Samstag, 25. April 2015

Halbzeit: Kartoffeln oder Reis?


Ich habe mittlerweile mehr oder weniger die Hälfte meines Brasilienaufenthaltes hinter mir. So genau nehm' ich es eigentlich nicht mit der Zeit, aber es hört doch ganz schick an dieses Wort „Halbzeit“. Hat irgendwie was von Fußball. Können sich viele Brasilianer und Deutsche für begeistern. Ich eher weniger.


Hier in den Supermärkten gibt es Leute, die an der Kasse stehen und deine gekauften Sachen eintüten. Am Anfang fühlte sich das ein bisschen unangenehm für mich an. So ein leichter Hauch von Erziehung zur Unselbstständigkeit und in Verbindung mit meiner Hellhäutigkeit noch ein Löffelchen verstaubten Kolonialismus oben drauf! Schnell alles in den extra von mir mitgebrachten Beutel einpacken, bevor der Typ mit den Plastiksäcken kommt! Á propos Plastik: Sie wollen dir sogar eine Tüte in die Hand drücken, wenn du dir quasi nur eine Packung Kaugummis holst. Ich beruhige mein okö-deutsches Bio-Gewissen, indem ich (wie jeder andere hier auch) die Beutelchen als Mülltüten benutze. Scheiße! Jetzt war ich wieder nicht schnell genug mit meinem Hipster-Jutebeutel (made in Germany) und der Typ fängt an meine Sachen in die nach Rohölverarbeitung stinkenden Säckchen zu verstauen. Ich packe mir also mein ungenügendes Portugiesisch zurecht:
„Nein Danke, ich brauche kein...“
„Welches ist dein Team?“, werde ich angegrinst, während die Ware weiter eingetütet wird. Bei der großen Flasche besser zwei Beutel. Hält besser.
Ähm, was für ein Team denn? Captain Planet and the Planateers? Die Wailers? Ach, er meint Fußball! Wo habe ich meinen Kopf bloß schon wieder?! Okay, was kenne ich? Lediglich Nationalmannschaften aufzuzählen wäre ein bisschen dürftig. Ich muss mich als Kenner des brasilianischen Leistungssportes auszeichnen, ansonsten denkt er, wir Deutschen kämen unvorbereitet in sein wunderschönes Land. Was hatte mein Kollege nochmal letztens auf seinem Trikot stehen?
„Palmeiras Corintini-äh-thians!“, platzt es aus mir hervor.
Scheiße, das waren zwei gegnerische Teams! Außerdem habe ich mich versprochen. Nun, vielleicht hat er es ja nicht mitbekommen. Okay, einfach Daumen hoch und grinsen. Das hilft eigentlich immer!
Es wird zurück gegrinst. „Bayang Munscheng.“
Ähm... hat er mich jetzt irgendwas gefragt, was ich mal wieder nicht verstanden habe? Achso!
„Klar, Bayern München kenne ich natürlich! Die sind gut!“
Weder kenne ich auch nur einen einzigen Spieler, der da mitmischt, noch auf welchem Listenplatz die gerade stehen. Bilder aus meiner trostlosen Jugend rauschen an mir vorbei, in denen sich Stefan Raab über Oliver Kahn lustig macht.
Folgendes Statement reißt mich aus meinen Erinnerungen:
„Sieben zu Eins.“
Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich dazu äußern muss. Ich habe mir bereits einen Standard-Satz zurecht gelegt. Zum Glück hatte ich das Kapitel über Fußball in meinem Brasilien-Buch nicht übersprungen, sondern mich durchgequält.
„Nun, dafür habt ihr einen Stern mehr auf dem Trikot.“ Grinsend, Daumen hoch, mit etlichen Plastiktüten versehrt, begebe ich mich Richtung Ausgang.
Ich habe es geschafft! Auf dem Niveau eines 3-Jährigen sprechend, habe ich es vollbracht trotz eines mir verhassten Themas, von dem ich nicht die geringste Ahnung habe, etwas für die Völkerverständigung zu tun. Ich habe meinen Beitrag geleistet. Germany-Brasil – Freundschaft, Zukunft, Zusammenarbeit! Und ich mittendrin!


Tja, eigentlich bin ich stets überaus darum bemüht, mich ernsthaften Dingen zu widmen und meinen verehrten Lesern den ein oder anderen aufschlussreichen Blick auf mein Leben hier in den Tropen zu gewähren. Oft denke ich mir die Themen und Inhalte wochenlang vor der Niederschrift aus und lasse Konzepte in meinem Kopf hin und her purzeln. Wenn ich mich dann an den Schreibtisch setze, entsteht jedoch urplötzlich so eine Geschichte wie die obige – fast, könne man sagen, gegen meinen Willen. Damit eure Lektüre jedoch nicht vollkommen für'n Lappen ist, folgt *trommelwirbel* umgehend der geplante Inhalt!


Wie bereits erwähnt, verbringe ich bereits einige Monate in diesem wunderschönen grünen, warmen Lande. Was gefällt mir und was nicht? Es folgt eine kleine Zwischenbilanz am Mittag meiner Tage in Brasilien. Natürlich kann ich euch nichts weiter bieten als meinen selektiven und individuell-verzerrten, engen Blick, aber naja, mh, immer noch besser als nüscht, wa?!


PRO

Die Leute: Egal wo ich bisher war. Ich wurde stets mit offenen Armen empfangen. Die Brasilianer legen eine Gastfreundschaft an den Tag, von der man sich eine Scheibe abschneiden muss. Einmal war ich in Foz do Iguaçu unterwegs, einer Stadt am Ländereck zwischen Brasilien, Argentinien und Paraguay und hörte mir in einer Draußen-Bar einen Gitarristen an, der die schönsten Bossa-Nova-Stücke in die milde Nachtluft entließt. Nachdem er geendet hatte, sagte ich ihm, dass ich seine Kunst ziemlich genial fand und prompt wurde ich für den nächsten Abend auf ein üppiges Abendessen zu ihm nach Hause eingeladen, wo ich seine Mutter und den Mangobaum in seinem Garten kennen lernen durfte und wofür ich extra von ihm mit dem Auto abgeholt wurde.


Die Atmosphäre: Ich stehe auf und höre fremde Vögel kreischen. In der Luft liegt ein betäubender Blumenduft. Die Bäume tragen volle Blüten und ich kenne keine einzige. Die mir bekannt sind, tragen Mangos, Bananen, Orangen und Avocados. Und alles ist ein einziger Sommer. Es ist eigentlich unbeschreiblich!


Das Essen: Was es hier an Früchten gibt, ist kaum in Worte zu fassen. Die süßesten Bananen und Mangos, die ich je gegessen habe. Und das alles gibt es für ca. 3 Euro für eine Wochenportion auf dem Markt. Da wird man irre. Besonders habe ich mich in die Maracujás und Papayas verliebt. In Deutschland gibt’s die entweder eklig und teuer oder mit Zucker gestreckt und künstlich. Ich habe da schon richtig Angst zurückzukehren und dann in einem schnöden Obstregal im Supermarkt um die Ecke zu stehen und zu verzweifeln!

CONS

Die Leute: Kurz bevor ich nach Brasilien aufgebrochen bin, sagte einer guter Freund zu mir, der bereits mit Brasilianern zusammengearbeitet hatte, dass ich auch noch das sog. „brasilian promise“ kennen lernen würde. Und ich hatte das natürlich als rassistischen Stereotypen abgelegt. Und dann habe ich versucht, mich in Brasilien mit Leuten zu verabreden. Bsp.: ein Freund von mir hat eine Band und er sagt mir voller Begeisterung, da ich ja auch Gitarre spielen würde, sollte ich mal unbedingt zur Probe vorbeikommen. Gesagt, getan. Ich erscheine zum abgesprochenen Termin und keiner ist da, weil der Drummer Bauchschmerzen hat. Das nächste Mal fällt die Probe aus, weil es regnet und danach wieder weil es regnet. Es ist echt paradox: Ich frage mich, wie sie es überhaupt hinbekommen für ihre wirklich sehr schönen Auftritte zu proben, wenn hier wochenlang Regenzeit herrscht. Ich jedenfalls habe es kein einziges Mal geschafft, mich mit ihnen zu verabreden, muss jedoch auch gestehen, dass ich irgendwann das Interesse verloren habe. Ein anderes Beispiel ist ein Kollege, der bei mir Gitarrenunterricht nehmen möchte und seit Wochen meint, dass wir nächste Woche anfangen können – wann auch immer das auch sei. Ich könnte noch etliche weitere Beispiele aufzählen. Das grundlegende Problem ist, dass Deutsche und Brasilianer sehr unterschiedlich mit Zeit umgehen. Als Deutscher war ich bisher gewohnt, dass „morgen“ in der Regel auch morgen heißt. Bei den Brasis – mh – auf jeden Fall kann es eine ganze Menge bedeuten, soviel weiß ich mittlerweile. Ich finde das alles ein bisschen traurig, weil ich es dadurch schwierig finde Freundschaften zu knüpfen. Vielleicht habe ich auch einfach noch nicht den Dreh raus.

Die Atmosphäre: Ich kraksel auf meinem klapprigen Drahtesel einen der steilen Hügel hoch (ganz Brasilien scheint nur aus extremen Steigungen und Gefällen zu bestehen). Von der einen Straßenseite faucht mich eine Gans an, von der anderen kommt ein räudiger Straßenköter daher, der in der drückenden feuchten Hitze einen Rappel bekommen hat und anfängt, meinem Fahrrad hinterher zu jagen. Ich rette mich in die nächste Straße, wo ich fast mit einem Ford-Lastwagen aus den 70ern zusammenstoße, der mir seine ungefilterten Abgase in die Fresse bläst. Oder: ich sitze gerade in einem Fernbus, in welchem das Belüftungssystem ausgefallen ist und jemand hinten auf der Toilette eine Party mit seinem Dickdarm gefeiert hat, sodass das ganze Fahrzeug danach stinkt. Egal, dauert nur noch 2 Stunden die Fahrt. Oder: ich bin mit Freunden in einer Kneipe, gehe auf Klo und entdecke in der verstopften Kloschüssel eine Spritze schwimmen. Oder: ich begebe mich des Nachts auf Bettwanzenjagd, weil ich von den ganzen Stichen nicht mehr schlafen kann, zumal der Schimmel an den Wänden sein übriges dazu beiträgt, meine Atmung herauszufordern. Oder, oder oder... Brasilien kann manchmal ganz schön laut und eklig sein.


Das Essen: Am ersten Tag fand ich Reis und Bohnen noch irgendwie ausgefallen. Am zweiten Tag hatte ich mich dran gewöhnt und am dritten fand ich es einfach nur noch langweilig. Reis und Bohnen sind hier DAS Grundnahrungsmittel. Das gibt es jeden Tag und weil ich mein Essen von unserer Einrichtung beziehe, gibt es auch jeden Tag Reis und Bohnen für mich. Ich muss gestehen, dass man sich tatsächlich dran gewöhnt. Und nahrhaft ist es auch. Aber bei all der Buntheit, dem Schrillen und Ausgefallenen, was in Brasilien eher an der Tagesordnung ist, so sind Reis und Bohnen das Langweilige schlecht hin. Das Nationalgericht, die Feijoada, besteht aus Reis, Bohnen, totem Schwein und Orangen. Einmal war ich auf einer Geburtstagsfeier und man hatte extra für mich vegetarische Feijoada zubereitet: Reis, Bohnen und Orangen. Immerhin, das mit Orangen war mal eine Abwechslung. Ansonsten wird ein Deutscher hier weitestgehend auf sein heißgeliebtes Brot verzichten müssen. Es gibt zwar unglaublich viele Bäckereien mit haufenweise ausgefallenen Süßspeisen, aber Brot... nunja... das ist oft leider nicht so der Kracher. Was mir persönlich als Veggie missfällt ist der immense unreflektierte Fleischkonsum. Brasilien ist ein Land, das sich im wirtschaftlichen Aufschwung befindet. Die Leute konsumieren wie nie zuvor und neben Rohölprodukten ist es vor allem alles mögliche Abgeschnittene vom Tier, was die Leute gerne kaufen.


Mh, nun habe ich alle Pros mit den Contras gegeneinander aufgehoben und lass meine verehrten Leser, wie es bisweilen im Leben geschieht mit leeren Händen zurück.


Aber vielleicht nicht ganz. Ihr müsst unbedingt den Song von meinem Kumpel Jan hören, der auch gerade einen Freiwilligendienst in Brasilien absolviert – irgendwo dort drüben in den verzweigten Häuserschluchten von São Paulo. Mit einer Melodie im Kopf sieht die Welt schon gleich ganz anders aus – versprochen!





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