Montag, 29. September 2014

Ein Kater, der den Daumen nach oben hält

Ahoi! Erster Bericht von vor Ort!

Das Wichtigste vorweg: Meine Fresse, tut das gut, Kartoffelland verlassen zu haben! Nach einer Woche Hier-Sein sage ich: Scheiße, ich fühl mich wohl! Du nimmst alles mit was du brauchst: drei Unterhosen, ne Gitarre und a little bit of love und ab geht‘s! All die ganzen Was-Willst-Du-Fressen, Bulletten-Nascher, Mercedsfahrer-Stock-Im-Arsch-Vorgarten-Schlipsaffen und anderen Ausgeburten der abendländischen Kultur lässt du hinter dir, setzt dich in einen Flieger und bist weg.

Weg-Sein. Auf dem Weg. Oh yeah!

Es war eine anstrengende erste Woche, Kinder; das sage ich euch! Wo fange ich an? Beim Abschied? Der war natürlich komisch, musste ein paar guten Menschen adeus sagen. Außerdem war ich ziemlich müde, weil wir ein verdammt geiles Wochenende in Berlin verbracht hatten. Lots of love and good friends, aber dann saß ich tatsächlich irgendwann in einem Flugzeug und war eigentlich recht gefasst. Ist schon komisch: Monate hatte ich auf diesen Moment hin gearbeitet und jetzt ging es tatsächlich los. Irgendwie unwirklich. Dann in London-Heathrow umsteigen. Gibt es eigentlich irgendwo auf der Welt einen guten Flughafen? Das Teil ist so dermaßen übertechnisiert, dass andauernd irgendwelche Fahrstühle und Terminal-Shuttle-Bahnen ausfallen. Ich bin also ziemlich ins Schwitzen gekommen und dann hatte ich nicht genügend Pounds am Mann für so ein nices Sitz-Kopfkissen, aber egal; später saß ich in meiner ersten Langstreckenmaschine in 11000 Meter Höhe oder so. Kleine Panikattacke: Du verlässt jetzt deinen Kontinent! Und das nicht nur zum Urlaub. Aber hat sich dann schnell wieder gelegt. Besser versuchen viel zu schlafen, weil es fröhliche elf Stunden mit wenig Beinfreiheit werden sollten. Das beste: Auf meinem persönlichen Unterhaltungsapperat läuft „The Fault in our Stars“. Großartige Verfilmung eines großartigen Buches (ja so etwas gibt es tatsächlich [es gibt sogar noch bessere Verfilmungen von guten Büchern, siehe Naked Lunch, aber das ist ein anderes Thema<Trippleklammer, weil‘s geil ist>]) und dabei ein paar Katzentränen vergossen und auf einmal bin ich in São Paulo, Brasilien, Süd-Amerika und muss mit ein bisschen Bammel daran denken, dass ich ja noch weiter muss. Im Vorfeld gab es nämlich ein wenig email-trouble darüber, ob und wie ich abgeholt werde. Es stellt sich heraus, dass mich Peggy, die Leiterin der Einrichtung, in welcher ich arbeiten werde, und ihre Tochter empfangen und wir dann vom nächsten Busbahnhof weiter nach Capão Bonito fahren, meiner neuen Heimat für ein Jahr, irgendwo in den Weiten von Brasilien.

Assoziationsübergang: Peggy und ihre Familie sind großartig; sie zeigen mir alles und lassen mich an ihrem Leben teilhaben. Die Kinder zeigen auf temperamentvolle Weise, dass der Alltag alles andere als langweilig sein muss. Bei ihnen hinterm Haus bin ich in einem kleinen Anbau untergekommen.





Das Nötigste ist vorhanden, zumindest meistens. Hier gibt es eine Regel: Je schlechter das Wetter ist, umso weniger funktionieren die Dinge. Innerhalb der letzten paar Tage gab es viel Regen und Unwetter, was untypisch für diese Jahreszeit sein soll und (aus welchem Grund auch immer) das Internet gut zum Stottern gebracht hatte. Das nächste Ding ist das Wasser. Vorgestern ist durch einen kleinen Unfall eine Leitung durchgebrochen, weswegen der Haupthahn zugedreht werden musste. Dafür gab es dann einen Tag lang Wasser aus dem Kanister, was natürlich durchaus zu verkraften ist. Beim Duschen bleibt es jedoch in der Regel recht frisch. An meinem Duschkopf ist zwar ein Heizmodul montiert - richtig stylisch mit offenen Kabeln - es hat jedoch den Anschein, dass ich entweder den Dreh nicht richtig heraus habe beim Umgang damit oder es schlichtweg einfach nicht funktioniert.



Hier noch ein Bild von meiner Bude:





Zur Arbeit: Die Kids sind großartig, auch wenn ich kaum ein Wort verstehe. In der Regel bin ich vormittags in einer Gruppe untergekommen mit Kindern im Grundschulalter. Sie bekommen ein Frühstück, dann wird gebastelt oder gemalt, dann gespielt und zum Schluss gibt's ein Mittagsmahl, bevor sie in die Schule gehen. Dazwischen natürlich allerlei Walldorf-Fingerspiele, Gesang und *seufz* ein paar Gebete. Nachmittags bin ich in einer Kleinkindgruppe. In einer Kleinkindgruppe! Mit so kleinen irrationalen Babys, die alles anrotzen, sich einscheißen, gegenseitig das Spielzeug klauen und Heulen können wie Fliegeralarm. War ja immer mein absolute Horror jemals als Erzieher in dem Berreich zu arbeiten, aber, hach, irgendwie sind sie ja auch süß die kleinen Sabbermaschinen. "Wääääh!" Zwischendurch mach ich einen auf Hausmeister Katze und klopf irgendwo mit dem Hammer drauf oder schleppe schwere Gegenstände durch die Gegend.

Sonder-Arbeits-Special in dieser Ausgabe! Am Sonntag gab es so eine Art Spendenaktion für die Einrichtung, betitelt „Almoço de São Micael“ (Das Mittagessen von Sankt Michael). Es ging darum, Essen in der Einrichtung verkloppen, um einerseits ein paar Reais hereinzubekommen und damit auch Leute aus anderen Stadtviertel das CREAR kennen lernen. Das CREAR? So heißt der Ort an dem ich arbeite. Abkürzung für Centro Recreativo Educacional Artístico Renascer, was so viel heißt wie, ähm... Zentrum für Unterhaltung, Bildung, Kunst und - hä? - Wiedergeburt (ich nehme an, das ist so im übertragenen Sinn gemeint; ich muss nochmal Peggy fragen). Die Vorbereitungen fürs Almoço starteten Donnerstag Abend. Von da an haben wir drei Tage durchgekloppt. Tomatensauce aus  frischen Tomaten herstellen, Teig machen, Käse schneiden und Kochen, Kochen, Kochen! Das war ein echt hartes Stück Arbeit. Irgendwie fehlt Wochenende, aber es war trotzdem 'ne gute Zeit. Tolle Leute kennen gelernt und viel gelacht. Außerdem hat‘s dem CREAR gut getan. Generell sind die Leute super nice. Jeder ist darum bemüht mein Portugisisch zu verbessern und ich fühl mich total gut aufgehoben. Das wird ein gutes Jahr!


Wenn ihr Facebook-Atzen seid, müsst ihr jetzt natürlich das CREAR liken! -> www.facebook.com/crearcapaobonito

Zeit für die lustigen Anektoden:

Ich hätte mir nie im Traum ausmalen können, wie lustig mein Name sein kann. Paul gibt es hier nicht. Nur in der Form von Paulo oder Paulinho oder wie auch immer. Jedenfalls haben die Leute hier Schwierigkeiten ein L auszuspechen. Da wird meistens ein U draus. Beispiel: Almoço - gesprochen: Aumossu mit der Betonung auf dem O, Kids. Wenn ich als Paul vorgestellt werde, fangen die Leute entweder an zu feiern wie die Irren oder versuchen es auszusprechen, was sich dann in etwa so anhört: Pau-! Pau-! So abhackt halt. Das Problem dabei: pão ist das portugisische Wort für Brot, pao heißt hier „Ständer“. :-/

Hier grassiert zur Zeit der Wahlkamf an jeder Ecke. Die Leute bekommen Geld von den Parteien, wenn sie sich Wahlwerbung an ihre Häuser oder Autos knallen. Oft kommt es vor, dass an einem ein Auto vorbei fährt, welches voll von Wahlpropaganda-Aufklebern ist und hinten Boxen aufgeladen hat, aus denen lautstark hiesige Politiker angehimmelt werden. Richtig scheiße laut und manchmal mit kitschiger Musik unterlegt.

Generell sind die Autos der Kracher. Das beste aus fünf Jahrzehnten fährt an dir vorbei, wenn du eine Viertelstunde durch die Stadt ziehst. An erster Stelle mit dabei: good old VW Käfer.

Hier gibt es überall Hunde, die auf der Straße rumrennen. Einmal haben mich ein paar bellend verfolgt, als ich mit dem Fahrrad unterwegs war. Das gab einen guten Adrenalinkick. Seitdem versuche ich den Viechern aus dem Weg zu gehen, was manchmal echt nicht gut klappt. Ansonsten alte Kläpper, Katzen, Hühner, Enten, Geier und fette Singzikaden - und das allein auf meinem Weg zur Arbeit. Achso, und echt viel Müll. Hier habe ich auch schon Müllsammler durch die Straßen ziehen sehen. Deswegen sagt Herbert, Peggys Mann: Keine Glasflaschen kaufen! Ansonsten verletzen sich die Sammler bei ihrer Arbeit :-(

Das war‘s für‘s erste! Ihr Lesenden, ich hab euch lieb! Bis zum nächsten Mal! Hier noch ein paar Bilder von meiner super-alten Schrottkamera! Ahoi! Und natürlich Musk: Baden Powell de Aquino, einer der großartigsten brasilianischen Gitarristen aller Zeiten!


 
Hauptgebäude vom CREAR





1 Kommentar:

  1. Hallo Miez,
    erstmal - Herzlichen glückwunsch zu Deinem neuen Blog und, dass Du Deinen Traum verwirklicht hast nach Brasilien zu gehen. Einfach Wunderbar! Jetzt geht das miezen so richtig los. Deine Geschihcte mit den kleinen "sabbermaschinen" hat es mir wirklich angetan. Und ich bin gespannt auf weitere Miauzige Storys!

    Alles Liebe, Wasana

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