Batata heißt Kartoffel. Man könnte dieses Zusammenspiel aus Swaheli und Portugisisch folgend übersetzen: „Es gibt keine Kartoffel.“ Das stimmt nicht ganz. Es gibt hier schon welche, doch werden sie nicht so ausgiebig konsumiert wie im Land der Alemannen (Das deutsche Volk atmet auf!). Außerdem gibt‘s hier Süßkartoffeln für einen Spottpreis, aber eigentlich habe ich keine Lust, euch weiter mit Gemüse zu langweilen. Es ist einiges passiert. Ich möchte ausfürlich berichten. Unter anderem von der Notfallpädagogik. Doch dazu später mehr. Eine jede Geschichte braucht ihren Anfang.
Es war einmal ein Kater. Er stand Busbahnhof irgendwo in den Weiten Brasiliens und wollte nach São Paulo fahren - allein in die 20-Millionen-Stadt. Ihm klopfte ein wenig das Herz, war es doch das erste Mal, dass er so richtig allein mit seinem platten A1-Portugisisch durchs Land der roten Erde reiste. Er folgte der Einladung seines pädagogischen Koordinators Reinaldo auf ein Seminar über Notfallpädagogik - irgendwo dort in dieser riesigen Metropole.
Der Kater saß also am Busbahnhof (rodoviário, sprich hodowiaariu - ein Wort, das man kennen sollte, wenn man von A nach B kommen möchte) und wartete zusammen mit anderen Reisenden auf seinen Bus, als nun vom Geschäft der gegenüberliegenden Straßenseite ein untersetzter Mann in hautengem Fußballtrikot, welches seine Bierplautze besonders ungünstig betonte, mit zwei Fresskörben unter den Armen angedackelt kam, genau vor mir stehen blieb, da ich ungünstigerweise genau auf der Mitte des Wartebereichs Platz genommen hatte und damit begann, lautstark seine Produkte feilzubieten. Ich habe nicht alles verstanden, aber durch die ständigen Wiederholungen, die er über den Platz brüllte, bekam ich mit, dass es sich bei seinen Waren um so ausgefallene Dinge wie Wasser, Cola, Pommes und Salzgebäck handelte - also alles Dinge, die man auch ohne Probleme im rodoviário bekam, wenn man sich die Mühe machte, den Hintern hochzunehmen und 10-15 Meter zur Imbissbude (lanchonete, sprich lanschonäätschi) zu gehen. Alle Anwesenden gaben sich Mühe so zu tun, als wäre der Typ nicht da und ich durfte um Himmels Willen nicht anfangen zu lachen! Nun war es so, dass sich im Wartebereich - wie auch sonst an jeder Ecke - zwei Straßenhunde aufhielten. Die Brasilianer sind natürlich keine Unmenschen (meistens gibt es sogar irgendjemanden, dem so ein Hund gehört) und stellen normalerweise den Viechern Wasser hin. So auch bei uns im Wartebereich. Der Typ also bemerkte (und kommentierte deutlich vernehmbar), dass man mal wieder das Wasser von den Hunden wechseln sollte, was er natürlich sofort in die Tat umsetzte. Er schüttete das alte Wasser auf dem Parkplatz aus und schlenderte dann gemütlich zum Klo (banheiro, ausgeprochen banjeeru), um den Napf wieder aufzufüllen. Dabei kommentierte er seine Handlungen unüberhörbar, damit absolut jeder im Busbahnhof wusste, was gerade Außergewöhnliches geschah. Nach verrichteter Arbeit versuchte er auf ein Neues uns für seine Snacks zu begeistern, doch immer noch gab es keine Resonanz "im Publikum". Hartnäckig wie der Herr jedoch war, gab er so schnell nicht auf. Er machte nicht gerade den Eindruck, dass er einfach so unverrichteter Dinge wieder abziehen würde. Doch er schaltete einen Gang runter. Nun fing er an ein Lied über Jesus (Dschässuss) anzustimmen und so war also der Moment gekommen, bei dem ich mein unterdrücktes Lachen nicht mehr halten konnte. Das Spektakel ging weiter: Mittlerweile versuchte einer der Wartenden sich die Zeit damit zu vertreiben, indem er anfing, einen Straßenhund mit Würstchen zu verköstigen. Als jedoch nun sein Bus anrückte, beschloss er seine Aufgabe an den Verkäufer im Trikot abzugeben und überreichte ihm eine Plastiktüte mit den Würtchen. Keine zwei Minuten später sehe ich ihn, wie er sich die Fleischereirerzeugnisse selbst in den Rachen schiebt. Hatte sich also doch gelohnt, herzukommen!
Mein Bus kam und ich fuhr vier Stunden durch die Landschaft. Danach verlor ich mich abermals vier Stunden lang durch São Paulo, wobei ich es erstaunlich finde, dass ich letztendlich trotzdem noch irgendwann an mein Ziel gelangte. In der Regel war es so, dass ich in irgendein Verkehrsmittel einstieg, es dann irgendwo anders wieder verließ und erst einmal absolut keine Ahnung hatte, wo ich war. Das aller Schlimmste sind die normalen Linienbusse. Zwar haben die meisten Haltestellen Namen, aber sie werden im Bus weder angesagt, noch angezeigt. Du musst also quasi wissen oder erkennen, wann du raus musst und für jemanden, der noch nie mit den Dingern gefahren ist, stellt sich das in gewisser Weise als Schwierigkeit dar. Ich hatte das große Glück, dass ein Mädel unter den Fahrgästen relativ gut in Englisch aufgestellt war und sie mir mit ihren Karten-Apps auf ihrem Handy weiter half. Ansonsten wäre ich, glaube ich, sonstwo gelandet. Generell musste ich mich an jeder Ecke durchfragen und so schaffte ich es dann irgendwie bei den Freunden der Erziehungskunst zu landen. Es war ein recht bedrückendes Ankommen, da unweit der Associação Amigos da Arte de Educar gerade ein Motorollerfahrer tötlich verunglückt war und der Plastiksack noch auf der Straße lag - umringt von Polizei und Schaulustigen.
Es war einmal ein Kater. Er stand Busbahnhof irgendwo in den Weiten Brasiliens und wollte nach São Paulo fahren - allein in die 20-Millionen-Stadt. Ihm klopfte ein wenig das Herz, war es doch das erste Mal, dass er so richtig allein mit seinem platten A1-Portugisisch durchs Land der roten Erde reiste. Er folgte der Einladung seines pädagogischen Koordinators Reinaldo auf ein Seminar über Notfallpädagogik - irgendwo dort in dieser riesigen Metropole.
Der Kater saß also am Busbahnhof (rodoviário, sprich hodowiaariu - ein Wort, das man kennen sollte, wenn man von A nach B kommen möchte) und wartete zusammen mit anderen Reisenden auf seinen Bus, als nun vom Geschäft der gegenüberliegenden Straßenseite ein untersetzter Mann in hautengem Fußballtrikot, welches seine Bierplautze besonders ungünstig betonte, mit zwei Fresskörben unter den Armen angedackelt kam, genau vor mir stehen blieb, da ich ungünstigerweise genau auf der Mitte des Wartebereichs Platz genommen hatte und damit begann, lautstark seine Produkte feilzubieten. Ich habe nicht alles verstanden, aber durch die ständigen Wiederholungen, die er über den Platz brüllte, bekam ich mit, dass es sich bei seinen Waren um so ausgefallene Dinge wie Wasser, Cola, Pommes und Salzgebäck handelte - also alles Dinge, die man auch ohne Probleme im rodoviário bekam, wenn man sich die Mühe machte, den Hintern hochzunehmen und 10-15 Meter zur Imbissbude (lanchonete, sprich lanschonäätschi) zu gehen. Alle Anwesenden gaben sich Mühe so zu tun, als wäre der Typ nicht da und ich durfte um Himmels Willen nicht anfangen zu lachen! Nun war es so, dass sich im Wartebereich - wie auch sonst an jeder Ecke - zwei Straßenhunde aufhielten. Die Brasilianer sind natürlich keine Unmenschen (meistens gibt es sogar irgendjemanden, dem so ein Hund gehört) und stellen normalerweise den Viechern Wasser hin. So auch bei uns im Wartebereich. Der Typ also bemerkte (und kommentierte deutlich vernehmbar), dass man mal wieder das Wasser von den Hunden wechseln sollte, was er natürlich sofort in die Tat umsetzte. Er schüttete das alte Wasser auf dem Parkplatz aus und schlenderte dann gemütlich zum Klo (banheiro, ausgeprochen banjeeru), um den Napf wieder aufzufüllen. Dabei kommentierte er seine Handlungen unüberhörbar, damit absolut jeder im Busbahnhof wusste, was gerade Außergewöhnliches geschah. Nach verrichteter Arbeit versuchte er auf ein Neues uns für seine Snacks zu begeistern, doch immer noch gab es keine Resonanz "im Publikum". Hartnäckig wie der Herr jedoch war, gab er so schnell nicht auf. Er machte nicht gerade den Eindruck, dass er einfach so unverrichteter Dinge wieder abziehen würde. Doch er schaltete einen Gang runter. Nun fing er an ein Lied über Jesus (Dschässuss) anzustimmen und so war also der Moment gekommen, bei dem ich mein unterdrücktes Lachen nicht mehr halten konnte. Das Spektakel ging weiter: Mittlerweile versuchte einer der Wartenden sich die Zeit damit zu vertreiben, indem er anfing, einen Straßenhund mit Würstchen zu verköstigen. Als jedoch nun sein Bus anrückte, beschloss er seine Aufgabe an den Verkäufer im Trikot abzugeben und überreichte ihm eine Plastiktüte mit den Würtchen. Keine zwei Minuten später sehe ich ihn, wie er sich die Fleischereirerzeugnisse selbst in den Rachen schiebt. Hatte sich also doch gelohnt, herzukommen!
Mein Bus kam und ich fuhr vier Stunden durch die Landschaft. Danach verlor ich mich abermals vier Stunden lang durch São Paulo, wobei ich es erstaunlich finde, dass ich letztendlich trotzdem noch irgendwann an mein Ziel gelangte. In der Regel war es so, dass ich in irgendein Verkehrsmittel einstieg, es dann irgendwo anders wieder verließ und erst einmal absolut keine Ahnung hatte, wo ich war. Das aller Schlimmste sind die normalen Linienbusse. Zwar haben die meisten Haltestellen Namen, aber sie werden im Bus weder angesagt, noch angezeigt. Du musst also quasi wissen oder erkennen, wann du raus musst und für jemanden, der noch nie mit den Dingern gefahren ist, stellt sich das in gewisser Weise als Schwierigkeit dar. Ich hatte das große Glück, dass ein Mädel unter den Fahrgästen relativ gut in Englisch aufgestellt war und sie mir mit ihren Karten-Apps auf ihrem Handy weiter half. Ansonsten wäre ich, glaube ich, sonstwo gelandet. Generell musste ich mich an jeder Ecke durchfragen und so schaffte ich es dann irgendwie bei den Freunden der Erziehungskunst zu landen. Es war ein recht bedrückendes Ankommen, da unweit der Associação Amigos da Arte de Educar gerade ein Motorollerfahrer tötlich verunglückt war und der Plastiksack noch auf der Straße lag - umringt von Polizei und Schaulustigen.
| Irgendwo zwischen den Häusern |
Ich lernte Bernd Ruf kennen, den Begründer der Notfallpädagogik und wir aßen gemeinsam mit Reinaldo und ein paar anderen von den Freunden zu Abend, bevor das Wochenendseminar mit einem Einführungsvortrag begann. Viele Leute haben vielleicht schon einmal etwas von Ärzte ohne Grenzen gehört und es gibt sogar Ingenieure ohne Grenzen, habe ich mir einmal sagen lassen. Salopp könnte man formulieren, dass die Notfallpädagogik ein pädagogisches Equivalent darstellt mit der Besonderheit, dass sie auf den Anschauungen der Waldorfpädagogik basiert. Gegründet wurde das Projekt im Jahre 2006, als zur Zeit der Fußball-WM der Herren ein Kinderfest in Stuttgart stattfand, bei welchem Schüler von Waldorf-Initiativen aus der ganzen Welt teilnahmen. Das Problem: Als der als Libanonkrieg bezeichnete gewaltvolle Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah auftrat, konnten die libanesischen Jugendlichen und deren Betreuer, die an dem Fest teilnahmen, nicht mehr in ihr Heimatland zurückkehren, da ein Flughafen zerstört war. Bernd organisierte eine Rückfahraktion über Syrien, an welcher er selbst teilnahm. Dort erlebte er leibhaftig, was ein Krieg bedeutet und lernte viele traumatisierte Kinder und Jugendliche kennen. Basierend auf seinen Vorkenntnissen als Sonderpädagoge und Waldorflehrer entwickelte er Methoden zur praktischen Intervention bei traumageschädigten Kindern und Jugendlichen und ist mittlerweile mit seinen Teams schon an vierzig notfallpädagogischen Aktionen beteiligt gewesen - u.a. in Gaza, auf den Philippinen und jüngst im Nordirak.
Nun bin ich zwar persönlich alles andere als ein Fan der Weltanschauungen Rudolf Steiners, jedoch finde ich auch, dass man einen Baum nach seinen Früchten bemessen sollte und bekenne einen großen Respekt vor den Leistungen der Notfallpädagogik. Über das Wochenende haben wir Teilnehmer in Erfahrung bringen können, was aus waldorfpädagogischer Sicht ein Trauma ist, wie es sich entwickelt und verhält und wie man es mit pädagogischen Mitteln behandeln kann. Die theoretischen Vorträge von Bernd wechselten sich dabei stets mit praktischen Workshops ab, die die vielen Powerpointfolien deutlich auflockerten. Workshops gab es im Bereich des Aquarellmalens, der Eurythmie und der Spielpädagogik. Um das Gelernte in ganz wenigen Sätze mit eigenen Worten zusammenzufassen: Nach einem traumatischen Schockerlebnis verdrängen Menschen in der Regel das Erlebte und versuchen unbewusst Strategien zu entwickeln, etwaigen zukünftigen Gefahrensituationen aus dem Weg zu gehen, wobei es durchaus passieren kann, dass sie neurotische oder psychotische Verhaltensmuster produzieren. Traumatisierte Menschen haben in der Regel ein schlechtes Körpergefühl, ein verkümmertes soziales Leben sowie eine geringe Achtung vor dem eigenen Selbst. Zu dem persönlichen Leidensdruck gesellt sich die Gefahr, vom Opfer zum späteren Täter zu werden. Praktische Interventionen bieten massives soziales und erlebnispädagogisches Spiel, das Herstellen von Rhythmen im Tagesgeschehen (wie z. Bsp. die gemeinsame Einnahme zeitlich geregelter Mahlzeiten) und die Förderung von kreativ-musischen Kompetenzen auf allen Sinneskanälen. Wer sich für das Thema weiterhin interessieren sollte, sei an die Seite der Freunde verwiesen. Es ist auch ein Buch über das Thema erschienen, natürlich von Bernd selbst verfasst und gerade erst auch in portugiesischer Sprache erschienen. Ach so, und vergesst den Like nicht!
| Innenhof der Pádeira |
Ansonsten hatte ich mich tierisch gefreut, neben den Leuten von den Freunden auch ein paar von meinen brasilianischen Mitfreiwilligen wieder zu sehen. Es war eine sehr angenehme Zeit mit viel Gastfreundschaft, Lachen und angenehmen Gesprächen. Untergekommen war ich in der Pádeia, einer Einrichtung für Theater, Kunst und Kultur, in welcher auch zwei Freiwillige von uns arbeiten. Das Ding hat sogar einen deutschen Internetauftritt, also schaut mal rein! Was ich nebenbei unglaublich crazy fand, war der Umstand, dass ich an diesem Ort, irgendwo in diesem Moloch von einer Metropole durch Zufall ein paar Deutsche von meinem Hinflug nach Brasilien wieder traf, die hier ein Kunstfestival unterstützten und Urlaub machten. Kartoffeln ziehen sich scheinbar unbewusst an!
Der Rückweg war ähnlich spannend wie die Hinreise. Eine Dreiviertelstunde im unklimatisierten Stadtbus bis mir schlecht wurde. Und dann vier Stunden auf den Reisebus warten, weil der Nachmittagsbus sonntags nicht fuhr (was jedoch auf der Internetseite des Unternehmens anders vermerkt war). Naja, immerhin kannte ich nun den Weg. Auf dem Busbahnhof ist mir ein Baby aufgefallen, weil es - von seiner Mutter getragen - immer mal wieder undefinierbare Schreiattacken bekam. Die beiden saßen dann während der ebenfalls vierstündigen Rückfahrt genau neben mir. Aber sowas bin ich ja bereits aus meiner Einrichtung gewöhnt...
Á propos, ich bin mittlerweile dabei, die kleinen Scheißer besser kennen zu lernen. Dass ich in der Kleinkindgruppe bin, hat so seine Vor- und Nachteile. Auf der einen Seite stellt das Portugiesisch kein Problem dar, weil die meisten eh nur kaum bis nicht sprechen können, andererseits lerne ich so die Sprache auch nicht wirklich. Naja, die Erkenntnis: Liebe kennt keine Sprachbarriere *schnulz*
Meistens hatte ich in der vergangenen Woche mit meinem kleinen Schreimonster zu tun. Sie macht sich jeden Tag besser. Ab und zu erlebe ich es, wie sie sich mit den Spielgeräten im Hof allein beschäftigt und vereinzelt gibt es sogar sozialen Kontakt mit den anderen Kids, jedoch auch meist nur von den anderen initiiert. Das Draußenspiel, was jetzt aufgrund von besserem Wetter täglich stattfindet, bietet ihr ziemlich viele Möglichkeiten die Welt zu entdecken. Die Spielzeuge sind zwar zu einem großen Teil aus Plastik und nicht waldorfgerecht, aber dafür, dass wir hier in einer recht armen Region sind, ist die Ausstattung eigentlich super. Mir persönlich geht das auch an meinem wuscheligen Katzenhintern vorbei; ich schreibe das hier nur so explizit, weil es irgendwelche „Pädagogen“ geben soll, die sich gerne über so etwas aufregen (ihr habt‘s erraten: natürlich allesamt Kartoffeln, die hier mal zu Besuch gewesen sind). Jedenfalls merke ich, dass meine kleine Heulboje jeden Tag neue Sachen lernt. Sei es das Schließen und Öffnen der Fenster von dem einen Häuschen auf dem Gelände, Treppensteigen oder vertrocknete Blätter zu zerraspeln. Mein absolutes Highlight ist folgendes: Die eine Erzieherin aus der anderen Krabben-Gruppe, die mit uns zusammen draußen ist, sitzt manchmal unter dem einen Baum und hat einen magischen Grashalm in der Hand, mit dem sie die Kinder in Vöglein, Hunde, Schmetterlinge (passarinhos, cachorros, borboletas - passarienjus, kaschoorrus, borbolähtas) und anderes Getier verwandelt. Dazu tippt sie die Kiddies mit dem Halm an und sagt "Bing!". Die Kinder rennen dann für gewöhnlich wie die Bekloppten durch die Gegend. Das haben ich und die Kleine natürlich nachgespielt und wenn ich ihr jetzt einen Halm in die Hand drücke, tippt sie damit die anderen Kinder an und sagt: "Bamng." Das ist so eines ihrer ersten Protowörter. Ich bin so stolz! Ansonsten versuche ich es beim Füttern so zu machen, dass sie mit mir den Löffel und den Becher gemeinsam hält, damit sie so das Selber-Essen schonmal ein wenig lernen und die Geschwindigkeit beim Essen kontrollieren kann.
Jup, ich habe einen kleinen Narren an ihr gefressen, was auch so seine Vor- und Nachteile hat. Sie kriegt natürlich von mir viel mehr Aufmerksamkeit als die anderen und manchmal klammert sie auf jeden Fall viel zu viel. Die Kiddies spielen immer eine Stunde draußen vor dem Abendessen. Nach spätestens einer Dreivierelstunde ist sie fix und fertig mit allem und will nur noch getragen werden. Aber sie ist nicht das jüngste Kind. Die Kleinste lernt gerade einmal das Laufen, braucht auch ganz viel Beachtung und muss oft getragen werden. Sie ist die Tochter von der einen Erzieherin aus meiner Gruppe und kann oft nicht so wirklich ruhig sein, was vor allem beim Mittagsschlaf schnell mal ein wenig ausarten kann. Wenn irgendein Kind wach wird, weiß es in der Regel, dass es ruhig bleiben muss, weil die anderen noch schlafen und es bekommt dann ein Kuscheltier, um sich zu beschäftigen. Nicht so die Kleine: Wenn sie nicht gerade schreit und damit den ganzen Saal aufweckt, fängt sie wie ein Sportflitzer an drauf los zu krabbeln - leider auch manchmal über die anderen hinweg und brabbelt dabei recht unbesorgt vor sich hin - "Ah! Gigiii!"
In keiner Kleinkindgruppe darf der Sadist fehlen. 2010 hatte ich einmal ein paar Monate im Waldorfkindergarten in Magdeburg gearbeitet und da gab es so einen kleinen, knuffigen, pausbäckigen Buben, der die anderen immer übelst hart schuppte. Wenn du ihn ermahnt hattest, schaute er dich einfach nicht an und verzog keine Miene. Ich fragte die Erzieherin, ob es es so etwas einen kindlichen Sadismus gäbe. "Auf keinen Fall!" schmetterte sie meine Frage ab, womit die Diskussion beendet war. Ein Erlebnis, was unter anderem dazu beigetragen hat, warum ich Waldorf eigentlich nicht ganz so ernst nehme. Die Lektüre einiger psychoanalytischer Werke später scheint jedoch meine Bedenken eher zu bestätigen. In jedem von uns sind destruktive und aggressive Kräfte am Werk. Bei manchen mehr und bei anderen weniger stark im Außen, von den meisten verdrängt. Gerade in frühkindlichen Epochen unseres Lebens können besagte Strebungen besonders augenscheinlich zum Vorschein treten, aber ich wollte hier eigentlich kein Referat halten sondern berichten. Hin und wieder stelle ich mir vor, was wohl die Kiddies machen werden, wenn sie groß sind. Ab und zu kommt mir auch der Gedanke, dass Erwachsene, die so drauf sind wie meine kleinen Schutzbefohlenen definitive Fälle für die Klapse wären (á la Convos with my 2-year-old, Achtung: Lachanfall vorprogrammiert!). Jedenfalls gibt es da den kleinen G., der gerne mal zubeißt. Du musst echt wie ein Schießhund aufpassen, denn wenn er in der Nähe von anderen ist, fängt bald jemand an zu schreien. Das gleiche Schema wie damals: absolute Ausdruckslosigkeit in seinem süßen, knuffigen Babyface. Und du kannst 10 mal was sagen, ohne dass es den geringsten Einfluss auf ihn hat. Seine bevorzugten Opfer: Mädchen, die jünger als er sind. Was seinen Fall besonders macht: Manchmal kriegt er Heulattacken, bei denen ich keine Ahnung haben, was sie auslösen. Sie halten auch nur kurz an. Es sind die Momente, wo man ihn am deutlichsten hört. Ansonsten ist er sehr still. Ein zwanzigsekündiges dumpfes "Baaaaah!" und das war‘s dann auch schon. Er beschäftigt sich die meiste Zeit allein (wenn er nicht gerade wieder zuschlägt). Ich kann ihn mir später sehr gut als verrückten SS-Wissenschaftler vorstellen, der Experimente an Menschen durchführt oder als jemanden, der sich nachts in dunklen Parks versteckt, um weiterhin seine Phantasien aus frühen Kindertagen befriedigen zu können. Ansonsten mag er es sehr, wenn man ihn auf den Armen hat und schaukelt. Man darf halt Kindern absolut nichts übel nehmen und muss manchmal eben 10.000 mal "dudu!" sagen.
Dann gibt es da noch einen, der ist so herrlich treudoof! Ganz harmloser lieber Bub. Manchmal kriegt er auch so eigenartige Heulkrampfattacken. Vielleicht vermisst er seine Ma, wer weiß? Der Hammer ist, dass meine Taktik vom ersten Versuch an immer wieder funktioniert hat. Er fängt an zu schreien und ich schaue ihn einfach so unseriös ernst/böse an wie z. B. jemand, der sich als Weihnachtsmann verkleidet hat und alle Kinder fragt, ob sie auch artig waren und dann hört der Typ auf mit weinen und grinst. Echt der Hammer!
So viel geschrieben, wie immer wenig Bilder und zum Schluss noch schöne Musik! Diesmal Bola Sete! Ausgebildeter klassischer Gitarrist, der brasilianischen Musik immer nah gewesen und dann völlig ausgeflippt, als er was von Django mitbekam. Unglaublich nicer Sound!
Es scheint, dass du jetzt ein ganzes Jahr mit den ganz kleinen arbeiten musst. Mal schauen, was das aus dir macht.^^
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