Sonntag, 23. August 2015

Das Land der Liebe

Es begab sich, dass ich in letzter Zeit des öfteren den Ônibus in die nächst gelegene Großstadt namens Sorocaba nehmen musste, da sich dort eine Einrichtung der Bundespolizei befindet, die, aufgrund der Idee mein Visum zu verlängern, ich zu besichtigen beabsichtigte. Da mein Sachbearbeiter scheinbar das allererste Mal einen Visa-Antrag meiner Art zu bearbeiten hatte, verlief alles ganz einfach und stressfrei. Ich musste lediglich innerhalb von vier Wochen dort viermal erscheinen und irgendwelche Dokumente nachreichen, was bedeutete, dass ich jedes Mal morgens zweieinhalb Stunden nach Sorocaba fuhr, mich 15 Minuten bei der Polícia Federal aufhielt, danach zwei bis drei Stunden auf den nächsten Bus Richtung nach Hause wartete und zwar genau auf dem Standstreifen einer Autobahn, die sich mit ihrer magischen Geräuschkulisse an mein Ohr schmiegte, und es anschließend wiederum zweieinhalb Stunden dauerte, bis ich wieder in den vertrauten Gefilden meiner Wahlheimat, Capão Bonito, angekommen war, obwohl ich mit Gutdünken behaupten kann, dass mir die Autobahn rund um die Polizeidelegation in Sorocaba mittlerweile gar nicht mehr so unvertraut vorkommt. 

Regel Nr. 9: Potentielle Leser meines Blogs mit stimulierenden Bildern anlocken
Irgendwann hatten die Trucker, die dort an einer Imbissbude hinter dem Standstreifen stets ihre Mittagspause tätigten, schon damit angefangen mich zu grüßen und einmal war einer von ihnen sogar darum bemüht, ein Smalltalk-Gespräch von der allerfeinsten Sorte mit mir zu beginnen:

„Ah, Capão Bonito, da kommst du also her. Da habe ich auch mal gewohnt. Ich wohn' in Itapetininga.“ [das ist sozusagen unsere Nachbarstadt, ca. eine Stunde mit dem Bus entfernt] „In Capao machen sie den besseren Schnaps, dafür gibt es bei uns die besseren Frauen.“

Und ehe ich mich versah, war ich bereits mittendrin in einem Gespräch zwischen zwei öchten Mönnern. Ob ich eher auf blonde oder brünette Mädels stehe, fragte mich der kleine Mann mit seinem harten ländlichen Akzent und wen ich denn schöner fände: Deutsche Frauen oder Brasilianerinnen. Fragen über Fragen und obwohl ich mich ein wenig darüber ärgerte, lediglich in der Stadt des besseren Schnapses gelandet zu sein, empfand ich eine gewisse Schwierigkeit dabei, exakt zu antworten. Dem kundigen Reisenden wird aufgefallen sein, dass Schönheit überall auf der Welt gleich und gerecht verteilt ist und wenn wir zusätzlich bedenken, dass individuelle Zu- und Abneigungen einen immensen Part bei unserer Partnerwahl spielen, dann ist es doch eher schwierig, einfach so entweder oder zu sagen bei einer so komplizierten Frage. Zudem bin ich stets darum bemüht, beim Dialog mit Vertretern anderer Nationen mich diplomatisch zu artikulieren. Ich legte mir also ein entsprechendes Bonmot zurecht und antwortete alle vorausgegangenen Überlegungen abwiegend wie folgt:

„Brasilien verfügt über drei Dinge, die kein anderes Land toppen kann: Erstens: Die schönste Natur! Zweitens: Die schönste Musik! Drittens: Die schönsten Frauen! Ja, was meinst du denn, wer mir besser gefallen würde!?“

Man möge mir verzeihen, dass ich diesen Spruch bei ähnlichen Gelegenheiten nun mittlerweile Floskel- und Phrasenhaft benutze. Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass dies ein sehr einfacher Weg ist, sich neue Freunde zu verschaffen. Ich denke einem deutschen Landesgenossen hätte ich eher von irgendwelchen vergangenen Beziehungsproblemen berichtet oder darüber, dass mein Bett während des brasilianischen Winters recht kühl und ungesellig blieb, aber Hey! Sich in einer anderen Kultur aufzuhalten bedeutet ja auch, dass man sich in vielerlei Hinsicht ausprobieren und mit unterschiedlichen Rollen kokettieren kann, die man sich in der Heimat weniger überzustülpen zutraut.

Und um nun nicht als der einsame Looser dazustehen, der ich aller Wahrscheinlichkeit nach bin, möchte ich diesen Blogeintrag weiterhin dazu benutzen, ein wenig mit meinen hiesigen Liebesabenteuern und Eroberungen zu prahlen.

Gerade erst letztens ereignete es sich, dass ich in einem Café im Zentrum der Stadt auf meinen Gitarrenunterricht wartete und genüsslich damit beschäftigt war, einen überaus dicken und cremigen Schokomuffin zu verschlingen. Da ich im Umgang mit Essen recht tölpelhafte Manieren an den Tag lege, schaffte ich es natürlich mein halbes Gesicht und meine Hände voll mit süßer Schokolade einzusauen, sodass ich darum bemüht war, die Toilette aufzusuchen, um mich zu putzen. Nun ist es jedoch so, dass in Brasilien oft die Klos an sich nach Geschlecht zwar getrennt sind, das Waschbecken jedoch von Männlein und Weiblein gemeinsam benutzt wird. So kam es, dass ich eine Angestellte des Ladens am Spiegel vorfand, die wohl gerade dabei war, sich für ihre kommende Schicht zurecht zu machen. Also stand ich erst einmal unsicher und wartend in einiger Entfernung, jedoch bemerkte sie meine Anwesenheit und machte ein wenig Platz für mich. Während ich mir also die Schokolade aus der Fresse wischte, kam, wie es der Zufall so will, ich nicht darum herum einen kurzen verschmähten Blick in den Spiegel und somit auf sie zu werfen und dabei festzustellen, dass sie abolutamente lindíssima* war. Sie bemerkte meinen Blick und schaute zurück, wobei sie mich anlächelte. Der one-million-dollar-moment war gekommen, wie es der Amerikaner zu sagen pflegt. Ich musste nun also schnell irgendetwas tun oder sagen, jedoch war das einzige portugiesische Wort, dass mir in dem Moment einfiel tchau und so polterte es aus meinem Munde heraus, woraufhin die junge Dame meinen Flirtversuch ebenfalls mit einem gekonnten „Tchau.“ parierte und ich mich herum drehte, um Szene zu verlassen, wobei sich permanent in meinem Kopf folgende Worte formten: „Scheiße, Scheiße, Scheiße! Du Idiot!“ Ich hoffe, der verehrte Leser findet es nicht allzu ekelhaft-widerlich-stalkermäßig, wenn ich konstatiere, dass ich besagte Person nie wieder in dem Café angetroffen habe.

Mh.

Jedoch ist es nicht so, dass mein Mund in Brasilien gänzlich ungeküsst geblieben ist. Einmal hielt ich mich gerade in São Paulo auf, als mich eine Freundin mir nichts, dir nichts mit auf eine der größten Gay-Pride-Paraden der Welt auf die Avenida Paulista mitnahm. Dort sind ein paar überaus lustige und unterhaltsame Dinge geschehen, welche ich euch unter keinen Umständen vorenthalten kann. Und zwar gab es dort ein unheimliches Gedränge. Überall waren Menschen und man ist kaum vorangekommen, sodass man auch gleich hätte auf seinem ursprünglichen Platz bleiben können, was ich und meine Begleiterinnen auch nahe bei der U-Bahn-Station taten, von der aus wir gekommen waren. Ich muss dazu anmerken, dass ich wie ein Esel bepackt war mit meinem Reiserucksack sowie meiner Gitarre, da ich mich gerade auf dem Rückweg nach Capão befand, mir jedoch das Spektakel unter keinen Umständen entgehen lassen konnte. Es war auch wunderschön und alles und die Leute haben eine super angenehme Stimmung gemacht und getanzt etc. Irgendwann jedoch kreuzten ein paar weniger angenehme Zeitgenossen auf, die sich ziemlich widerlich eng an mich drängten und antanzten, wozu ich, eng bepackt wie ich war und zudem in der Hitze, weniger Lust verspürte. Und Zack! Da waren sie auch wieder weg und wie ich instinktartig nach meiner Hosentasche griff, so waren mein Handy und meine Geldbörse natürlich verschwunden. Ich ließ also meine Gitarrentasche in der Hand meiner Begleiterin und rannte, so schnell wie ich konnte, den gemeinen Dieben hinterher. Und man glaube es kaum: In weniger als zehn Metern Entfernung traf ich auf sie, wie sie gerade dabei waren, ihre Beute auszuwerten (die beschissenen Trottel) und so schnappte ich mir mein Zeug wieder. Und da mir mal wieder nichts adäquates auf Portugiesisch einfiel rief ich: „You dirty piece of shit!“ und war, da ich fuchsteufelswild und wütend war, drauf und dran dem einen Typen eins in seinen fetten Wanst zu geben, jener jedoch blitzartig die Flucht ergriff. Dabei indessen riss er einen Dosensammler zu Boden, welcher den Inhalt seines riesigen Sacks auf dem Pflaster verteilte. Hier in Brasilien gibt es zwar keinen Flaschenpfand oder dergleichen, jedoch sammeln die armen Leute Bierdosen, um sie beim Recycling abzugeben und dafür ein paar Centavos zu kassieren. Nun schauten mich alle feierwütigen Herumstehenden verwundert an, sah es doch so aus, als hätte ich gerade in meiner Rage den armen Dosenmann umgerannt und aufs übelste als Dieb beleidigt. Der richtige Dieb war bereits längst über alle Berge, was jedoch eigentlich auch egal war, hatte ich doch meine Sachen eh wieder. Nun jedoch dachte der Dosensammler tatsächlich, dass ich ihn meinte und versuchte mir kleinmütig und unterwürfig zu versichern, dass er ein braver Bürger sei. Er zeigte mir sogar seinen Pass (als wenn ich ein Cop oder so etwas wäre, oh Mann!). Ich machte ihm klar, dass alles okay sei und half ihm dabei, seine Dosen wieder aufzusammeln. Das jedoch führte zum nächsten Problem: Nun wollte er mein Kumpel sein und hart besoffen und nach Schweiß stinkend, wie er war, wollte er mich nun andauernd umarmen, wobei er sein ekelhaftes schwitziges Haar an meinem T-Shirt abwischte. Nach einer viertel Stunde war der Spuk jedoch zum Glück vorbei und ich war im Endeffekt ziemlich froh und auch ein wenig stolz darüber, dass ich mir meine Sachen wieder zurück erobern konnte.

Es ist jedoch auch etwas anderes an diesem schönen feierlaunigen Nachmittag geschehen. Bei einem Gay-Pride-Umzug schaut man sich natürlich auch gern die Leute an. Ich frage mich, ob ich jemals so viele Silikontitten an einem Tag gesehen habe, doch darum soll es hier nicht gehen. Irgendwann passierte es, dass dort im Gedränge irgendwo zwischen den vielen Menschen diese überaus astonishingly wunderschöne Frau daherschritt. Es war wie in dem berühmten Song von Jobim und Moraes, dem Garota da Ipanema: uma moça do corpo dourado** mit lockigem Haar und wie sich unsere Blicke trafen, so lächelte sie und als sie plötzlich direkt vor mir stand und mich fragte, ob ich sie küssen möge, sagte ich zum Glück diesmal nicht tchau, sondern nickte und es war ein überaus leidenschaftlicher und genussvoller Kuss, sodass ich noch den ganzen restlichen Tage im Großstadtdschungel von São Paulo und auf der Rückfahrt nach Capão „Oh Mann, oh Mann, Oh Mann...“ dachte und wie benebelt war, dass es nun eigentlich ein Leichtes hätte sein können, meine Brieftasche zu klauen, was jedoch glücklicherweise dann nicht mehr geschah. - Ai! - Das Problem an dieser Geschichte ist es allerdings, dass stets wenn ich erzähle, dass auf einer Gay-Pride-Parade die absolut schönste Frau, die ich jemals gesehen habe, mir einen Kuss verpasste, der von der Liebesgöttin Oxum persönlich hätte sein können, die Leute anfangen mich auszulachen und hämisch fragen, ob ich mir sicher sei, dass es tatsächlich eine Frau gewesen ist. Als stolzer Verfechter von lgbt*-Rechten stehe ich natürlich über dem billigen Spott der Massen und wie schrieb João Ubaldo Ribeiro einst doch so schön und treffend: „Es gibt keine Tatsachen, es gibt nur Geschichten.“ Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich sie nie wieder sehen werde.

Mh. Nun.

Gar nicht einmal so lange ist es her, da saß ich in der Imbissbude meines Vertrauens, als mich der Schwiegervater der Köchin auf ein Bier an seinem Tisch einlud und während wir so daherschwatzten über die brasilianische Geschichte und er mir die Verwandtschaftsgrade seiner Familie erläuterte, fängt er unversehens damit an, mir seine andere Stieftochter anzubieten und ist sich sogar nicht zu schade dafür, ihren Hintern in Verbindung mit überaus vulgären Gesten anzupreisen. Dankend lehnte ich ab und versuchte, während ich bemüht war, mein Bier so schnell wie möglich zu leeren, mir meine Verstörung nicht anmerken zu lassen. Ich glaube, ich sollte in Zukunft vielleicht vorsichtiger damit sein und meinen Spruch über die drei besonderen Qualitäten Brasiliens nicht allzu inflationär benutzen, ansonsten bin ich schneller verheiratet als ihr „O desinquivincavador das caravelarias desinquivincavacaria as cavidades que deveriam ser desinquivincavadas.“ sagen könnt.


Ai!


Ah ja und Musik! Das wird wohl immer einer meiner absoluten Favoriten der brasilianischen Musik bleiben. 
  

*absolut schönst
** eine junge Frau von goldenem Körper

Samstag, 25. April 2015

Halbzeit: Kartoffeln oder Reis?


Ich habe mittlerweile mehr oder weniger die Hälfte meines Brasilienaufenthaltes hinter mir. So genau nehm' ich es eigentlich nicht mit der Zeit, aber es hört doch ganz schick an dieses Wort „Halbzeit“. Hat irgendwie was von Fußball. Können sich viele Brasilianer und Deutsche für begeistern. Ich eher weniger.


Hier in den Supermärkten gibt es Leute, die an der Kasse stehen und deine gekauften Sachen eintüten. Am Anfang fühlte sich das ein bisschen unangenehm für mich an. So ein leichter Hauch von Erziehung zur Unselbstständigkeit und in Verbindung mit meiner Hellhäutigkeit noch ein Löffelchen verstaubten Kolonialismus oben drauf! Schnell alles in den extra von mir mitgebrachten Beutel einpacken, bevor der Typ mit den Plastiksäcken kommt! Á propos Plastik: Sie wollen dir sogar eine Tüte in die Hand drücken, wenn du dir quasi nur eine Packung Kaugummis holst. Ich beruhige mein okö-deutsches Bio-Gewissen, indem ich (wie jeder andere hier auch) die Beutelchen als Mülltüten benutze. Scheiße! Jetzt war ich wieder nicht schnell genug mit meinem Hipster-Jutebeutel (made in Germany) und der Typ fängt an meine Sachen in die nach Rohölverarbeitung stinkenden Säckchen zu verstauen. Ich packe mir also mein ungenügendes Portugiesisch zurecht:
„Nein Danke, ich brauche kein...“
„Welches ist dein Team?“, werde ich angegrinst, während die Ware weiter eingetütet wird. Bei der großen Flasche besser zwei Beutel. Hält besser.
Ähm, was für ein Team denn? Captain Planet and the Planateers? Die Wailers? Ach, er meint Fußball! Wo habe ich meinen Kopf bloß schon wieder?! Okay, was kenne ich? Lediglich Nationalmannschaften aufzuzählen wäre ein bisschen dürftig. Ich muss mich als Kenner des brasilianischen Leistungssportes auszeichnen, ansonsten denkt er, wir Deutschen kämen unvorbereitet in sein wunderschönes Land. Was hatte mein Kollege nochmal letztens auf seinem Trikot stehen?
„Palmeiras Corintini-äh-thians!“, platzt es aus mir hervor.
Scheiße, das waren zwei gegnerische Teams! Außerdem habe ich mich versprochen. Nun, vielleicht hat er es ja nicht mitbekommen. Okay, einfach Daumen hoch und grinsen. Das hilft eigentlich immer!
Es wird zurück gegrinst. „Bayang Munscheng.“
Ähm... hat er mich jetzt irgendwas gefragt, was ich mal wieder nicht verstanden habe? Achso!
„Klar, Bayern München kenne ich natürlich! Die sind gut!“
Weder kenne ich auch nur einen einzigen Spieler, der da mitmischt, noch auf welchem Listenplatz die gerade stehen. Bilder aus meiner trostlosen Jugend rauschen an mir vorbei, in denen sich Stefan Raab über Oliver Kahn lustig macht.
Folgendes Statement reißt mich aus meinen Erinnerungen:
„Sieben zu Eins.“
Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich dazu äußern muss. Ich habe mir bereits einen Standard-Satz zurecht gelegt. Zum Glück hatte ich das Kapitel über Fußball in meinem Brasilien-Buch nicht übersprungen, sondern mich durchgequält.
„Nun, dafür habt ihr einen Stern mehr auf dem Trikot.“ Grinsend, Daumen hoch, mit etlichen Plastiktüten versehrt, begebe ich mich Richtung Ausgang.
Ich habe es geschafft! Auf dem Niveau eines 3-Jährigen sprechend, habe ich es vollbracht trotz eines mir verhassten Themas, von dem ich nicht die geringste Ahnung habe, etwas für die Völkerverständigung zu tun. Ich habe meinen Beitrag geleistet. Germany-Brasil – Freundschaft, Zukunft, Zusammenarbeit! Und ich mittendrin!


Tja, eigentlich bin ich stets überaus darum bemüht, mich ernsthaften Dingen zu widmen und meinen verehrten Lesern den ein oder anderen aufschlussreichen Blick auf mein Leben hier in den Tropen zu gewähren. Oft denke ich mir die Themen und Inhalte wochenlang vor der Niederschrift aus und lasse Konzepte in meinem Kopf hin und her purzeln. Wenn ich mich dann an den Schreibtisch setze, entsteht jedoch urplötzlich so eine Geschichte wie die obige – fast, könne man sagen, gegen meinen Willen. Damit eure Lektüre jedoch nicht vollkommen für'n Lappen ist, folgt *trommelwirbel* umgehend der geplante Inhalt!


Wie bereits erwähnt, verbringe ich bereits einige Monate in diesem wunderschönen grünen, warmen Lande. Was gefällt mir und was nicht? Es folgt eine kleine Zwischenbilanz am Mittag meiner Tage in Brasilien. Natürlich kann ich euch nichts weiter bieten als meinen selektiven und individuell-verzerrten, engen Blick, aber naja, mh, immer noch besser als nüscht, wa?!


PRO

Die Leute: Egal wo ich bisher war. Ich wurde stets mit offenen Armen empfangen. Die Brasilianer legen eine Gastfreundschaft an den Tag, von der man sich eine Scheibe abschneiden muss. Einmal war ich in Foz do Iguaçu unterwegs, einer Stadt am Ländereck zwischen Brasilien, Argentinien und Paraguay und hörte mir in einer Draußen-Bar einen Gitarristen an, der die schönsten Bossa-Nova-Stücke in die milde Nachtluft entließt. Nachdem er geendet hatte, sagte ich ihm, dass ich seine Kunst ziemlich genial fand und prompt wurde ich für den nächsten Abend auf ein üppiges Abendessen zu ihm nach Hause eingeladen, wo ich seine Mutter und den Mangobaum in seinem Garten kennen lernen durfte und wofür ich extra von ihm mit dem Auto abgeholt wurde.


Die Atmosphäre: Ich stehe auf und höre fremde Vögel kreischen. In der Luft liegt ein betäubender Blumenduft. Die Bäume tragen volle Blüten und ich kenne keine einzige. Die mir bekannt sind, tragen Mangos, Bananen, Orangen und Avocados. Und alles ist ein einziger Sommer. Es ist eigentlich unbeschreiblich!


Das Essen: Was es hier an Früchten gibt, ist kaum in Worte zu fassen. Die süßesten Bananen und Mangos, die ich je gegessen habe. Und das alles gibt es für ca. 3 Euro für eine Wochenportion auf dem Markt. Da wird man irre. Besonders habe ich mich in die Maracujás und Papayas verliebt. In Deutschland gibt’s die entweder eklig und teuer oder mit Zucker gestreckt und künstlich. Ich habe da schon richtig Angst zurückzukehren und dann in einem schnöden Obstregal im Supermarkt um die Ecke zu stehen und zu verzweifeln!

CONS

Die Leute: Kurz bevor ich nach Brasilien aufgebrochen bin, sagte einer guter Freund zu mir, der bereits mit Brasilianern zusammengearbeitet hatte, dass ich auch noch das sog. „brasilian promise“ kennen lernen würde. Und ich hatte das natürlich als rassistischen Stereotypen abgelegt. Und dann habe ich versucht, mich in Brasilien mit Leuten zu verabreden. Bsp.: ein Freund von mir hat eine Band und er sagt mir voller Begeisterung, da ich ja auch Gitarre spielen würde, sollte ich mal unbedingt zur Probe vorbeikommen. Gesagt, getan. Ich erscheine zum abgesprochenen Termin und keiner ist da, weil der Drummer Bauchschmerzen hat. Das nächste Mal fällt die Probe aus, weil es regnet und danach wieder weil es regnet. Es ist echt paradox: Ich frage mich, wie sie es überhaupt hinbekommen für ihre wirklich sehr schönen Auftritte zu proben, wenn hier wochenlang Regenzeit herrscht. Ich jedenfalls habe es kein einziges Mal geschafft, mich mit ihnen zu verabreden, muss jedoch auch gestehen, dass ich irgendwann das Interesse verloren habe. Ein anderes Beispiel ist ein Kollege, der bei mir Gitarrenunterricht nehmen möchte und seit Wochen meint, dass wir nächste Woche anfangen können – wann auch immer das auch sei. Ich könnte noch etliche weitere Beispiele aufzählen. Das grundlegende Problem ist, dass Deutsche und Brasilianer sehr unterschiedlich mit Zeit umgehen. Als Deutscher war ich bisher gewohnt, dass „morgen“ in der Regel auch morgen heißt. Bei den Brasis – mh – auf jeden Fall kann es eine ganze Menge bedeuten, soviel weiß ich mittlerweile. Ich finde das alles ein bisschen traurig, weil ich es dadurch schwierig finde Freundschaften zu knüpfen. Vielleicht habe ich auch einfach noch nicht den Dreh raus.

Die Atmosphäre: Ich kraksel auf meinem klapprigen Drahtesel einen der steilen Hügel hoch (ganz Brasilien scheint nur aus extremen Steigungen und Gefällen zu bestehen). Von der einen Straßenseite faucht mich eine Gans an, von der anderen kommt ein räudiger Straßenköter daher, der in der drückenden feuchten Hitze einen Rappel bekommen hat und anfängt, meinem Fahrrad hinterher zu jagen. Ich rette mich in die nächste Straße, wo ich fast mit einem Ford-Lastwagen aus den 70ern zusammenstoße, der mir seine ungefilterten Abgase in die Fresse bläst. Oder: ich sitze gerade in einem Fernbus, in welchem das Belüftungssystem ausgefallen ist und jemand hinten auf der Toilette eine Party mit seinem Dickdarm gefeiert hat, sodass das ganze Fahrzeug danach stinkt. Egal, dauert nur noch 2 Stunden die Fahrt. Oder: ich bin mit Freunden in einer Kneipe, gehe auf Klo und entdecke in der verstopften Kloschüssel eine Spritze schwimmen. Oder: ich begebe mich des Nachts auf Bettwanzenjagd, weil ich von den ganzen Stichen nicht mehr schlafen kann, zumal der Schimmel an den Wänden sein übriges dazu beiträgt, meine Atmung herauszufordern. Oder, oder oder... Brasilien kann manchmal ganz schön laut und eklig sein.


Das Essen: Am ersten Tag fand ich Reis und Bohnen noch irgendwie ausgefallen. Am zweiten Tag hatte ich mich dran gewöhnt und am dritten fand ich es einfach nur noch langweilig. Reis und Bohnen sind hier DAS Grundnahrungsmittel. Das gibt es jeden Tag und weil ich mein Essen von unserer Einrichtung beziehe, gibt es auch jeden Tag Reis und Bohnen für mich. Ich muss gestehen, dass man sich tatsächlich dran gewöhnt. Und nahrhaft ist es auch. Aber bei all der Buntheit, dem Schrillen und Ausgefallenen, was in Brasilien eher an der Tagesordnung ist, so sind Reis und Bohnen das Langweilige schlecht hin. Das Nationalgericht, die Feijoada, besteht aus Reis, Bohnen, totem Schwein und Orangen. Einmal war ich auf einer Geburtstagsfeier und man hatte extra für mich vegetarische Feijoada zubereitet: Reis, Bohnen und Orangen. Immerhin, das mit Orangen war mal eine Abwechslung. Ansonsten wird ein Deutscher hier weitestgehend auf sein heißgeliebtes Brot verzichten müssen. Es gibt zwar unglaublich viele Bäckereien mit haufenweise ausgefallenen Süßspeisen, aber Brot... nunja... das ist oft leider nicht so der Kracher. Was mir persönlich als Veggie missfällt ist der immense unreflektierte Fleischkonsum. Brasilien ist ein Land, das sich im wirtschaftlichen Aufschwung befindet. Die Leute konsumieren wie nie zuvor und neben Rohölprodukten ist es vor allem alles mögliche Abgeschnittene vom Tier, was die Leute gerne kaufen.


Mh, nun habe ich alle Pros mit den Contras gegeneinander aufgehoben und lass meine verehrten Leser, wie es bisweilen im Leben geschieht mit leeren Händen zurück.


Aber vielleicht nicht ganz. Ihr müsst unbedingt den Song von meinem Kumpel Jan hören, der auch gerade einen Freiwilligendienst in Brasilien absolviert – irgendwo dort drüben in den verzweigten Häuserschluchten von São Paulo. Mit einer Melodie im Kopf sieht die Welt schon gleich ganz anders aus – versprochen!





Montag, 2. März 2015

Institutionen!

Zeit mal wieder den guten alten Blog zu beleben!

Mittlerweile habe ich schon einen guten Pott an Erfahrung sammeln können bezüglich der brasilianischen Institutionen und dem allgemeinen Behördendschungel. Krankenhaus, Botschaft, Post und jetzt auch noch Polizei – juhuu! Oder sollte ich besser sagen: Manchmal können diese interkulturellen Erfahrungen auch ein wenig nerven. Nach meinem Sommerurlaub, in welchem ich ein wenig durch Brasilien getingelt war und die unterschiedlichsten Orten kennenlernen durfte, stellte ich beim Blick auf meine Kontoauszügen fest, dass ich scheinbar in irgendeiner Stadt in den USA einen ordentlichen Betrag Geld abgehoben hatte. Das Problem: ich war noch nie in den USA und wusste ziemlich schnell, dass wohl jemand meine Karte kopiert und die Daten verkauft hatte oder ähnliches. Um den Betrag von meiner Bank wieder zurück zu bekommen, musste ich eine Anzeige erstatten. Also auf zur Polizeidelegation meines Stadtviertels! 

Nun, man war dort eher reserviert. Ich sollte den kompletten Tatbestand aufschreiben und am nächsten Tag wieder kommen. Kein Problem! Ich beherrsche ja mittlerweile Portugiesisch in Wort und Schrift perfeitamente, als hätte ich es mit der Muttermilch aufgenommen (/Ironie off) und so schrieb ich mir einen zurecht und erschien pünktlich am nächsten Tag. Nun war da auf einmal ein anderer Beamter, der sich einen feuchten Kehricht für mein Geschreibsel interessierte und meinte, ich solle mich lieber an die Delegation im Zentrum der Stadt wenden, weil mein Fall aufgrund meines besonderen Status als Ausländer natürlich recht heikel sei und im Zentrum die speziellen Spezialisten für solche Angelegenheiten zur Verfügung ständen. Easy-peasy! Schwinge ich mich also nach meiner „total relaxten“ Intensivarbeit mit schreienden Kleinkindern auf meinen wackeligen, ständig Luft verlierenden Drahtesel und düse die beiden Hügel, die jeder für sich höher sind als jede Erhebung, die aus meiner Heimatstadt kenne, Richtung Zentrum. Beim Revier angekommen empfängt man mich mit erwarteter Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft (Wenn du einen Brasilianer zum Lachen bringen möchtest, kannst du ihm erzählen, dass in Deutschland die Cops auch als „dein Freund und Helfer“ bezeichnet werden):
„Wie, Sie sind Ausländer? Deutscher? Dann wenden Sie sich doch einfach an eine deutsche Behörde!“
„Mh, aber ich bin ja zur Zeit nicht in Deutschland gemeldet und außerdem gibt es hier vor Ort keine deutschen Behörden."
"Verstehe, aber wieso sind Sie eigentlich nicht zu der Polizeibehörde gegangen, die für Sie zuständig ist?"
„War ich ja, aber dort meinten sie, ich solle hierher wegen den speziellen Experten...“
„Mh, naja, heute wird das jedenfalls nichts mehr mit ihrem Anliegen, weil es ist ja schon spät und so und jetzt bearbeiten wir nur noch Notfälle *räusper* Kommen Sie einfach morgen früh wieder, dann ist auch der benötigte Experte vor Ort.“
Kein Problem! Ist ja nicht so, dass ich irgendwie Vollzeit arbeiten müsste oder so!
Zum Glück bekam ich frei und radelte am nächsten Tag wieder die Steigungen hoch. Nach einer Stunde Wartezeit empfing mich genau der gleiche Beamte wie am Vorabend, um mein Anliegen zu bearbeiten. Da musste wohl ganz schön was los gewesen seit meiner Abwesenheit, wenn er über Nacht plötzlich zum Experten für Ausländerangelegenheiten ernannt worden war! Jedenfalls hatte er nun keine Idee mehr, wie er meinen Fall weiter prokrastinieren könnte und nahm meine Daten zu Protokoll. Und siehe da: drei Tage später konnte ich mir das Zeugnis der Anzeige abholen, um es bei meiner Bank vorzulegen (deren Mitarbeiter sich bestimmt mächtig über die kostenlose Portugiesisch-Lektion freuten). Aber hey, ich hab das Geld wieder und bin darüber hinaus reicher an Erfahrung geworden.

Brasilien wäre ein Traum für Franz Kafka gewesen. Letztens war ich bei der Post, um Briefmarken für Postkarten zu kaufen. Nachdem ich eine gefühlte Ewigkeit, in welcher man locker Auf der Suche nach der verlorenen Zeit und Anna Karenina hätte durchlesen können, in der Warteschlange stand, obwohl gerade einmal drei Personen vor mir dran waren, durfte ich endlich den heiligen Schritt an den Schalter wagen.
Para Alemanha?!“, fragte mich die Postdame sich vergewissernd.
Oh oh! Schon wieder so ein Sonderfall! Es folgte emsiges Tippen in einen alten Computer. Brasilianer benutzen Wartezeit oft zum Schnacken. Da ich aufgrund meiner deutschen Art nicht gerade ein besonders begeisterter Small-Talker bin und darüber hinaus meine Sprachbarriere mich eher als Small-Stammler ausweist, benutze ich solche Momente meist zur Beobachtung und Kontemplation. Mir fiel die vergilbte Bluse der Angestellten auf. Zunächst fragte ich mich, ob dies das Schicksal aller weißen Klamotten sei, wenn man kein warmes Wasser zum Waschen zur Verfügung hätte. Doch plötzlich kam ihr beleibter Kollege hinter einer grauen Trennwand hervor, gekleidet in ein Hemd der selben Farbe und ein anderer Verdacht bestätigte sich: Vergilbt ist die offizielle Uniformfarbe der brasilianischen Post! Es hätte mir eigentlich vorher auffallen können, schließlich hatten die Wände die gleiche Farbe! Da fällt mir ein, dass ich aufgrund der Klimaverträglichkeit zwei weiße Hemden aus Deutschland mitgebracht hatte, die ich aber de facto nie trage. Ich falle mit meinen blonden Haaren und meiner hellen Haut schon so genug auf, da muss ich nicht noch zusätzlich wie ein Kolonial-Tropenforscher durch die Favela laufen. Fehlt nur noch der Safarihut und lautstarkes Werner-Herzog-Englisch! Einmal sagte eine Verkäuferin zu mir, dass ich so schöne blaue Augen hätte, dass ich doch bitte bei ihrer Beerdigung mit am Grab stehen solle. Immerhin ein recht unkonventionelles Kompliment, auch wenn ich nicht wusste, was ich darauf hätte antworten sollen.
„Hier ihre Briefmarken.“
„Mh?“
„Hier sind ihre Briefmarken. Sechs Reais bitte!“
Oh, ich musste wohl gerade in Gedanken gewesen sein. Mh, vier fette Briefmarken pro Postkarte, unter anderem mit so lustigen Beträgen wie zehn centavos (umgerechnet gute drei Cent). Ob da noch Platz zum Schreiben bleibt? Aber immerhin: ungefähr ein Euro für eine Postkarte nach Deutschland ist auf jeden Fall ein schmaler Preis. Ist halt noch verstaatlicht hier, wissen's schon...

Bei nächsten Mal gibt’s auch mal wieder was über die Arbeit - versprochen! Und übers Reisen! Oh, und ich darf nicht vergessen, vom carneval zu berichten! Der ist hier auf jeden Fall ein wenig anders als das hier zum Beispiel!

Ahoi und bis bald!

Mittwoch, 21. Januar 2015

Weihnachten mit den Marimbondos


Oh Mann! Ich sollte den guten alten Blog nicht vergammeln lassen!

Nun gut, es ist einiges an Schlammwasser den Amazonas hinunter geflossen, seit dem ich mich das letzte Mal gemeldet hatte. Meine hiesige Abwesenheit hatte Gründe. Ich war unterwegs. Und unter anderen im Krankenhaus...

Keine Panik! Alle Körperteile sind noch dran. Ich bin jedoch seitdem ein wenig vorsichtiger, was die brasilianische Kleintierwelt anbelangt. Und zwar begab es sich noch im vergangenen Jahr eines schönen Tages, dass ich die Treppe zum Musikraum hinauf stieg, wo ich üblicherweise ein paar von unseren Kiddies Gitarren- und Flötenunterricht gebe und auch gerne die Räumlichkeit selbst zum Üben in der Mittagspause benutze (das ein oder andere Mittagsschläfchen war mir auch gegönnt gewesen). Jedenfalls bemerkte ich, so wie ich die Stufen hinauf stieg, ein paar mir unbekannte schwarze Insekten, die gerade tüchtig damit beschäftigt waren, ein Nest an der Treppe zu bauen. Vorsichtig ging ich an ihnen vorbei, ohne das sie mir auch nur die geringste Beachtung schenkten. Später fragte ich eine der Erzieherinnen, ob die Viecher gefährlich seinen, was jene verneinte.

Nun saß ich bereits am dritten Tage nach meiner Entdeckung im sala de música und gab gerade eine Gitarrenstunde als ich bemerkte, dass uns ein paar Noten fehlten, um „Stille Nacht“ (noite feliz) zu spielen. Also schickte ich ein Mädchen los, uns diese aus dem Büro von unten zu holen. Sie kam jedoch nach einigen Sekunden wieder zurück und sagte, sie würde sich nicht hinunter trauen, weil die „Bienen“ sie gestochen hätten. Bienen?! Moment mal, die sehen doch eigentlich ganz anders aus (da jedenfalls, wo ich her komme)! Nun ratterte alles in meinem Kopf und ich dachte: okay, das Mädchen wurde gestochen und ich weiß nicht, ob sie vielleicht allergisch ist und eventuell Hilfe benötigt. Auf der anderen Seite wunderte ich mich, weil die Viecher mich bisher unbehelligt ließen. Ich machte deswegen den Selbstversuch, verließ den Raum und siehe da! Es fühlte sich so an, als würde mich das ganze Nest attackieren. Stiche an den Armen, Beinen, unter den Augen, an Ohren und Nase, im Nacken und durch die Kleidung im Rücken. Das Ergebnis war, dass ich schreiend über den Innenhof unserer Einrichtung rannte und allerlei Leute, die sich gerade in ihren Kursen befanden, aus ihren Räumen stürmten, um in Erfahrung zu bringen, was gerade los sei. Ich wurde unverzüglich ins Krankenhaus gebracht, weil keiner den Grad der Gefahr abschätzen konnte, da ich ja noch nie von speziell von diesen Viechern gestochen wurde und die Möglichkeit einer Allergie nicht auszuschließen war (gegen deutsche Bienen habe ich jedenfalls zum Glück keine Allergie). Auf dem Weg zum Krankenhaus wurde mir erzählt, dass eine Bekannte schon einmal an Stichen gestorben sei, weil sie allergisch war. Das will man natürlich in so einer Situation am liebsten hören!

Nun gut, im Krankenhaus stellten sie fest, dass mein Blutdruck lediglich ein wenig erhöht war (wer hätte das vermutet???) und mir wurde ein Antiallergikum verabreicht, was mich zumindest physisch für die nächsten paar Tage gut ausknockte. Im Großen und Ganzen alles nochmal gut gegangen! Lustigerweise steht direkt neben der 24h Notfallstelle vom Krankenhaus ein 24h Beerdigungsunternehmen und genau daneben wiederum eine 24h Imbißbude (lanchonete). Hier wird noch pragmatisch gedacht!

Mittlerweile weiß ich auch, dass es sich bei den schwarzen Viechern um eine aus Afrika eingeschleppte Wespenart namens Marimbondo handelte. Das Nest wurde entfernt und liegt nun bei meiner Babygruppe auf dem Jahreszeitentisch (natürlich ohne Bewohner!)

Jo, dass man sich hier Mückenstiche holt, ist etwas ganz Alltägliches. Ich habe bereits Moskitos in den unterschiedlichsten Größen gesehen. Während ich diesen Text hier schreibe schwirrt mir sogar einer um die Ohren. Jedoch ob klein oder groß: alle wollen dein Blut! Irgendwann kratzt es dich nicht mehr, weil du eh nicht viel dagegen machen kannst und die Stiche allgemein kaum der Rede wert sind (es sei denn du bekommst Dengue oder irgend eine andere abartige Tropenkrankheit; die Chancen, sich so etwas hier einzufangen, sind jedoch verschwindend gering).

Kurze Zeit nach meiner Begegnung mit den Marimbondos hatte ich einen kleinen Stich am Fuß, der mich erst einmal nicht weiter juckte (Wortspielalarm!). Zwei Tage später jedoch war die Stelle so stark angeschwollen, dass ich kaum noch laufen konnte. Außerdem bekam ich Fieber. Das bedeutete mal wieder nur eines: Jup, ab ins Krankenhaus! De novo (noch einmal)! Verdacht auf Spinnenbiss. Man gab mir Antibiotika und allerlei andere Medikamente, die ich bereitwillig schluckte und nach ein paar Tagen ging es mir zum Glück wieder erheblich besser.

Die blöden Viecher! Da muss man hier echt aufpassen. Einmal regnete es ein paar Tage lang und die Kiddies konnten deswegen nicht draußen spielen und als es dann wieder trockener wurde und wir mit ihnen auf das Außengelände gingen, bildete sich plötzlich eine Traube aus Kindern um etwas herum. Oft sind das immer recht nervige Angelegenheiten, weil es sich in der Regel um einen Käfer oder ähnliches handelt, welchen die Kinder gerade kaputtspielen. Du rettest dann das halbzerpflückte Insekt vor dem Foltertod und nimmst auf der anderen Seite den Kindern ihr Spielzeug weg (Warum habe ich es mir auch ausgesucht Buddhist sein zu wollen, verflucht!?). Naja, jedenfalls gehe ich zu den den Kleinen hin um abzuchecken, um was es sich diesmal handeln könnte und auf einmal liegt da eine fette, zum Glück tote Giftspinne auf dem Rasen! Jau, so ein Viech wie man es aus dem Fernsehen kennt, so mit dicken Beinen und uargh!- Okay, Kehricht genommen und ab damit in die Wildnis! Kein Kind vergiftet, schon wieder Spielzeug geklaut, alles ist gut!

Nebenbei bemerkt ist das brasilianische Krankensystem, welches ich nun ungewollter Weise persönlich kennenlernen durfte, recht interessant in der Hinsicht zumindest, dass absolut jeder versorgt wird. In den öffentlichen Krankenhäusern brauchst du keine Krankenversicherung und die Medikamente sind auch kostenlos. Man braucht lediglich den Namen seiner Eltern und sein Geburtsdatum angeben und schon darf man auf den nächsten freien Arzt warten. Interessanterweise recht unbürokratisch an dieser Stelle das gute alte Brasilien. Nun, dafür darf man jedoch auch nicht mit einem super-stylie Spital mit abstrakter Kunst an allen Wänden und aufgetakeltem Emergency-Room-look-alike Personal rechnen, sondern eher mit vergilbten Wänden und damit, dass sie dich im Wartesaal vergessen und solcherlei Dingen! Achso, wenn man die abstrakte Kunst und englisch sprechende Ärzte bevorzugt, geht man jedoch in ein privates Krankenhaus, wofür man dann jedoch pro Sitzung blechen muss und das nicht zu knapp. Also Zweiklassengesellschaft im Gesundheitswesen auch hier angesagt.

Zum Glück gab es an den letzten Tagen des vergangen Jahres nicht nur Insektenstiche für mich. Mich auf dem Wege der Besserung befindend, durfte ich am großen Weihnachtsspektakel des CREARs teilhaben. Das bedeutete, dass ich zunächst mit den Erziehern und Lehrern in der Kindergartenabteilung eine Aufführung mit Liedern und Tänzen für die Eltern aufführen musste. So mit Ringelrein und „Stille Nacht“ war natürlich auch auf der Gitarre wieder mit dabei. Dann kam der Präsident unserer Einrichtung als Weihnachtsmann verkleidet daher und verteilte an jedes Kind ein Geschenk. In meiner Gruppe gab es Puppen für die Mädchen und für die Jungs so Holzenten, die man hinter sich herziehen konnte. Bald darauf war es auch an der Zeit für die größeren Kids. Im vorderen Bereich des CREARs war es stockend voll, da an diesem besonderen Tage die Kinder der Vor- und der Nachmittagsgruppe das Weihnachtsfest gemeinsam feierten. Es gab eine Art Kinderdisco (mit brüllend lauter Popmusik), während die Kids im Freien tobten. Danach wurde ein festliches Bankett aufgetragen mit jeder Menge Brause und Leckereien, sodass alle letztendlich satt und vergnügt die Bescherung über sich ergehen lassen durften. Dieses Mal musste mein Kollege Bello als Weihnachtsmann herhalten und ich bin mir ziemlich sicher, dass die Mehrheit der Kinder rafften, wer sich hinter dem Kostüm verbarg (außer vielleicht die zwei, drei Hanseln, die Angst vor dem Weihnachtsmann hatten). Diesmal bekam wieder jedes Kind ein Geschenk, jedoch gab es hierbei nun eine individuelle Komponente. Und zwar durften die Kiddies ein paar Wochen vorher einen Geschenkewunschzettel für den Weihnachtsmann malen, auf dem sie quasi das Geschenk ihrer Träume zeichneten. Im Laufe der Zeit wurde dann versucht, die Geschenke als Spenden aufzutreiben. So gab es für den einen einen Ball, während ein anderer wiederum eine Action-Figur bekam. Zusätzlich gab es Hygieneartikel wie Kämme und Shampoo und außerdem Süßigkeiten. Auf jeden Fall war es ein klasse Tag für die Kids und selbst ich konnte einen Chocotone abstauben, YES! (ursprünglich hefekuchenartiges Gebäck namens Panettone, welches italienische Einwanderer mitgebracht hatten und hier schokorisiert wurde. Oh Mann, was würde jetzt um so ein Ding geben!)

Am Tage darauf gab es noch eine große Aufräumaktion für Lehrer und Erzieher und eine kleine Party (oder war es eine kleine Aufräumaktion und eine große Party? Ich weiß es nicht mehr; es war Bier im Spiel), auf welcher ich mir ein paar brasilianische dance moves meiner Kollegen abschauen konnte (für die, die es kennen: der sog. Twerk scheint sich hier zu Lande größerer Beliebtheit zu erfreuen) und ich mir schwor, im Februar mit Capoeira anzufangen.

So das war der erste Teil von meinem neuen Update. Aufdringliche Moderatorenstimme: „In Teil Zwei erfahrt ihr dann, wohin die Reise über Weihnachten und Silvester ging und welche spannenden und obskuren Orte ich in Brasilien noch so kennen lernen durfte! (inklusive Geldbörsendiebstahl)!“

Mit Musik verabschiede ich mich. Ahoi!