem noch irgendwann an mein Ziel gelangte. In der Regel war es so, dass ich in irgendein Verkehrsmittel einstieg, es dann irgendwo anders wieder verließ und erst einmal absolut keine Ahnung hatte, wo ich war. Das aller Schlimmste sind die normalen Linienbusse. Zwar haben die meisten Haltestellen Namen, aber sie werden im Bus weder angesagt, noch angezeigt. Du musst also quasi wissen oder erkennen, wann du raus musst und für jemanden, der noch nie mit den Dingern gefahren ist, stellt sich das in gewisser Weise als Schwierigkeit dar. Ich hatte das große Glück, dass ein Mädel unter den Fahrgästen relativ gut in Englisch aufgestellt war und sie mir mit ihren Karten-Apps auf ihrem Handy weiter half. Ansonsten wäre ich, glaube ich, sonstwo gelandet. Generell musste ich mich an jeder Ecke durchfragen und so schaffte ich es dann irgendwie bei den Freunden der Erziehungskunst zu landen. Es war ein recht bedrückendes Ankommen, da unweit der Associação Amigos da Arte de Educar gerade ein Motorollerfahrer tötlich verunglückt war und der Plastiksack noch auf der Straße lag - umringt von Polizei und Schaulustigen.

Irgendwo zwischen den Häusern

Ich lernte Bernd Ruf kennen, den Begründer der Notfallpädagogik und wir aßen gemeinsam mit Reinaldo und ein paar anderen von den Freunden zu Abend, bevor das Wochenendseminar mit einem Einführungsvortrag begann. Viele Leute haben vielleicht schon einmal etwas von Ärzte ohne Grenzen gehört und es gibt sogar Ingenieure ohne Grenzen, habe ich mir einmal sagen lassen. Salopp könnte man formulieren, dass die Notfallpädagogik ein pädagogisches Equivalent darstellt mit der Besonderheit, dass sie auf den Anschauungen der Waldorfpädagogik basiert. Gegründet wurde das Projekt im Jahre 2006, als zur Zeit der Fußball-WM der Herren ein Kinderfest in Stuttgart stattfand, bei welchem Schüler von Waldorf-Initiativen aus der ganzen Welt teilnahmen. Das Problem: Als der als Libanonkrieg bezeichnete gewaltvolle Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah auftrat, konnten die libanesischen Jugendlichen und deren Betreuer, die an dem Fest teilnahmen, nicht mehr in ihr Heimatland zurückkehren, da ein Flughafen zerstört war. Bernd organisierte eine Rückfahraktion über Syrien, an welcher er selbst teilnahm. Dort erlebte er leibhaftig, was ein Krieg bedeutet und lernte viele traumatisierte Kinder und Jugendliche kennen. Basierend auf seinen Vorkenntnissen als Sonderpädagoge und Waldorflehrer entwickelte er Methoden zur praktischen Intervention bei traumageschädigten Kindern und Jugendlichen und ist mittlerweile mit seinen Teams schon an vierzig notfallpädagogischen Aktionen beteiligt gewesen - u.a. in Gaza, auf den Philippinen und jüngst im Nordirak.

Nun bin ich zwar persönlich alles andere als ein Fan der Weltanschauungen Rudolf Steiners, jedoch finde ich auch, dass man einen Baum nach seinen Früchten bemessen sollte und bekenne einen großen Respekt vor den Leistungen der Notfallpädagogik. Über das Wochenende haben wir Teilnehmer in Erfahrung bringen können, was aus waldorfpädagogischer Sicht ein Trauma ist, wie es sich entwickelt und verhält und wie man es mit pädagogischen Mitteln behandeln kann. Die theoretischen Vorträge von Bernd wechselten sich dabei stets mit praktischen Workshops ab, die die vielen Powerpointfolien deutlich auflockerten. Workshops gab es im Bereich des Aquarellmalens, der Eurythmie und der Spielpädagogik. Um das Gelernte in ganz wenigen Sätze mit eigenen Worten zusammenzufassen: Nach einem traumatischen Schockerlebnis verdrängen Menschen in der Regel das Erlebte und versuchen unbewusst Strategien zu entwickeln, etwaigen zukünftigen Gefahrensituationen aus dem Weg zu gehen, wobei es durchaus passieren kann, dass sie neurotische oder psychotische Verhaltensmuster produzieren. Traumatisierte Menschen haben in der Regel ein schlechtes Körpergefühl, ein verkümmertes soziales Leben sowie eine geringe Achtung vor dem eigenen Selbst. Zu dem persönlichen Leidensdruck gesellt sich die Gefahr, vom Opfer zum späteren Täter zu werden. Praktische Interventionen bieten massives soziales und erlebnispädagogisches Spiel, das Herstellen von Rhythmen im Tagesgeschehen (wie z. Bsp. die gemeinsame Einnahme zeitlich geregelter Mahlzeiten) und die Förderung von kreativ-musischen Kompetenzen auf allen Sinneskanälen. Wer sich für das Thema weiterhin interessieren sollte, sei an die Seite der Freunde verwiesen. Es ist auch ein Buch über das Thema erschienen, natürlich von Bernd selbst verfasst und gerade erst auch in portugiesischer Sprache erschienen. Ach so, und vergesst den Like nicht!

Innenhof der Pádeira

Ansonsten hatte ich mich tierisch gefreut, neben den Leuten von den Freunden auch ein paar von meinen brasilianischen Mitfreiwilligen wieder zu sehen. Es war eine sehr angenehme Zeit mit viel Gastfreundschaft, Lachen und angenehmen Gesprächen. Untergekommen war ich in der Pádeia, einer Einrichtung für Theater, Kunst und Kultur, in welcher auch zwei Freiwillige von uns arbeiten. Das Ding hat sogar einen deutschen Internetauftritt, also schaut mal rein! Was ich nebenbei unglaublich crazy fand, war der Umstand, dass ich an diesem Ort, irgendwo in diesem Moloch von einer Metropole durch Zufall ein paar Deutsche von meinem Hinflug nach Brasilien wieder traf, die hier ein Kunstfestival unterstützten und Urlaub machten. Kartoffeln ziehen sich scheinbar unbewusst an!

Der Rückweg war ähnlich spannend wie die Hinreise. Eine Dreiviertelstunde im unklimatisierten Stadtbus bis mir schlecht wurde. Und dann vier Stunden auf den Reisebus warten, weil der Nachmittagsbus sonntags nicht fuhr (was jedoch auf der Internetseite des Unternehmens anders vermerkt war). Naja, immerhin kannte ich nun den Weg. Auf dem Busbahnhof ist mir ein Baby aufgefallen, weil es - von seiner Mutter getragen - immer mal wieder undefinierbare Schreiattacken bekam. Die beiden saßen dann während der ebenfalls vierstündigen Rückfahrt genau neben mir. Aber sowas bin ich ja bereits aus meiner Einrichtung gewöhnt...

Á propos, ich bin mittlerweile dabei, die kleinen Scheißer besser kennen zu lernen. Dass ich in der Kleinkindgruppe bin, hat so seine Vor- und Nachteile. Auf der einen Seite stellt das Portugiesisch kein Problem dar, weil die meisten eh nur kaum bis nicht sprechen können, andererseits lerne ich so die Sprache auch nicht wirklich. Naja, die Erkenntnis: Liebe kennt keine Sprachbarriere *schnulz*

Meistens hatte ich in der vergangenen Woche mit meinem kleinen Schreimonster zu tun. Sie macht sich jeden Tag besser. Ab und zu erlebe ich es, wie sie sich mit den Spielgeräten im Hof allein beschäftigt und vereinzelt gibt es sogar sozialen Kontakt mit den anderen Kids, jedoch auch meist nur von den anderen initiiert. Das Draußenspiel, was jetzt aufgrund von besserem Wetter täglich stattfindet, bietet ihr ziemlich viele Möglichkeiten die Welt zu entdecken. Die Spielzeuge sind zwar zu einem großen Teil aus Plastik und nicht waldorfgerecht, aber dafür, dass wir hier in einer recht armen Region sind, ist die Ausstattung eigentlich super. Mir persönlich geht das auch an meinem wuscheligen Katzenhintern vorbei; ich schreibe das hier nur so explizit, weil es irgendwelche „Pädagogen“ geben soll, die sich gerne über so etwas aufregen (ihr habt‘s erraten: natürlich allesamt Kartoffeln, die hier mal zu Besuch gewesen sind). Jedenfalls merke ich, dass meine kleine Heulboje jeden Tag neue Sachen lernt. Sei es das Schließen und Öffnen der Fenster von dem einen Häuschen auf dem Gelände, Treppensteigen oder vertrocknete Blätter zu zerraspeln. Mein absolutes Highlight ist folgendes: Die eine Erzieherin aus der anderen Krabben-Gruppe, die mit uns zusammen draußen ist, sitzt manchmal unter dem einen Baum und hat einen magischen Grashalm in der Hand, mit dem sie die Kinder in Vöglein, Hunde, Schmetterlinge (passarinhos, cachorros, borboletas - passarienjus, kaschoorrus, borbolähtas) und anderes Getier verwandelt. Dazu tippt sie die Kiddies mit dem Halm an und sagt "Bing!". Die Kinder rennen dann für gewöhnlich wie die Bekloppten durch die Gegend. Das haben ich und die Kleine natürlich nachgespielt und wenn ich ihr jetzt einen Halm in die Hand drücke, tippt sie damit die anderen Kinder an und sagt: "Bamng." Das ist so eines ihrer ersten Protowörter. Ich bin so stolz! Ansonsten versuche ich es beim Füttern so zu machen, dass sie mit mir den Löffel und den Becher gemeinsam hält, damit sie so das Selber-Essen schonmal ein wenig lernen und die Geschwindigkeit beim Essen kontrollieren kann.

Jup, ich habe einen kleinen Narren an ihr gefressen, was auch so seine Vor- und Nachteile hat. Sie kriegt natürlich von mir viel mehr Aufmerksamkeit als die anderen und manchmal klammert sie auf jeden Fall viel zu viel. Die Kiddies spielen immer eine Stunde draußen vor dem Abendessen. Nach spätestens einer Dreivierelstunde ist sie fix und fertig mit allem und will nur noch getragen werden. Aber sie ist nicht das jüngste Kind. Die Kleinste lernt gerade einmal das Laufen, braucht auch ganz viel Beachtung und muss oft getragen werden. Sie ist die Tochter von der einen Erzieherin aus meiner Gruppe und kann oft nicht so wirklich ruhig sein, was vor allem beim Mittagsschlaf schnell mal ein wenig ausarten kann. Wenn irgendein Kind wach wird, weiß es in der Regel, dass es ruhig bleiben muss, weil die anderen noch schlafen und es bekommt dann ein Kuscheltier, um sich zu beschäftigen. Nicht so die Kleine: Wenn sie nicht gerade schreit und damit den ganzen Saal aufweckt, fängt sie wie ein Sportflitzer an drauf los zu krabbeln - leider auch manchmal über die anderen hinweg und brabbelt dabei recht unbesorgt vor sich hin - "Ah! Gigiii!"

In keiner Kleinkindgruppe darf der Sadist fehlen. 2010 hatte ich einmal ein paar Monate im Waldorfkindergarten in Magdeburg gearbeitet und da gab es so einen kleinen, knuffigen, pausbäckigen Buben, der die anderen immer übelst hart schuppte. Wenn du ihn ermahnt hattest, schaute er dich einfach nicht an und verzog keine Miene. Ich fragte die Erzieherin, ob es es so etwas einen kindlichen Sadismus gäbe. "Auf keinen Fall!" schmetterte sie meine Frage ab, womit die Diskussion beendet war. Ein Erlebnis, was unter anderem dazu beigetragen hat, warum ich Waldorf eigentlich nicht ganz so ernst nehme. Die Lektüre einiger psychoanalytischer Werke später scheint jedoch meine Bedenken eher zu bestätigen. In jedem von uns sind destruktive und aggressive Kräfte am Werk. Bei manchen mehr und bei anderen weniger stark im Außen, von den meisten verdrängt. Gerade in frühkindlichen Epochen unseres Lebens können besagte Strebungen besonders augenscheinlich zum Vorschein treten, aber ich wollte hier eigentlich kein Referat halten sondern berichten. Hin und wieder stelle ich mir vor, was wohl die Kiddies machen werden, wenn sie groß sind. Ab und zu kommt mir auch der Gedanke, dass Erwachsene, die so drauf sind wie meine kleinen Schutzbefohlenen definitive Fälle für die Klapse wären (á la Convos with my 2-year-old, Achtung: Lachanfall vorprogrammiert!). Jedenfalls gibt es da den kleinen G., der gerne mal zubeißt. Du musst echt wie ein Schießhund aufpassen, denn wenn er in der Nähe von anderen ist, fängt bald jemand an zu schreien. Das gleiche Schema wie damals: absolute Ausdruckslosigkeit in seinem süßen, knuffigen Babyface. Und du kannst 10 mal was sagen, ohne dass es den geringsten Einfluss auf ihn hat. Seine bevorzugten Opfer: Mädchen, die jünger als er sind. Was seinen Fall besonders macht: Manchmal kriegt er Heulattacken, bei denen ich keine Ahnung haben, was sie auslösen. Sie halten auch nur kurz an. Es sind die Momente, wo man ihn am deutlichsten hört. Ansonsten ist er sehr still. Ein zwanzigsekündiges dumpfes "Baaaaah!" und das war‘s dann auch schon. Er beschäftigt sich die meiste Zeit allein (wenn er nicht gerade wieder zuschlägt). Ich kann ihn mir später sehr gut als verrückten SS-Wissenschaftler vorstellen, der Experimente an Menschen durchführt oder als jemanden, der sich nachts in dunklen Parks versteckt, um weiterhin seine Phantasien aus frühen Kindertagen befriedigen zu können. Ansonsten mag er es sehr, wenn man ihn auf den Armen hat und schaukelt. Man darf halt Kindern absolut nichts übel nehmen und muss manchmal eben 10.000 mal "dudu!" sagen.

Dann gibt es da noch einen, der ist so herrlich treudoof! Ganz harmloser lieber Bub. Manchmal kriegt er auch so eigenartige Heulkrampfattacken. Vielleicht vermisst er seine Ma, wer weiß? Der Hammer ist, dass meine Taktik vom ersten Versuch an immer wieder funktioniert hat. Er fängt an zu schreien und ich schaue ihn einfach so unseriös ernst/böse an wie z. B. jemand, der sich als Weihnachtsmann verkleidet hat und alle Kinder fragt, ob sie auch artig waren und dann hört der Typ auf mit weinen und grinst. Echt der Hammer!

So viel geschrieben, wie immer wenig Bilder und zum Schluss noch schöne Musik! Diesmal Bola Sete! Ausgebildeter klassischer Gitarrist, der brasilianischen Musik immer nah gewesen und dann völlig ausgeflippt, als er was von Django mitbekam. Unglaublich nicer Sound!

Samstag, 4. Oktober 2014

Wahlkampf, Baby & Musik

Ahoi Leute!

Zunächst einmal: Wer mag, kann HIER nachverfolgen, was ich für tolle Abenteuer mit meinem Visa-Antrag erleben konnte.

Es ist ziemlich kalt geworden in den letzten Tagen. Die Häuser hier sind nicht so gut isoliert wie in Kartoffelland und ich bin echt froh, dass ich mir einen Pullover und dicke Strümpfe mitgebracht habe.

Großartig mit neuen Bildern kann ich euch gar nicht zuballern; ich hatte heut nämlich meine Kamera nicht dabei, was ich ein bisschen schade finde. Es sind nämlich ein paar lustige Sachen passiert.

Ich war mit Peggy und ihrer Tocher Rafaela Sophia in der Stadt unterwegs zum Einkaufen und um ein paar Dinge zu erledigen. Da morgen die Wahl ansteht, läuft der Wahlkampf auf Hochtouren. Es ging gar nicht! An jeder Ecke standen Leute herum, die Parteifahnen schwenkten und alle drei Minuten fuhr ein zugeklebtes, mit Fahnen behangenes Auto an mir vorbei. Aus Lautsprecherboxen dröhnte ohrenbetäubende Wahlpropaganda, dass ich mich nicht mehr mit meinem Gegenüber unterhalten konnte.

Wir haben ein paar Geschäfte abgeklappert und sind gerade in einem Schreibwarenladen (uma papelaria) und auf einmal kommt der Spitzenkandidat der Grünen Partei (Partido Verde) für die Region reinmaschiert, zwingt uns seine schmierigen Hände zu schütteln, erzählt uns was von: „Lasst uns gemeinsam für unsere Stadt kämpfen!“ oder so, drückt uns noch ein paar Blätter mit Wahlpropaganda in die Pfoten und verzieht sich ins nächste Geschäft. Unterunterbrochenes starres Grinsen, nebenbei bemerkt.

Genau der Typ. Grins!

Da ich selbst in einer sozialistischen Partei in Kartoffelland Mitglied bin, musste ich mir vorstellen, wie ich happy-smiley-mäßig die Hände der Leute abschüttelnd durch die Magdeburger Innenstadt laufe und bin entsprechend aus dem Feiern nicht mehr heraus gekommen. Ich bin gerade einmal dabei das politische System Brasiliens zu erfassen. Soviel habe ich schon einmal mitbekommen: Die Leute bekommen Geld von den Parteien, wenn sie den ganzen Tag lang mit einer Fahne an der Straße stehen und wedeln oder sich ihr Haus oder Auto mit Wahlpropaganda zukleistern. Das bedeutet, sie müssen schonmal keine Parteimitglieder sein. Ich schlussfolgere daraus, dass die Grüne Partei vor Ort recht wohlhabend ist. Irgendwie vermisse ich spezifische Inhalte. Was ich aus dem Wahlprogramm erschließen kann, das ich bekommen hatte, - nebenbei sei bemerkt, dass ich noch recht schlecht im Portugisisch aufgestellt bin - ist, dass sie irgendwie ganz viel bauen und renovieren wollen: 266 Wohnhäuser, 51 km Straße und was weiß ich alles. Das schafft dann irgendwie Arbeitsplätze und so und macht die Stadt schicker. So ungefähr wie die SPD in meiner Heimatstadt Magdeburg. Soziale Themen hingegen vermisse ich auf dem Papier. Naja, jedenfalls steht die Partei ihrem deutschen Equivalent in Sachen Widersprüchlichkeit um nichts nach: Irgendwas von Umwelt erzählen und dann alles auf- und abreißen und mit Beton zuschütten. Und jetzt alle: Mundwinkel nach oben, während der Rest eures Gesichts starr und ausdruckslos bleibt und zehn Minuten so halten!

Kleiner Grusel-Fact nebenbei: Der Spitzenkandidat der Sozialistischen Partei, Eduardos Campos, ist vor ein paar Monaten mit einem Flugzeug abgestürzt und samt allen Insassen ums Leben gekommen. Ganz klarer Fall von tragischem Unfall; hat bestimmt nichts mit den Wahlen zu tun! Wen es interessiert, die News dazu: HIER

Großartig mit neuen Bildern kann ich euch nicht zuschütten, aber vielleicht reizt euch ja die ein oder andere Anekdote aus meiner Arbeitswelt.

Zur Zeit kann man mich Nachmittags oft mit einem Baby auf dem Arm beobachten. Es gibt nämlich ein kleines Mädchen, welches gerade einmal seit zwei-einhalb Wochen im CREAR ist und stark auf mich fixiert ist. Ich brauche nur einmal rausgehen, um das Essen abzuholen, da fängt sie an zu heulen und glaubt wahrscheinlich, ich haue jetzt für immer ab (wie ein Hund :-P ). Das Problem: Sie heult und brüllt auch, wenn ich anwesend bin, sie jedoch nicht gerade auf dem Arm habe. Das ist ihr Ding: getragen zu werden. Da fährt sie voll drauf ab. Es ist dann oft so, dass sie zu meinen Füßen steht, den Kopf zu mir hochstreckt, übelstig verweint und verrotzt ist und wimmert; das heißt dann so viel wie: „Nimm mich endlich auf den Arm, WÄHHHH!" Sprechen kann sie noch nicht; gerade einmal ein wenig laufen. Natürlich nehme ich sie meistens auf den Arm. Sie ist ja noch ganz neu und braucht ganz viel Liebe und Zuwendung. Aber ich kann das halt nicht immer tun, weil ich mich ja auch um die anderen Kinder kümmern muss. Und manchmal natürlich um mich selbst. Einmal bin ich auf Klo gegangen. Als ich wiederkam war sie so dermaßen verweint und verrotzt, ihr hättet geglaubt, irgendjemand hat ihr sonst was angetan!

Manchmal experimentiere ich mit ihr. Schließlich muss sie auch lernen, sich mit den Spielzeugen und Dingen im Raum zu beschäftigen, meine ich. Deswegen habe ich mich einmal auf den Boden gesetzt und bin so auf die Ebene der Kinder gekommen. Da war sie erstmal völlig verdattert. Natürlich hat sie trotzdem gewimmert und versuchte an mir hochzuklettern und einen guten Platz zu ergattern. Das Problem: da war ein anderes älteres Kind auch scharf drauf und das war definitv stärker als sie. Natürlich war Platz für beide auf meinen Armen und Beinen, da hatten sie jedoch keinen Bock drauf. Jeder wollte mich für sich alleine haben. Kinder halt. Ich war dann schnell sowas wie ein Klettergerüst. It was pretty fun.

Ein andermal hatte ich sie gerade getragen, da wurde es allmählig Essenszeit und das bedeutet, dass die Kiddies nun alle Spielsachen ordentlich zurückräumen müssen. Das war voll lustig, ich habe die Kleine dann als so eine Art Kranarm benutzt. Wenn irgendwo ein Spielzeug herumlag, habe ich sie dahin gehalten und sie nahm es. Dann sind wir durch den Raum zum Spielsachenregal "geflogen" und dort lud sie es dann ab. Voll gut die Kleine! Kopf schütteln kann sie auch schon. Das bedeutet ungefähr so viel wie: „Nein ich will nicht damit spielen; ich will dass du mich trägst! WÄÄHHHHHH!“

Die kleine Maus war jetzt seit zwei Tagen nicht in der Einrichtung, weil sie krank ist oder so. Scheiße, irgendwie vermisse ich sie ein wenig. Ohne das Kindchenschema würden Krabben und Nackmulle diesen Planeten regieren; ich sag‘s euch, Leute!

Noch ein paar Bilder und Musik. Ich habe gerade ein bisschen Angst, mein Pulver schon so frühzeitig zu verschießen, aber heute gibt‘s einen der Größten! Und selbst hier in Brasilien super unbekannt. Paulinho Nogueira gehört auch zu den Gitarristen, die mich in ihrem Stil praktisch ziemlich beeinflusst haben! Das Video hier mit der schlechten Qualität ist recht bedeutend, weil er da bei der Wiederholung des Leitmotivs seine später ausgebaute Variation präsentiert und die besteht aus Sternenflimmern, Leute.

Die hinteren Gruppenräume im CREAR

Der Kater macht sich Wasser heiß

Stress - stressiger - Visum

Hey Kids,

ihr wolltet schon immer einmal wissen, wie es so war, sich mit dem bürokratischen Verwaltungsapperat der Sowjetunion auseinander zu setzen oder wie sich in etwa die Hauptcharaktere von Franz Kafkas „Der Prozeß“ und „Das Schloss“ gefühlt haben müssen?

All der Stress für ein paar Stempel

Was nun folgt soll so eine Art Leitfaden für all die Leidtragenden sein, welche die schwere Bürde auf sich genommen haben, ein Visum für ihren Freiwilligendienst in Brasilien zu organisieren. Oder vielleicht habt ihr auch einfach nur Bock, einmal mit zu verfolgen, wie dermaßen nervig es sein kann was man alles so beachten muss, wenn man ein brasilianisches Visum für Ehrenamtliche bekommen möchte.

Gleich vorneweg: Ich stelle hier keinen Anspruch darauf, dass dies hier die richtige Anleitung sein soll. Ich kann nur von meinen eigenen Erfahrungen berichten und wie es bei mir funktioniert hat. Vielleicht hilft es ja dem ein oder anderen trotzdem dabei, sich zu orientieren.

Okay, zwei wichtige Dinge, die ihr erst einmal braucht: Zeit und Geld - Haha! Zeit für die ganze Behördenrennerei und Geld für Beglaubigungen, Übersetzungen, Porto et cetera. Das Visum an sich soll kostenlos sein, was aber eher ein gut gemeinter Scherz sein soll. Warum, werdet ihr gleich lesen...

In Deutschland gibt es insgesamt drei sogenannte Konsularbezirke der brasilianischen Botschaften: München, Frankfurt am Main und Berlin. Da ich in Sachsen-Anhalt gewohnt habe, fiel mir der Konsularbezirk für Berlin zu und dementsprechend musste ich mein Visum dort einreichen.

Für mein Visum brauchte ich insgesamt 14 Dokumente. Sieben aus Brasilien und sechs aus Deutschland sowie den Visumsantrag (Ja, ich weiß, in euren Dokumenten von den Freunden könnte etwas anderes drinstehen).

Brasilianische Dokumente

Aus Brasilien brauchte ich folgende Dokumente:

- Ein Einladungsschreiben zur Aufnahme der beabsichtigten Tätigkeit
- eine schriftliche Beschreibung meines künftigen Arbeitsplatzes und meiner Aufgaben
- eine Verpflichtungserklärung für meinen Unterhalt und die Kosten meiner medizinischen Versorgung sowie meiner Rückreise aufzukommen
- Gründungsurkunden und Satzung/Gesellschaftsvertrag, Ernennungsurkunde der jeweils amtierenden Leitung
- einen Nachweis der Mitgliedschaft im jeweiligen Rat für Sozialhilfe des Bundes/Bundesstaates/der Gemeinde
- einen Nachweis über einen ordnungsgemäßen Vollzeitbetrieb
- eine Bestätigung darüber, in welchem Zeitraum mein Arbeitsverhältnis mit der Einrichtung währt

Am besten ist es, so schnell wie möglich der Einsatzstelle eine Mail zu schreiben, dass sie die Unterlagen postal zukommen lassen sollen. Dass eine Bestätigung über den Zeitraum meiner Arbeitszeit benötigt wurde, fand ich erst heraus, als ich in bei der Botschaft mein Visum einreichte, was zu nervigen Telefonaten und Emailverkehr führte. Also, am besten alles in einem Abwasch! Die Dokumente mussten alle von brasilianischer Seite aus notariell beglaubigt und mit der Unterschrift des Präsidenten der Einrichtung versehen sein.

Dokumente aus Deutschland

So jetzt kommt die Rennerei! Aus Deutschland benötigte ich sechs weitere Dokumente sowie den Antrag fürs Visum. Im Folgenden möchte ich die jeweiligen Amtswege für sie einzeln erörtern, damit es möglichst ersichtlich ist, was für welches Dokument benötigt wird (ich habe nämlich trotz Unterstützung der Freunde und mit Informationen von ehemaligen Freiwilligen einiges falsch gemacht und oft den Überblick verloren).

Geburtsurkunde


Da ihr irgendwann einmal auf die Welt gekommen seid, besitzt ihr oder besitzen eure Eltern eine Geburts- oder Abstammungsurkunde über euch. Das war der einfachste Weg bei mir. Die brauchte ich einfach nur ganz normal in schwarz-weiß kopieren und mit meinem Visa-Antrag einreichen. Beglaubigungen etc. wurden nicht benötigt.

Wer keine Geburtsurkunde besitzt, kann sie sich bei einem Standesamt ausstellen lassen.

Reisepass


Als nächstes brauchte ich eine beglaubigte Kopie meines Reisepasses. Dafür ging ich zu einem Notar und ließ mir lediglich die Seiten kopieren, die persönliche Informationen enthielten!

Rein theoretisch gäbe es auch die Möglichkeit, den Reisepass beim Bürgerbüro kopieren zu lassen. Dort muss jedoch immer der komplette Pass (auch mit allen leeren Seiten) kopiert werden. Wer das machen würde, bezahlt sich später aufgrund der hohen Seitenanzahl bei Beglaubigung und Übersetzung dumm und dämlich, weswegen ich dringend davon abrate!

Mit der notariell beglaubigten Kopie musste ich danach zum Landgericht, um das Dokument überbeglaubigen zu lassen. Das bedeutet, dass das Landgericht überprüfte, ob die Unterschrift des Notars echt war und er zu seiner Amtshandlung befugt war.

Danach musste ich das Dokument von einem beeidigten Übersetzer ins Portugiesische übersetzen lassen, sodass die brasilianischen Behörden auch etwas damit anfangen konnten. Ich ließ das Dokument bei Petra Dietrich übersetzen, die mir von anderen Freiwilligen empfohlen wurde und mir zum Glück auch mit Ratschlägen im Behördendschungel zur Seite stand (www.petradietrich.de). Wer weiterhin nach Übersetzern sucht, wird mit etwas Glück beim Bund Deutscher Übersetzer fündig (http://suche.bdue.de/). Frau Dietrich ließ dann die Übersetzung beim Landgericht in Berlin noch einmal überbeglaubigen.

Nun musste das Dokument von den brasilianischen Behörden legalisiert werden. Das bedeutet, dass der brasilianische Staat das Dokument prüft und als für die brasilianische Bürokratie gebrauchsfähig anerkennt. Das musste ich bei der brasilianischen Botschaft in Berlin machen lassen, da das Dokument in dem Konsularbezirk von Berlin ausgestellt wurde. Ich bin da persönlich vorbeigegangen, da ich gleich alle Dokumente zusammen legalisieren ließ, um danach sofort mein Visum einzureichen.

Okay, der Reisepass ist fertig für‘s Visum!

Meldebescheinigung

Eine Meldebescheinigung gab es für mich beim Bürgerbüro meines Wohnortes. Am besten sollte man auf der Internetseite seiner Stadt vorbei schauen, ob man sich online einen Termin ausstellen lassen kann. Dann hat man nicht so lange Wartezeiten.

Danach musste das Dokument überbeglaubigt werden, was bei einer Landesverwaltungsbehörde geschah - in meinem Fall beim Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt, Referat Hoheitsangelegenheiten, Gefahrenabwehr, Ausländerangelegenheiten. Mitunter wird der Dienst auch Ausstellen einer Apostille genannt.

Danach ging es wie auch schon beim Reisepass zur Übersetzung bei Frau Dietrich, Überbeglaubigung der Übersetzung beim Landgericht in Berlin mittels Frau Dietrich und zur Legalisation bei der brasilianischen Botschaft in Berlin.

Bingo, das Ding wäre abgehakt!

Arbeits-/Abschlusszeugnis

Die von meiner Fachschule offiziell herausgegebene Kopie des Abschlusszeugnisses meiner Berufsausbildung musste ich beim Landesverwaltungsamt einreichen, von wo aus sie dann zum Landesschulamt weitergereicht wurde, um die Unterschriften überprüfen zu lassen. Danach ging es wieder zum Landesverwaltungsamt zurück, wo sie den benötigten Stempel bekam.

Danach das Übliche: Übersetzung bei Frau Dietrich, Überbeglaubigung der Übersetzung beim Landgericht in Berlin und Legalisation bei der brasilianischen Botschaft in Berlin. Soweit, so gut.

Führungszeugnis

Ein einfaches Führungszeugnis gab es für mich beim Bürgerbüro meines Wohnortes. Dort gab ich an, dass das Dokument beim Bundesamt für Justiz überbeglaubigt werden sollte. Irgendwann wurde es mir dann mit der Post zugeschickt.

Achtung! In der Regel darf ein Führungszeugnis nicht älter als drei Monate sein, damit die brasilianischen Behörden es akzeptieren. Kümmert euch also am besten eher zum Schluss eurer Behördenrennerrei darum!

Übersetzung bei Frau Dietrich, Überbeglaubigung der Übersetzung beim Landgericht in Berlin und Legalisation bei der brasilianischen Botschaft in Berlin erfolgten hier genauso.

Versicherungschreiben

Die Insurance Confirmation war bei mir so ein bisschen der kleine Außenseiter im fröhlichen Dokumentengespann. Das Schreiben hatte ich von den Freunden zugeschickt bekommen und da es in Detmold ausgestellt wurde, fiel es in den Konsularbezirk für Frankfurt am Main und musste somit dort legalisiert werden.

Ich habe es zunächst vom ortsansässigen Notar Herrn Doktor Michael Haack beglaubigen lassen, der es dann weiter ans Landgericht zur Überbeglaubigung schickte, bevor es dann wieder bei mir im Briefkasten landete.

Ich schickte es weiter an die brasilianische Botschaft in Frankfurt am Main zur Legalisation. Was wichtig ist, ist dem Schreiben ein Beleg hinzuzufügen, dass die Gebühr für die Legalisation gezahlt wurde sowie einen frankierten Umschlag, sodass das Dokument weitergesendet werden kann.

Nun musste die Insurance Confirmation zu einem anderen Übersetzer. Da das Dokument auf Englisch und Deutsch verfasst war und ich jemanden brauchte, der es ins Portugiesische übertragen sollte, brauchte ich einen beeidgten Übersetzer für eben diese drei Sprachen. Eine von meinen Co-Freiwilligen verwies mich an Frau Isabel Meyke (http://www.isabelmeyke.de/), welche die Übersetzung für mich dankenswerterweise erledigte und weiter an Frau Dietrich sandte, die alle Dokumente zusammen für die Überbeglaubigung beim Landgericht in Berlin einreichte.

Visumsantrag

Als ich alle Dokumente zusammen hatte, ging ich auf die Internetseite der brasilianischen Botschaft, um meinen Visumsantrag auszufüllen und drucken zu können (https://scedv.serpro.gov.br/frscedv/index.jsp). Ein Passfoto musste auch mit drauf.

Das ganze Dokumentenbündel habe ich dann bei der Botschaft in Berlin persönlich eingereicht und dann hieß es erst einmal Warten. Nach ein paar Wochen bekam ich einen Anruf, dass alles genehmigt wurde und so schickte ich meinen Reisepass (natürlich mit frankierten Rückumschlag) zur Botschaft, wo mir der heißersehnte Aufkleber reingeklebt wurde. In der Regel kann der Bearbeitungsprozess bis zu acht Wochen dauern, nachdem alle Dokumente eingereicht sind.

Insgesamt habe ich bestimmt gute 600 € bis 700 € gelassen für die ganzen Behördenrennereinen und Übersetzungen. So genau möchte ich das gar nicht wissen. Mir die ganzen Dokumente zu besorgen, dauerte ungefähr vier Monate. Außerdem war es mitunter sau nervig, da ich oft nicht wusste, was ich genau zu tun hatte.

Auf der Internetseite der jeweiligen brasilianischen Botschaft findet man unter dem Stichwort VITEM 1 noch einmal alles aufgezählt, was benötigt wird (hoffentlich aktuell). Außerdem hatte mir Frau Dietrich geholfen, wenn ich gar nicht mehr weiter wusste. Und jetzt haltet euch fest...

Weiter geht es in Brasilien

Auf dem Aufkleber in meinem Reisepass steht folgendes drauf: „Innerhalb von einer Frist von 30 Tagen muss die Anmeldung bei der brasilianischen Bundespolizei erfolgen.“

Als ich dann endlich angekommen war, wandte ich mich an die Leute aus meiner Einrichtung, ob sie mir bei der Anmeldung behilflich sein könnten. Die Erfordernisse sollen von Bezirk zu Bezirk unterschiedlich ausfallen, habe ich mir sagen lassen. Also besser nachfragen, wer betroffen ist!

Ich musste mich zunächst einmal online bei der Bundespolizei anmelden, um mir einen Antrag auszudrucken und einen Termin geben zu lassen sowie zwei Rechnungen für die Banco do Brasil.

Danach ging ich zum Fotografen, der mir zwei Passbilder nach brasilianischen Maßstäben anfertige.

Dann zur Banco do Brasil, wo die beiden Rechnungen in bar bezahlt werden mussten.

Von da aus weiter zu einem brasilianischen Notar, der nochmal meinen Reisepass kopierte und beglaubigte. Benötigt wurden hier wieder lediglich alle Seiten mit persönlichen Informationen.

Anderntags ging es dann zur Bundespolizei, die ihren Sitz zwei Stunden mit dem Bus entfernt hatte, um die Anmeldung zu vollführen. Zum Schluss gab es einen Stempel im Reisepass sowie eine Art vorläufigen Ausweis, der in drei Monaten abermals bei der Bundespolizei erneuert werden muss.

Bem-vindo no Brasil!


Montag, 29. September 2014

Ein Kater, der den Daumen nach oben hält

Ahoi! Erster Bericht von vor Ort!

Das Wichtigste vorweg: Meine Fresse, tut das gut, Kartoffelland verlassen zu haben! Nach einer Woche Hier-Sein sage ich: Scheiße, ich fühl mich wohl! Du nimmst alles mit was du brauchst: drei Unterhosen, ne Gitarre und a little bit of love und ab geht‘s! All die ganzen Was-Willst-Du-Fressen, Bulletten-Nascher, Mercedsfahrer-Stock-Im-Arsch-Vorgarten-Schlipsaffen und anderen Ausgeburten der abendländischen Kultur lässt du hinter dir, setzt dich in einen Flieger und bist weg.

Weg-Sein. Auf dem Weg. Oh yeah!

Es war eine anstrengende erste Woche, Kinder; das sage ich euch! Wo fange ich an? Beim Abschied? Der war natürlich komisch, musste ein paar guten Menschen adeus sagen. Außerdem war ich ziemlich müde, weil wir ein verdammt geiles Wochenende in Berlin verbracht hatten. Lots of love and good friends, aber dann saß ich tatsächlich irgendwann in einem Flugzeug und war eigentlich recht gefasst. Ist schon komisch: Monate hatte ich auf diesen Moment hin gearbeitet und jetzt ging es tatsächlich los. Irgendwie unwirklich. Dann in London-Heathrow umsteigen. Gibt es eigentlich irgendwo auf der Welt einen guten Flughafen? Das Teil ist so dermaßen übertechnisiert, dass andauernd irgendwelche Fahrstühle und Terminal-Shuttle-Bahnen ausfallen. Ich bin also ziemlich ins Schwitzen gekommen und dann hatte ich nicht genügend Pounds am Mann für so ein nices Sitz-Kopfkissen, aber egal; später saß ich in meiner ersten Langstreckenmaschine in 11000 Meter Höhe oder so. Kleine Panikattacke: Du verlässt jetzt deinen Kontinent! Und das nicht nur zum Urlaub. Aber hat sich dann schnell wieder gelegt. Besser versuchen viel zu schlafen, weil es fröhliche elf Stunden mit wenig Beinfreiheit werden sollten. Das beste: Auf meinem persönlichen Unterhaltungsapperat läuft „The Fault in our Stars“. Großartige Verfilmung eines großartigen Buches (ja so etwas gibt es tatsächlich [es gibt sogar noch bessere Verfilmungen von guten Büchern, siehe Naked Lunch, aber das ist ein anderes Thema<Trippleklammer, weil‘s geil ist>]) und dabei ein paar Katzentränen vergossen und auf einmal bin ich in São Paulo, Brasilien, Süd-Amerika und muss mit ein bisschen Bammel daran denken, dass ich ja noch weiter muss. Im Vorfeld gab es nämlich ein wenig email-trouble darüber, ob und wie ich abgeholt werde. Es stellt sich heraus, dass mich Peggy, die Leiterin der Einrichtung, in welcher ich arbeiten werde, und ihre Tochter empfangen und wir dann vom nächsten Busbahnhof weiter nach Capão Bonito fahren, meiner neuen Heimat für ein Jahr, irgendwo in den Weiten von Brasilien.

Assoziationsübergang: Peggy und ihre Familie sind großartig; sie zeigen mir alles und lassen mich an ihrem Leben teilhaben. Die Kinder zeigen auf temperamentvolle Weise, dass der Alltag alles andere als langweilig sein muss. Bei ihnen hinterm Haus bin ich in einem kleinen Anbau untergekommen.





Das Nötigste ist vorhanden, zumindest meistens. Hier gibt es eine Regel: Je schlechter das Wetter ist, umso weniger funktionieren die Dinge. Innerhalb der letzten paar Tage gab es viel Regen und Unwetter, was untypisch für diese Jahreszeit sein soll und (aus welchem Grund auch immer) das Internet gut zum Stottern gebracht hatte. Das nächste Ding ist das Wasser. Vorgestern ist durch einen kleinen Unfall eine Leitung durchgebrochen, weswegen der Haupthahn zugedreht werden musste. Dafür gab es dann einen Tag lang Wasser aus dem Kanister, was natürlich durchaus zu verkraften ist. Beim Duschen bleibt es jedoch in der Regel recht frisch. An meinem Duschkopf ist zwar ein Heizmodul montiert - richtig stylisch mit offenen Kabeln - es hat jedoch den Anschein, dass ich entweder den Dreh nicht richtig heraus habe beim Umgang damit oder es schlichtweg einfach nicht funktioniert.



Hier noch ein Bild von meiner Bude:





Zur Arbeit: Die Kids sind großartig, auch wenn ich kaum ein Wort verstehe. In der Regel bin ich vormittags in einer Gruppe untergekommen mit Kindern im Grundschulalter. Sie bekommen ein Frühstück, dann wird gebastelt oder gemalt, dann gespielt und zum Schluss gibt's ein Mittagsmahl, bevor sie in die Schule gehen. Dazwischen natürlich allerlei Walldorf-Fingerspiele, Gesang und *seufz* ein paar Gebete. Nachmittags bin ich in einer Kleinkindgruppe. In einer Kleinkindgruppe! Mit so kleinen irrationalen Babys, die alles anrotzen, sich einscheißen, gegenseitig das Spielzeug klauen und Heulen können wie Fliegeralarm. War ja immer mein absolute Horror jemals als Erzieher in dem Berreich zu arbeiten, aber, hach, irgendwie sind sie ja auch süß die kleinen Sabbermaschinen. "Wääääh!" Zwischendurch mach ich einen auf Hausmeister Katze und klopf irgendwo mit dem Hammer drauf oder schleppe schwere Gegenstände durch die Gegend.

Sonder-Arbeits-Special in dieser Ausgabe! Am Sonntag gab es so eine Art Spendenaktion für die Einrichtung, betitelt „Almoço de São Micael“ (Das Mittagessen von Sankt Michael). Es ging darum, Essen in der Einrichtung verkloppen, um einerseits ein paar Reais hereinzubekommen und damit auch Leute aus anderen Stadtviertel das CREAR kennen lernen. Das CREAR? So heißt der Ort an dem ich arbeite. Abkürzung für Centro Recreativo Educacional Artístico Renascer, was so viel heißt wie, ähm... Zentrum für Unterhaltung, Bildung, Kunst und - hä? - Wiedergeburt (ich nehme an, das ist so im übertragenen Sinn gemeint; ich muss nochmal Peggy fragen). Die Vorbereitungen fürs Almoço starteten Donnerstag Abend. Von da an haben wir drei Tage durchgekloppt. Tomatensauce aus  frischen Tomaten herstellen, Teig machen, Käse schneiden und Kochen, Kochen, Kochen! Das war ein echt hartes Stück Arbeit. Irgendwie fehlt Wochenende, aber es war trotzdem 'ne gute Zeit. Tolle Leute kennen gelernt und viel gelacht. Außerdem hat‘s dem CREAR gut getan. Generell sind die Leute super nice. Jeder ist darum bemüht mein Portugisisch zu verbessern und ich fühl mich total gut aufgehoben. Das wird ein gutes Jahr!


Wenn ihr Facebook-Atzen seid, müsst ihr jetzt natürlich das CREAR liken! -> www.facebook.com/crearcapaobonito

Zeit für die lustigen Anektoden:

Ich hätte mir nie im Traum ausmalen können, wie lustig mein Name sein kann. Paul gibt es hier nicht. Nur in der Form von Paulo oder Paulinho oder wie auch immer. Jedenfalls haben die Leute hier Schwierigkeiten ein L auszuspechen. Da wird meistens ein U draus. Beispiel: Almoço - gesprochen: Aumossu mit der Betonung auf dem O, Kids. Wenn ich als Paul vorgestellt werde, fangen die Leute entweder an zu feiern wie die Irren oder versuchen es auszusprechen, was sich dann in etwa so anhört: Pau-! Pau-! So abhackt halt. Das Problem dabei: pão ist das portugisische Wort für Brot, pao heißt hier „Ständer“. :-/

Hier grassiert zur Zeit der Wahlkamf an jeder Ecke. Die Leute bekommen Geld von den Parteien, wenn sie sich Wahlwerbung an ihre Häuser oder Autos knallen. Oft kommt es vor, dass an einem ein Auto vorbei fährt, welches voll von Wahlpropaganda-Aufklebern ist und hinten Boxen aufgeladen hat, aus denen lautstark hiesige Politiker angehimmelt werden. Richtig scheiße laut und manchmal mit kitschiger Musik unterlegt.

Generell sind die Autos der Kracher. Das beste aus fünf Jahrzehnten fährt an dir vorbei, wenn du eine Viertelstunde durch die Stadt ziehst. An erster Stelle mit dabei: good old VW Käfer.

Hier gibt es überall Hunde, die auf der Straße rumrennen. Einmal haben mich ein paar bellend verfolgt, als ich mit dem Fahrrad unterwegs war. Das gab einen guten Adrenalinkick. Seitdem versuche ich den Viechern aus dem Weg zu gehen, was manchmal echt nicht gut klappt. Ansonsten alte Kläpper, Katzen, Hühner, Enten, Geier und fette Singzikaden - und das allein auf meinem Weg zur Arbeit. Achso, und echt viel Müll. Hier habe ich auch schon Müllsammler durch die Straßen ziehen sehen. Deswegen sagt Herbert, Peggys Mann: Keine Glasflaschen kaufen! Ansonsten verletzen sich die Sammler bei ihrer Arbeit :-(

Das war‘s für‘s erste! Ihr Lesenden, ich hab euch lieb! Bis zum nächsten Mal! Hier noch ein paar Bilder von meiner super-alten Schrottkamera! Ahoi! Und natürlich Musk: Baden Powell de Aquino, einer der großartigsten brasilianischen Gitarristen aller Zeiten!


 
Hauptgebäude vom CREAR





Montag, 12. Mai 2014

Ein erster Eintrag und ein großes Abenteuer

Herzlich Willkommen auf meinen neuen Blog!

Am 23. September beginnt mein Weltwärts-Freiwilligendienst im Centro Recreativo Educacional Artístico Renascer in Capão Bonito, São Paulo, Brasilien. Hier findet ihr ab jetzt alle Neuigkeiten, Erlebnisse und Berichte bezüglich meines Vorhabens.


Hier klicken für weitere Infos über das Weltwärts-Programm
Zwar dauert es noch ein paar Monate, bis ich die brasilianische Erde endlich unter meinen Füßen spüren werde - das heißt aber nicht, dass ich bisher nichts zu berichten habe oder derzeit nichts passiert. Zur Zeit stehe ich unter anderem vor der Herausforderung, ein brasilianisches Visum zu bekommen. Die Situation, dass Brasilien und Deutschland beides unglaublich bürokratische Länder sind, macht es einem Freiwilligen wie mir jedenfalls nicht besonders leicht, im Ämter-Dschungel zwischen Apostillen, Stempeln, Vorbeglaubigungen und beeidigten Übersetzungen für insgesamt 12 Dokumente den Überblick zu behalten. Doch zu all den Aufgaben und Problemchen später mehr in einem seperaten Blogpost.

Jetzt heißt es erst einmal: Danke für das Interesse! Der Blog ist für alle jene, die mein Vorhaben als Förderer und Fördererinnen unterstützt haben (Ihr seid die Größten!). Er ist für all meine Freunde und Freundinnen sowie meine Familie, die ich während meines Aufenthaltes vermissen werde sowie für alle Interessierten, die vielleicht selber einmal ein Jahr im Ausland verbringen möchten und nach Informationen und Berichten suchen. Letztendlich ist er für alle Brasilien-Begeisterte, die nach Abenteuern suchen, nach Geschichten über Menschen, tiefe, grüne Wälder, riesige Städte, Musik, Tanz, Poesie und vielem mehr. Denn eines ist sicher: Brasilien ist ein unglaublich reiches Land, wobei ich damit nicht meine, dass es die wirtschaftsstärkste Kraft Südamerikas ist oder dergleichen. Ich meine all die Menschen und Schaffenden, die seinen Reichtum ausmachen, all die Begegnungen und individuellen Erlebnisse, von denen ich bald für eine gewisse Zeit ein Teil sein werde.

Mein Dank gilt im Vorfeld vor allem meinem Trägerverein, den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners, die es mir nicht nur möglich gemacht haben, das Jahr auf mich zu nehmen, sondern auch individuell auf meine Bedürfnisse, Wünsche und Vorstellungen bezüglich des Freiwilligendienstes eingegangen sind, was ich ihnen hoch anrechne. Wenn du dich als Freiwilliger bei den Freunden bewirbst, wirst du zu einem Beratungsgespräch eingeladen, nicht zu einem Bewerbungsgespräch. Marginal mag der Unterschied in seiner Wortwahl erscheinen, letztendlich er hat jedoch eine große Wirkung. Also vielen Dank an dieser Stelle für die angenehme Seminar-Atmosphäre und die viele Hilfe bezüglich Einsatzstelle und Visum!

Hier klicken, um mehr über die Freunde zu erfahren
Vielleicht noch das ein oder andere Wort über den Titel des Blogs: Diejenigen, die mich kennen, werden wissen, dass ich einen Katzen-Faible habe und diesbezüglich wohl auch die ein oder andere Schraube bei mir locker ist. Um den Bogen zu spannen: Im Leben einer jeden jungen Katze und eines jeden jungen Katerichs ist es irgendwann einmal so weit, dass sie oder er ins unbekannte Weite auszieht, um eine richtige Katze zu werden. Viele Freunde von mir haben schon dicke Weltreisen hinter sich, haben Freiwilligendienste auf anderen Kontinenten absolviert oder in fernen Städten studiert. Ich dachte mir immer: Die Menschen sind überall gleich und verschieden; wozu weg gehen? Doch mittlerweile weiß ich: Darum geht es nicht. Viel mehr geht es darum, einmal weg zu sein von allem Bekannten, weg sein von Freunden, von der Familie, dem eigenen Land, weg von Muttersprache, kultureller Prägung und allem, was einen im eigentlichen Sinne als soziales Wesen ausmacht. An der Zeit ist es, einen neuen Raum auf zumachen, Rollenmuster zu hinterfragen, neue Bereiche zu erschließen, mich ausprobieren sowie mit Dingen zu konfrontieren, welche ich mir vorher nicht einmal im Traum hätte ausmalen können und letztendlich - im wahrsten Sinne des Wortes - mich zu bilden... Mal schauen, ob ich Katzen in Brasilien treffen werde; es wär' schon cool.

Ich hatte es weiter oben bereits angedeutet: Musik spielt eine wichtige Rolle. Was kann es da besseres geben, als mit einer Live-Darbietung des berühmten brasilianischen Bossa-Nova-Musikers João Gilberto meinen aller ersten Blogeintrag zu beschließen? Ach, was für ein wunderschön ruhiger Gesang!

Schaut mal wieder vorbei! Hier wird's noch einiges zu entdecken geben!