Samstag, 30. Juli 2016

Auswandern

Ich hatte meinen Anwalt im Internet ausfindig gemacht und was mir sofort ins Auge gestoßen war: Er ist der Leiter der Gesellschaft für Ausländer in Brasilien, hat ein Foto von sich und dem Ex-Präsidenten Brasiliens an einem auffälligen Ort auf seinem Blog positioniert und auf seiner Seite ist alles zu finden: von Deportation bis hin zu besonderen medizinischen Umständen. Schlicht alles, was juristisch mit Ausländern in Brasilien zu tun haben könnte. Ich hatte also meine letzte Rettung ausfindig gemacht! Es musste sein, hatte ich doch die Advokaten meines Bekanntenkreises bereits konsultiert mit der darauf folgenden Erkenntnis, dass Migrationsrecht keinen Bestandteil einer normalen juristischen Ausbildung in Brasilien ausmacht.

Dann war es so, dass ich mit ihm einen Termin vereinbarte, für welchen ich extra nach São Paulo fuhr. Also, dass sind gute vier Stunden mit dem Bus und danach nochmal mindestens eine Stunde mit der Metro und zu Fuß durch die Stadt. Er hat sein Büro am Sé; das ist einer der dreckigsten zentralen Plätze von SP, wo viele Obdachlose rumhängen oder so Leute, die mit Schildern durch die Gegend laufen mit Aufschriften wie "Kaufe Schmuck, Gold etc.". Das Lustigste war, dass ich Dr. Calderón, dessen Name selbst auf einen Migrationshintergrund schließen lässt, dann auf der Straße vor seinem Büro traf. Nun gut. Oben dann, im was weiß ich wievielten Stock angekommen, war das Erste dann folgendes: Ich völlig nervös meine Situation erklärend, er mir scheinbar nicht zuhörend meinen Ausländerausweis betrachtend. Wenn ich nervös bin, neige ich eh dazu, viel zu erzählen, um darüber hinwegzutäuschen, wie aufgeregt ich im Moment bin. Dann geht er an seinen Computer und tippt irgendeine kleingedruckte Nummer, die auf meinem Ausländerausweis steht, auf der offiziellen Seite des Ministeriums für Justiz in die Suchzeile, landet bei einem PDF und druckt es prompt aus. Ich weiterlabernd, er sich das Dokument durchlesend. Dann sagt er: "Weißt du was, du kannst dein Visum auf fünf Jahre verlängern. Schau hier!" Und ich so: "Waaaas!?"

Nun ist es nicht so, dass ich mich vor dem Treffen nicht ausführlich mit Visamöglichkeiten beschäftigt hätte. Ich bin übrigens auch der einzige Nichtbrasilianer aus meiner Seminartruppe damals gewesen, der sein Visum verlängerte. Selbst die Leute von unserer Organisation meinten zunächst, dass es nicht ginge, doch Naivität zahlt sich manchmal aus. Ich habe den Eindruck, bei dem Thema wird viel Unsinn verbreitet. Da ich wusste, dass die Polícia Federal für mein aktuelles Visum zuständig war, schaute ich mich auf ihrer Internetpräsenz einfach mal um und fand prompt eine Anleitung zur Verlängerung. Nun stand es also schwarz auf weiß vor mir, in Übereinstimmung mit Verordnung MJ nº 4/2015 sowie Artikel 22 aus Dekret n° 86.715/81 und wir können aus allen uns zur Verfügung stehenden Informationen schlussfolgern, dass ich mein Visum erfolgreich verlängern konnte, nachdem ich übrigens geschlagene vier Mal bei der Polícia Federal meiner Region aufgekreuzt war. An einer anderenStelle habe ich für diejenigen, die interessiert sein sollten, eine kleine Visa-Verlängerungsanleitung geschrieben. Doch zurück zur Geschichte.

Leider war es dann so, dass ich für den Fall bezüglich der fünfjährigen Verlängerung in der Einrichtung hätte bleiben müssen, was jedoch keine Option für mich gewesen wäre, weil ich den Dienst nicht nur schon längst beendet, sondern auch über hatte. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich sagte ihm also, dass dies höchstwahrscheinlich nichts wird. Dann zählte er mir die anderen Optionen auf, ich drückte ihm die erste Anzahlung in die Hand (bis heute hat er übrigens noch kein einziges Mal eine zweite Zahlung gefordert, obwohl ich ihn schon mehrmals darauf hingewiesen habe) und dann bin ich ziemlich aufgeregt und mit ratternder Birne wieder aus dem Laden gegangen.

Was interessant ist: Es gibt kein Visum, dass irgendwie einfach zu bekommen wäre oder ohne Risiko halt. Folgende Möglichkeiten gäbe es neben Heiraten oder Kinder bekommen: ein Investorenvisum (für das ich aber 150.000 € gebraucht hätte, von daher: *kleinetraurigeTrompete*), ein Arbeitsvisum, ein Eingetragene-Partnerschaftsvisum und das Visum für außerordentliche Fälle (dazu später mehr). Ansonsten Flüchtling oder dringende medizinische Behandlung, Diplomat, Missionar (tatsächlich gibt es dafür ein Extravisum!) oder dergleichen wären natürlich auch keine Optionen gewesen.

Zunächst dachte ich das Arbeitsvisum oder das Partnervisum wären Versuche wert gewesen. Bei dem Partnerschaftsvisum handelt es sich um folgendes: das ist besonders interessant für Leute, die in lgbt*-Partnerschaften leben. Die dürfen hier zwar nicht heiraten; unter der letztens eher liberal-sozialdemokratischen Regierung wurde aber ein Gesetz verabschiedet, dass die unter den quasi gleichen Rechten wie Eheleute zusammenleben dürfen und das gilt natürlich auch für Ausländer. Und dadurch, dass es sich um ein Gleichberechtigungsgesetz handelt, gilt das lustigerweise auch für heterosexuelle Paare. Dazu hätte folgendes passieren müssen: mein Anwalt wäre in die Stadt meiner Freundin gereist und hätte mit uns zusammen beim offiziellen Stadtnotar (weiß nicht, wie ich das Übersetzen soll: cartório – das ist eine sehr wichtige Einrichtung in jeder Stadt, die jedwede Dokumente beglaubigt und für den amtlichen Verkehr legalisiert. Sei es ein Vertrag, dass du ein Auto gekauft hast und damit offiziell bestätigst, dass es dir gehört oder eine Heirat vergleichbar mit einer standesamtlichen etc.) - also er hätte beim Stadtnotar eine öffentliche Bekanntmachung aufgesetzt, dass meine Freundin und ich zusammen wären. Dann hätten wir ein gemeinsames Bankkonto aufmachen und ein Jahr warten müssen, weil man dieses Partnerschaftsvisum nämlich nur bekommt, wenn man beweisen kann, dass man ein Jahr lang zusammen ist (mit der beschissenen Urkunde dann nämlich). Ich fand das Ganze irgendwie recht lustig und mein Anwalt hatte mir auch Bespiele aus aus seinen Klientenakten darüber gezeigt.

Das Ding war, als ich meiner Freundin davon erzählte, ich denke, das war der Moment, in welchem bei ihr die ersten Zweifel aufkamen und ich kann es letztendlich auch verstehen. Es wäre in vielerlei Hinsicht bedenklich gewesen, diese ganze Visageschichte von ihr abhängig zu machen. Wer mag schon ein komplettes Jahr in die Zukunft schauen, wenn man doch selbst nur ein halbes bisher zusammen ist? Wir sind nicht mehr zusammen und ich denke, dass das Thema Aufenthaltserlaubnis bei der ganzen Geschichte und Krise, die wir durchlebt haben, eine gewisse Rolle gespielt hat. Aber hey, es wäre eine Möglichkeit gewesen!

Variante zwei und mein eigentlicher Plan: ein Arbeitsvisum. Das wäre ziemlich abenteuerlich gewesen und zwar aus folgendem Grund: für ein Arbeitsvisum muss man ins Ausland fahren, weil so ein Visum nur bei einer brasilianischen Botschaft zu beantragen ist. Brasilianische Botschaften gibt es aus der Logik heraus nicht in Brasilien. Die nächste Botschaft befindet sich in Paraguay. Ich war sogar schon einmal in Paraguay auf dem größten beschissenen Schmuggelmarkt von ganz Südamerika ohne vorher wirklich etwas von seiner Existenz gewusst zu haben (interessanterweise ist das bras. Generalkonsulat da gleich um die Ecke), aber das ist eine andere Geschichte. Wenn alles außer Plan gelaufen wäre und ich kein Arbeitsvisum vor dem Ablauf meines aktuellen Visums bekommen hätte, hätte ich das Risiko in Kauf nehmen müssen, die brasilianische Grenze illegal zu überqueren und ich hätte das sogar bestimmt gemacht (ich sah mich auch schon alternativ im Bus nach Uruguay oder Bolivien sitzen, aber egal!). Der große Haken am Arbeitsvisum: Brasilien mag es nicht, wenn noch mehr arme Leute in das Land kommen. Wer ein hohes Einkommen hat, der muss auch schön hohe Steuern bezahlen (Das Verhältnis ist übrigens eins zu eins. Wenn du z. Bsp. R$ 1500 im Monat netto verdienst, hast du zusätzlich R$ 1500 Steuern am Hals.) Und um zu garantieren, dass du kein beschissener armer Ausländer bist, geben die nur Leuten ein Arbeitsvisum, die einen Vertrag mit einem monatlichen Einkommen von R$ 2000 mitbringen (ja richtig: plus fucking R$ 2000 Steuern). Das ist nicht gerade wenig Geld hier und ich lebe in einer sehr armen, abgehängten Stadt (nicht ohne Grund bin ich hier ursprünglich als Entwicklungshelfer angekommen). Ich habe mich nun als Deutsch- und Englischlehrer auf alle potentiell mir zur Verfügung stehenden Stellen beworben und nirgendwo würde ich auf so ein hohes Einkommen stoßen. In größeren Städten vielleicht, aber nicht hier. Zudem wollte ich eh nicht hier weg wegen meiner Ex-Freundin und der Brotfabrik (das wäre auch nochmal eine andere Geschichte; ich habe gewisse Geschäftsideen...). Dass das also nichts wird, ist mir bewusst geworden, nachdem ich ein paar recht demotivierende Bewerbungsgespräche hatte („Hey, du kannst ja vielleicht aushilfsmäßig bei uns arbeiten. Wir melden uns dann im in ein bis zwei Monaten.“). Von daher habe ich letztendlich meinen Anwalt gebeten, die Idee zu ändern und eine Bitte für ein Visum für außerordentliche Fälle einzureichen (was wäre ich auch anderes als ein solcher!). Es handelt sich dabei um folgendes: Wenn du einen beschissenen Beweis dafür hast, dass ausgerechnet du gut für Brasilien bist, dann geben sie dir eine permanência, ein beschissenes permanentes Visum für den beschissenen Rest deines Lebens (das kriegst du sonst nur bei Heirat oder Kindern, zum Vergleich Arbeitsvisum: ein Jahr mit Möglichkeit auf Verlängerung auf ein weiteres Jahr; das gleiche gilt für mein aktuelles Visum [Visum für soziale Arbeit und Forschung übrigens nebenbei bemerkt]). Und dafür gibt es in der Hauptstadt Brasília einen offiziellen Rat, der dann darüber entscheidet, ob du krass genug bist. Mein Anwalt meint, mit der Brotfabrik, die wir gerade bauen, und allem stehen die Chancen ziemlich gut wie gesagt. Das freut mich sehr. Was auch cool ist, dass ich das Land nicht verlassen muss (jedoch auch nicht darf, ist aber bequemer als illegal über die Grenze...). Das wird schon klappen. Ein bisschen verrückt ist das jedoch schon alles.


Mein Anwalt ist übrigens Peruaner. Ich hatte ihn gefragt, ob er aus Paraguay kommt, weil neben seinem Schreibtisch im Büro ein kleines Tischchen mit haufenweise Krams drauf steht unter anderem mit einer paraguayischen Flagge. Und er: „Nein, das sind alles Geschenke von meinen Klienten. Das war von einem aus Paraguay. Hier, das ist ein Bier aus Kuba...“ etc. etc. Über allem hängt natürlich nochmal in einem fetten verschnörkelten Holzrahmen das Bild von ihm mit dem Expräsidenten Lula (da hatte er es geschafft, dass irgendein Migrationsgesetz geändert wurde, I don‘t remember, was genau). „Meine Klienten vertrauen mir.“ Was lustig ist, dass ich keine fünf Minuten vorher Einblicke in die privaten Akten von einigen seiner Fälle hatte, als er mir die Visaprozesse verdeutlichte (mit einigen intimen Details: Partnerschaftsvisum → Kuschelfotos als Beweise, dass die Herrschaften zusammenleben etc.). Dann hatte ich ihn einmal zwischendurch angerufen, als ich irgendeine Frage hatte und er so: „Ich kann gerade nicht, amigo! Es sind gerade fünf Argentinier ins Gefängnis gekommen und jetzt habe ich alle Hände voll zu tun! Um abraço! Bis später!...tut...tut...tut...“ Oder halt so Sachen wie Emails und WhatsApp-Nachrichten mit Smileys. Ich weiß nicht, das alles sind Sachen, die ich von einem Anwalt eigentlich nicht erwarten würde und der Typ war auch hart gepimpt in seinem Anzug als ich in São Paulo war, aber hey, das ist halt Südamerika hier. Ich muss mich an vieles noch immer gewöhnen. Aber das Wichtigste ist eigentolich, dass ich ein gutes Gefühl bei der Sache habe im Moment.

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