Sonntag, 23. August 2015

Das Land der Liebe

Es begab sich, dass ich in letzter Zeit des öfteren den Ônibus in die nächst gelegene Großstadt namens Sorocaba nehmen musste, da sich dort eine Einrichtung der Bundespolizei befindet, die, aufgrund der Idee mein Visum zu verlängern, ich zu besichtigen beabsichtigte. Da mein Sachbearbeiter scheinbar das allererste Mal einen Visa-Antrag meiner Art zu bearbeiten hatte, verlief alles ganz einfach und stressfrei. Ich musste lediglich innerhalb von vier Wochen dort viermal erscheinen und irgendwelche Dokumente nachreichen, was bedeutete, dass ich jedes Mal morgens zweieinhalb Stunden nach Sorocaba fuhr, mich 15 Minuten bei der Polícia Federal aufhielt, danach zwei bis drei Stunden auf den nächsten Bus Richtung nach Hause wartete und zwar genau auf dem Standstreifen einer Autobahn, die sich mit ihrer magischen Geräuschkulisse an mein Ohr schmiegte, und es anschließend wiederum zweieinhalb Stunden dauerte, bis ich wieder in den vertrauten Gefilden meiner Wahlheimat, Capão Bonito, angekommen war, obwohl ich mit Gutdünken behaupten kann, dass mir die Autobahn rund um die Polizeidelegation in Sorocaba mittlerweile gar nicht mehr so unvertraut vorkommt. 

Regel Nr. 9: Potentielle Leser meines Blogs mit stimulierenden Bildern anlocken
Irgendwann hatten die Trucker, die dort an einer Imbissbude hinter dem Standstreifen stets ihre Mittagspause tätigten, schon damit angefangen mich zu grüßen und einmal war einer von ihnen sogar darum bemüht, ein Smalltalk-Gespräch von der allerfeinsten Sorte mit mir zu beginnen:

„Ah, Capão Bonito, da kommst du also her. Da habe ich auch mal gewohnt. Ich wohn' in Itapetininga.“ [das ist sozusagen unsere Nachbarstadt, ca. eine Stunde mit dem Bus entfernt] „In Capao machen sie den besseren Schnaps, dafür gibt es bei uns die besseren Frauen.“

Und ehe ich mich versah, war ich bereits mittendrin in einem Gespräch zwischen zwei öchten Mönnern. Ob ich eher auf blonde oder brünette Mädels stehe, fragte mich der kleine Mann mit seinem harten ländlichen Akzent und wen ich denn schöner fände: Deutsche Frauen oder Brasilianerinnen. Fragen über Fragen und obwohl ich mich ein wenig darüber ärgerte, lediglich in der Stadt des besseren Schnapses gelandet zu sein, empfand ich eine gewisse Schwierigkeit dabei, exakt zu antworten. Dem kundigen Reisenden wird aufgefallen sein, dass Schönheit überall auf der Welt gleich und gerecht verteilt ist und wenn wir zusätzlich bedenken, dass individuelle Zu- und Abneigungen einen immensen Part bei unserer Partnerwahl spielen, dann ist es doch eher schwierig, einfach so entweder oder zu sagen bei einer so komplizierten Frage. Zudem bin ich stets darum bemüht, beim Dialog mit Vertretern anderer Nationen mich diplomatisch zu artikulieren. Ich legte mir also ein entsprechendes Bonmot zurecht und antwortete alle vorausgegangenen Überlegungen abwiegend wie folgt:

„Brasilien verfügt über drei Dinge, die kein anderes Land toppen kann: Erstens: Die schönste Natur! Zweitens: Die schönste Musik! Drittens: Die schönsten Frauen! Ja, was meinst du denn, wer mir besser gefallen würde!?“

Man möge mir verzeihen, dass ich diesen Spruch bei ähnlichen Gelegenheiten nun mittlerweile Floskel- und Phrasenhaft benutze. Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass dies ein sehr einfacher Weg ist, sich neue Freunde zu verschaffen. Ich denke einem deutschen Landesgenossen hätte ich eher von irgendwelchen vergangenen Beziehungsproblemen berichtet oder darüber, dass mein Bett während des brasilianischen Winters recht kühl und ungesellig blieb, aber Hey! Sich in einer anderen Kultur aufzuhalten bedeutet ja auch, dass man sich in vielerlei Hinsicht ausprobieren und mit unterschiedlichen Rollen kokettieren kann, die man sich in der Heimat weniger überzustülpen zutraut.

Und um nun nicht als der einsame Looser dazustehen, der ich aller Wahrscheinlichkeit nach bin, möchte ich diesen Blogeintrag weiterhin dazu benutzen, ein wenig mit meinen hiesigen Liebesabenteuern und Eroberungen zu prahlen.

Gerade erst letztens ereignete es sich, dass ich in einem Café im Zentrum der Stadt auf meinen Gitarrenunterricht wartete und genüsslich damit beschäftigt war, einen überaus dicken und cremigen Schokomuffin zu verschlingen. Da ich im Umgang mit Essen recht tölpelhafte Manieren an den Tag lege, schaffte ich es natürlich mein halbes Gesicht und meine Hände voll mit süßer Schokolade einzusauen, sodass ich darum bemüht war, die Toilette aufzusuchen, um mich zu putzen. Nun ist es jedoch so, dass in Brasilien oft die Klos an sich nach Geschlecht zwar getrennt sind, das Waschbecken jedoch von Männlein und Weiblein gemeinsam benutzt wird. So kam es, dass ich eine Angestellte des Ladens am Spiegel vorfand, die wohl gerade dabei war, sich für ihre kommende Schicht zurecht zu machen. Also stand ich erst einmal unsicher und wartend in einiger Entfernung, jedoch bemerkte sie meine Anwesenheit und machte ein wenig Platz für mich. Während ich mir also die Schokolade aus der Fresse wischte, kam, wie es der Zufall so will, ich nicht darum herum einen kurzen verschmähten Blick in den Spiegel und somit auf sie zu werfen und dabei festzustellen, dass sie abolutamente lindíssima* war. Sie bemerkte meinen Blick und schaute zurück, wobei sie mich anlächelte. Der one-million-dollar-moment war gekommen, wie es der Amerikaner zu sagen pflegt. Ich musste nun also schnell irgendetwas tun oder sagen, jedoch war das einzige portugiesische Wort, dass mir in dem Moment einfiel tchau und so polterte es aus meinem Munde heraus, woraufhin die junge Dame meinen Flirtversuch ebenfalls mit einem gekonnten „Tchau.“ parierte und ich mich herum drehte, um Szene zu verlassen, wobei sich permanent in meinem Kopf folgende Worte formten: „Scheiße, Scheiße, Scheiße! Du Idiot!“ Ich hoffe, der verehrte Leser findet es nicht allzu ekelhaft-widerlich-stalkermäßig, wenn ich konstatiere, dass ich besagte Person nie wieder in dem Café angetroffen habe.

Mh.

Jedoch ist es nicht so, dass mein Mund in Brasilien gänzlich ungeküsst geblieben ist. Einmal hielt ich mich gerade in São Paulo auf, als mich eine Freundin mir nichts, dir nichts mit auf eine der größten Gay-Pride-Paraden der Welt auf die Avenida Paulista mitnahm. Dort sind ein paar überaus lustige und unterhaltsame Dinge geschehen, welche ich euch unter keinen Umständen vorenthalten kann. Und zwar gab es dort ein unheimliches Gedränge. Überall waren Menschen und man ist kaum vorangekommen, sodass man auch gleich hätte auf seinem ursprünglichen Platz bleiben können, was ich und meine Begleiterinnen auch nahe bei der U-Bahn-Station taten, von der aus wir gekommen waren. Ich muss dazu anmerken, dass ich wie ein Esel bepackt war mit meinem Reiserucksack sowie meiner Gitarre, da ich mich gerade auf dem Rückweg nach Capão befand, mir jedoch das Spektakel unter keinen Umständen entgehen lassen konnte. Es war auch wunderschön und alles und die Leute haben eine super angenehme Stimmung gemacht und getanzt etc. Irgendwann jedoch kreuzten ein paar weniger angenehme Zeitgenossen auf, die sich ziemlich widerlich eng an mich drängten und antanzten, wozu ich, eng bepackt wie ich war und zudem in der Hitze, weniger Lust verspürte. Und Zack! Da waren sie auch wieder weg und wie ich instinktartig nach meiner Hosentasche griff, so waren mein Handy und meine Geldbörse natürlich verschwunden. Ich ließ also meine Gitarrentasche in der Hand meiner Begleiterin und rannte, so schnell wie ich konnte, den gemeinen Dieben hinterher. Und man glaube es kaum: In weniger als zehn Metern Entfernung traf ich auf sie, wie sie gerade dabei waren, ihre Beute auszuwerten (die beschissenen Trottel) und so schnappte ich mir mein Zeug wieder. Und da mir mal wieder nichts adäquates auf Portugiesisch einfiel rief ich: „You dirty piece of shit!“ und war, da ich fuchsteufelswild und wütend war, drauf und dran dem einen Typen eins in seinen fetten Wanst zu geben, jener jedoch blitzartig die Flucht ergriff. Dabei indessen riss er einen Dosensammler zu Boden, welcher den Inhalt seines riesigen Sacks auf dem Pflaster verteilte. Hier in Brasilien gibt es zwar keinen Flaschenpfand oder dergleichen, jedoch sammeln die armen Leute Bierdosen, um sie beim Recycling abzugeben und dafür ein paar Centavos zu kassieren. Nun schauten mich alle feierwütigen Herumstehenden verwundert an, sah es doch so aus, als hätte ich gerade in meiner Rage den armen Dosenmann umgerannt und aufs übelste als Dieb beleidigt. Der richtige Dieb war bereits längst über alle Berge, was jedoch eigentlich auch egal war, hatte ich doch meine Sachen eh wieder. Nun jedoch dachte der Dosensammler tatsächlich, dass ich ihn meinte und versuchte mir kleinmütig und unterwürfig zu versichern, dass er ein braver Bürger sei. Er zeigte mir sogar seinen Pass (als wenn ich ein Cop oder so etwas wäre, oh Mann!). Ich machte ihm klar, dass alles okay sei und half ihm dabei, seine Dosen wieder aufzusammeln. Das jedoch führte zum nächsten Problem: Nun wollte er mein Kumpel sein und hart besoffen und nach Schweiß stinkend, wie er war, wollte er mich nun andauernd umarmen, wobei er sein ekelhaftes schwitziges Haar an meinem T-Shirt abwischte. Nach einer viertel Stunde war der Spuk jedoch zum Glück vorbei und ich war im Endeffekt ziemlich froh und auch ein wenig stolz darüber, dass ich mir meine Sachen wieder zurück erobern konnte.

Es ist jedoch auch etwas anderes an diesem schönen feierlaunigen Nachmittag geschehen. Bei einem Gay-Pride-Umzug schaut man sich natürlich auch gern die Leute an. Ich frage mich, ob ich jemals so viele Silikontitten an einem Tag gesehen habe, doch darum soll es hier nicht gehen. Irgendwann passierte es, dass dort im Gedränge irgendwo zwischen den vielen Menschen diese überaus astonishingly wunderschöne Frau daherschritt. Es war wie in dem berühmten Song von Jobim und Moraes, dem Garota da Ipanema: uma moça do corpo dourado** mit lockigem Haar und wie sich unsere Blicke trafen, so lächelte sie und als sie plötzlich direkt vor mir stand und mich fragte, ob ich sie küssen möge, sagte ich zum Glück diesmal nicht tchau, sondern nickte und es war ein überaus leidenschaftlicher und genussvoller Kuss, sodass ich noch den ganzen restlichen Tage im Großstadtdschungel von São Paulo und auf der Rückfahrt nach Capão „Oh Mann, oh Mann, Oh Mann...“ dachte und wie benebelt war, dass es nun eigentlich ein Leichtes hätte sein können, meine Brieftasche zu klauen, was jedoch glücklicherweise dann nicht mehr geschah. - Ai! - Das Problem an dieser Geschichte ist es allerdings, dass stets wenn ich erzähle, dass auf einer Gay-Pride-Parade die absolut schönste Frau, die ich jemals gesehen habe, mir einen Kuss verpasste, der von der Liebesgöttin Oxum persönlich hätte sein können, die Leute anfangen mich auszulachen und hämisch fragen, ob ich mir sicher sei, dass es tatsächlich eine Frau gewesen ist. Als stolzer Verfechter von lgbt*-Rechten stehe ich natürlich über dem billigen Spott der Massen und wie schrieb João Ubaldo Ribeiro einst doch so schön und treffend: „Es gibt keine Tatsachen, es gibt nur Geschichten.“ Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich sie nie wieder sehen werde.

Mh. Nun.

Gar nicht einmal so lange ist es her, da saß ich in der Imbissbude meines Vertrauens, als mich der Schwiegervater der Köchin auf ein Bier an seinem Tisch einlud und während wir so daherschwatzten über die brasilianische Geschichte und er mir die Verwandtschaftsgrade seiner Familie erläuterte, fängt er unversehens damit an, mir seine andere Stieftochter anzubieten und ist sich sogar nicht zu schade dafür, ihren Hintern in Verbindung mit überaus vulgären Gesten anzupreisen. Dankend lehnte ich ab und versuchte, während ich bemüht war, mein Bier so schnell wie möglich zu leeren, mir meine Verstörung nicht anmerken zu lassen. Ich glaube, ich sollte in Zukunft vielleicht vorsichtiger damit sein und meinen Spruch über die drei besonderen Qualitäten Brasiliens nicht allzu inflationär benutzen, ansonsten bin ich schneller verheiratet als ihr „O desinquivincavador das caravelarias desinquivincavacaria as cavidades que deveriam ser desinquivincavadas.“ sagen könnt.


Ai!


Ah ja und Musik! Das wird wohl immer einer meiner absoluten Favoriten der brasilianischen Musik bleiben. 
  

*absolut schönst
** eine junge Frau von goldenem Körper

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