Es begab sich, dass
ich in letzter Zeit des öfteren den Ônibus in die nächst gelegene
Großstadt namens Sorocaba nehmen musste, da sich dort eine
Einrichtung der Bundespolizei befindet, die, aufgrund der Idee mein
Visum zu verlängern, ich zu besichtigen beabsichtigte. Da mein
Sachbearbeiter scheinbar das allererste Mal einen Visa-Antrag meiner Art zu bearbeiten hatte, verlief alles ganz einfach und stressfrei.
Ich musste lediglich innerhalb von vier Wochen dort viermal
erscheinen und irgendwelche Dokumente nachreichen, was bedeutete, dass ich jedes Mal morgens zweieinhalb
Stunden nach Sorocaba fuhr, mich 15 Minuten bei der Polícia Federal
aufhielt, danach zwei bis drei Stunden auf den nächsten Bus Richtung
nach Hause wartete und zwar genau auf dem Standstreifen einer
Autobahn, die sich mit ihrer magischen Geräuschkulisse an mein Ohr
schmiegte, und es anschließend wiederum zweieinhalb Stunden dauerte,
bis ich wieder in den vertrauten Gefilden meiner Wahlheimat,
Capão
Bonito, angekommen war, obwohl ich mit Gutdünken behaupten
kann, dass mir die Autobahn rund um die Polizeidelegation in Sorocaba
mittlerweile gar nicht mehr so unvertraut vorkommt.
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| Regel Nr. 9: Potentielle Leser meines Blogs mit stimulierenden Bildern anlocken |
Irgendwann hatten
die Trucker, die dort an einer Imbissbude hinter dem Standstreifen
stets ihre Mittagspause tätigten, schon damit angefangen mich zu grüßen
und einmal war einer von ihnen sogar darum bemüht, ein
Smalltalk-Gespräch von der allerfeinsten Sorte mit mir zu beginnen:
„Ah, Capão
Bonito, da kommst du also her. Da habe ich auch mal gewohnt. Ich
wohn' in Itapetininga.“ [das ist sozusagen unsere Nachbarstadt, ca.
eine Stunde mit dem Bus entfernt] „In Capao machen sie den besseren
Schnaps, dafür gibt es bei uns die besseren Frauen.“
Und ehe ich mich
versah, war ich bereits mittendrin in einem Gespräch zwischen zwei öchten Mönnern. Ob ich eher auf blonde oder brünette Mädels
stehe, fragte mich der kleine Mann mit seinem harten ländlichen
Akzent und wen ich denn schöner fände: Deutsche Frauen oder
Brasilianerinnen. Fragen über Fragen und obwohl ich mich ein wenig darüber ärgerte, lediglich in der Stadt des besseren Schnapses gelandet zu
sein, empfand ich eine gewisse Schwierigkeit dabei, exakt zu
antworten. Dem kundigen Reisenden wird aufgefallen sein, dass
Schönheit überall auf der Welt gleich und gerecht verteilt ist und
wenn wir zusätzlich bedenken, dass individuelle Zu- und Abneigungen
einen immensen Part bei unserer Partnerwahl spielen, dann ist es doch
eher schwierig, einfach so entweder oder zu sagen bei einer so
komplizierten Frage. Zudem bin ich stets darum bemüht, beim Dialog
mit Vertretern anderer Nationen mich diplomatisch zu artikulieren.
Ich legte mir also ein entsprechendes Bonmot zurecht und antwortete
alle vorausgegangenen Überlegungen abwiegend wie folgt:
„Brasilien verfügt
über drei Dinge, die kein anderes Land toppen kann: Erstens: Die
schönste Natur! Zweitens: Die schönste Musik! Drittens: Die
schönsten Frauen! Ja, was meinst du denn, wer mir besser gefallen
würde!?“
Man möge mir
verzeihen, dass ich diesen Spruch bei ähnlichen Gelegenheiten nun
mittlerweile Floskel- und Phrasenhaft benutze. Die Erfahrung hat mich
gelehrt, dass dies ein sehr einfacher Weg ist, sich neue Freunde zu
verschaffen. Ich denke einem deutschen Landesgenossen hätte ich eher
von irgendwelchen vergangenen Beziehungsproblemen berichtet oder
darüber, dass mein Bett während des brasilianischen Winters recht
kühl und ungesellig blieb, aber Hey! Sich in einer anderen Kultur
aufzuhalten bedeutet ja auch, dass man sich in vielerlei Hinsicht
ausprobieren und mit unterschiedlichen Rollen kokettieren kann, die
man sich in der Heimat weniger überzustülpen zutraut.
Und um nun nicht als
der einsame Looser dazustehen, der ich aller Wahrscheinlichkeit nach
bin, möchte ich diesen Blogeintrag weiterhin dazu benutzen, ein
wenig mit meinen hiesigen Liebesabenteuern und Eroberungen zu prahlen.
Gerade erst letztens
ereignete es sich, dass ich in einem Café im Zentrum der Stadt auf
meinen Gitarrenunterricht wartete und genüsslich damit beschäftigt
war, einen überaus dicken und cremigen Schokomuffin zu verschlingen.
Da ich im Umgang mit Essen recht tölpelhafte Manieren an den Tag
lege, schaffte ich es natürlich mein halbes Gesicht und meine Hände
voll mit süßer Schokolade einzusauen, sodass ich darum bemüht war,
die Toilette aufzusuchen, um mich zu putzen. Nun ist es jedoch so,
dass in Brasilien oft die Klos an sich nach Geschlecht zwar getrennt
sind, das Waschbecken jedoch von Männlein und Weiblein gemeinsam
benutzt wird. So kam es, dass ich eine Angestellte des Ladens am
Spiegel vorfand, die wohl gerade dabei war, sich für ihre kommende
Schicht zurecht zu machen. Also stand ich erst einmal unsicher und
wartend in einiger Entfernung, jedoch bemerkte sie meine Anwesenheit
und machte ein wenig Platz für mich. Während ich mir also die Schokolade
aus der Fresse wischte, kam, wie es der Zufall so will, ich nicht
darum herum einen kurzen verschmähten Blick in den Spiegel und somit
auf sie zu werfen und dabei festzustellen, dass sie abolutamente
lindíssima* war. Sie bemerkte meinen Blick und schaute zurück, wobei
sie mich anlächelte. Der one-million-dollar-moment war gekommen, wie
es der Amerikaner zu sagen pflegt. Ich musste nun also schnell
irgendetwas tun oder sagen, jedoch war das einzige portugiesische
Wort, dass mir in dem Moment einfiel tchau und so polterte es
aus meinem Munde heraus, woraufhin die junge Dame meinen Flirtversuch
ebenfalls mit einem gekonnten „Tchau.“ parierte und ich mich
herum drehte, um Szene zu verlassen, wobei sich permanent in meinem
Kopf folgende Worte formten: „Scheiße, Scheiße, Scheiße! Du
Idiot!“ Ich hoffe, der verehrte Leser findet es nicht allzu
ekelhaft-widerlich-stalkermäßig, wenn ich konstatiere, dass ich
besagte Person nie wieder in dem Café angetroffen habe.
Mh.
Jedoch ist es nicht
so, dass mein Mund in Brasilien gänzlich ungeküsst geblieben ist.
Einmal hielt ich mich gerade in São
Paulo auf, als mich eine Freundin mir nichts, dir nichts mit auf eine
der größten Gay-Pride-Paraden der Welt auf die
Avenida Paulista mitnahm. Dort sind ein paar überaus lustige und
unterhaltsame Dinge geschehen, welche ich euch unter keinen Umständen
vorenthalten kann. Und zwar gab es dort ein unheimliches Gedränge.
Überall waren Menschen und man ist kaum vorangekommen, sodass man
auch gleich hätte auf seinem ursprünglichen Platz bleiben können,
was ich und meine Begleiterinnen auch nahe bei der U-Bahn-Station
taten, von der aus wir gekommen waren. Ich muss dazu anmerken, dass ich
wie ein Esel bepackt war mit meinem Reiserucksack sowie meiner
Gitarre, da ich mich gerade auf dem Rückweg nach Capão
befand, mir jedoch das
Spektakel unter keinen Umständen entgehen lassen konnte.
Es war auch wunderschön und alles und die Leute haben eine super
angenehme Stimmung gemacht und getanzt etc. Irgendwann jedoch
kreuzten ein paar weniger angenehme Zeitgenossen auf, die sich
ziemlich widerlich eng an mich drängten und antanzten, wozu
ich, eng bepackt wie ich war und zudem in der Hitze, weniger Lust
verspürte. Und Zack!
Da
waren sie auch
wieder weg und wie ich instinktartig nach meiner Hosentasche griff,
so waren mein Handy und meine Geldbörse natürlich
verschwunden. Ich ließ also meine Gitarrentasche in der Hand meiner
Begleiterin und rannte, so schnell wie ich konnte, den gemeinen
Dieben hinterher. Und man glaube es kaum: In weniger als zehn Metern
Entfernung traf ich auf sie, wie sie gerade dabei waren, ihre Beute
auszuwerten (die beschissenen Trottel) und so schnappte ich mir mein
Zeug wieder. Und da mir mal wieder nichts adäquates auf
Portugiesisch einfiel
rief ich: „You dirty piece of shit!“ und war, da ich
fuchsteufelswild und wütend war, drauf und dran dem einen Typen eins
in seinen fetten Wanst zu geben, jener
jedoch blitzartig die Flucht ergriff. Dabei indessen riss er einen
Dosensammler zu Boden, welcher den Inhalt seines riesigen Sacks
auf dem Pflaster verteilte. Hier in Brasilien gibt es zwar keinen
Flaschenpfand oder dergleichen, jedoch sammeln die armen Leute
Bierdosen, um sie beim Recycling abzugeben und dafür ein paar
Centavos zu kassieren.
Nun schauten mich alle feierwütigen Herumstehenden verwundert an,
sah es doch so aus, als hätte ich gerade in meiner Rage den armen
Dosenmann umgerannt und aufs übelste als Dieb beleidigt. Der
richtige Dieb war bereits längst über alle Berge, was jedoch
eigentlich auch
egal war, hatte ich doch meine Sachen eh wieder. Nun jedoch dachte
der Dosensammler tatsächlich, dass ich ihn meinte und versuchte mir
kleinmütig und unterwürfig zu versichern,
dass er ein braver Bürger sei. Er zeigte mir sogar seinen Pass (als
wenn ich ein Cop oder so etwas wäre,
oh Mann!). Ich machte ihm
klar, dass alles okay sei und
half ihm dabei, seine Dosen wieder aufzusammeln. Das jedoch führte
zum nächsten Problem: Nun wollte er mein Kumpel sein und hart
besoffen und nach Schweiß
stinkend, wie er war, wollte
er
mich nun
andauernd umarmen, wobei er sein ekelhaftes schwitziges Haar an
meinem T-Shirt abwischte. Nach einer viertel Stunde war der Spuk
jedoch zum Glück
vorbei und ich war im
Endeffekt ziemlich froh und auch ein wenig stolz darüber,
dass ich mir meine Sachen wieder zurück erobern
konnte.
Es
ist jedoch auch etwas anderes an diesem schönen feierlaunigen
Nachmittag geschehen. Bei einem Gay-Pride-Umzug schaut man sich
natürlich auch gern die Leute an. Ich frage mich, ob ich jemals so
viele Silikontitten an einem Tag gesehen habe, doch darum soll es
hier nicht gehen. Irgendwann passierte es, dass dort im Gedränge
irgendwo zwischen den vielen Menschen diese überaus astonishingly
wunderschöne Frau daherschritt. Es war wie in dem berühmten
Song von Jobim und Moraes, dem Garota da Ipanema: uma moça
do corpo dourado** mit lockigem Haar und wie sich unsere Blicke
trafen, so lächelte sie und als sie plötzlich direkt vor mir stand
und mich fragte, ob ich sie küssen möge, sagte ich zum Glück
diesmal nicht tchau, sondern nickte und es war ein überaus
leidenschaftlicher und genussvoller Kuss, sodass ich noch den
ganzen restlichen Tage im Großstadtdschungel von São
Paulo und auf der
Rückfahrt nach Capão
„Oh Mann, oh Mann, Oh
Mann...“ dachte und wie benebelt war, dass es nun eigentlich ein
Leichtes hätte sein können,
meine Brieftasche zu klauen, was jedoch glücklicherweise dann nicht
mehr geschah.
- Ai! - Das Problem an dieser Geschichte ist es allerdings,
dass stets wenn ich erzähle, dass auf einer Gay-Pride-Parade die
absolut schönste Frau, die ich jemals gesehen habe, mir einen Kuss
verpasste,
der von der Liebesgöttin Oxum persönlich hätte
sein können,
die Leute anfangen mich auszulachen und hämisch fragen, ob ich mir
sicher sei, dass es tatsächlich
eine Frau gewesen ist. Als stolzer
Verfechter von lgbt*-Rechten stehe ich natürlich über dem
billigen Spott der Massen und wie schrieb João Ubaldo Ribeiro einst
doch so schön und treffend: „Es gibt keine Tatsachen, es gibt nur
Geschichten.“ Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich sie nie wieder
sehen werde.
Mh. Nun.
Gar nicht einmal so
lange ist es her, da saß ich in der Imbissbude meines Vertrauens, als
mich der Schwiegervater der Köchin auf ein Bier an seinem Tisch
einlud und während wir so daherschwatzten über die brasilianische
Geschichte und er mir die Verwandtschaftsgrade seiner Familie
erläuterte, fängt er unversehens damit an, mir seine andere Stieftochter
anzubieten und ist sich sogar nicht zu schade dafür, ihren Hintern
in Verbindung mit überaus vulgären Gesten anzupreisen. Dankend
lehnte ich ab und versuchte, während ich bemüht war, mein Bier so
schnell wie möglich zu leeren, mir meine Verstörung nicht anmerken
zu lassen. Ich glaube, ich sollte in Zukunft vielleicht vorsichtiger
damit sein und meinen Spruch über die drei besonderen Qualitäten
Brasiliens nicht allzu inflationär benutzen, ansonsten bin ich
schneller verheiratet als ihr „O desinquivincavador das
caravelarias desinquivincavacaria as cavidades que deveriam ser
desinquivincavadas.“ sagen könnt.
Ai!
Ah ja und Musik! Das wird wohl immer einer meiner absoluten Favoriten der brasilianischen Musik bleiben.
*absolut schönst
** eine junge Frau von goldenem Körper
